Entfesselung antikirchlicher Pöbelinstinkte

Zwei, drei, vier — Innitzer krepier“, „Innitzer an den Galgen“, „Innitzer und Jud’ — eine Brut“. Mit solchen Sprechchören zogen aufgeputschte Massen am Abend des 13. Oktober 1938 am Erzbischöflichen Palais in Wien vorbei. Vorausgegangen war eine Kundgebung der NSDAP, zu der 200.000 Wiener auf dem Heldenplatz zusammengeströmt waren. Was sie einte, war der Haß „auf die Pfaffen“ und die katholische Kirche als Institution. Die nationalsozialistisch Gesinnten waren erbittert über die Unterdrückung während der klerikal geprägten Dollfuß-Schuschnigg-Ära, viele von ihnen waren schon in der Vergangenheit aufgeschlossen gewesen für die Parolen der Los-von-Rom- Bewegung. Wer bisher sozialdemokratisch oder kommunistisch orientiert war, hatte im Einflußbereich der atheistisch-antiklerikalen Propaganda des Austromarxismus gestanden, der als besonders kirchenfeindlich galt. Die zur Kundgebung mitgeführten Spruchbänder zeigten den Massen die Sündenböcke an: „Pfaffen an den Galgen“, „Innitzer nach Dachau“, „Ohne Jude, ohne Rom wird erbauet Deutschlands Dom“. NS-Eingriffe ins katholische Vereins- und Schulwesen Gauleiter und Reichskommissar Josef Bürckel versetzte die riesige Menschenmenge dann mit einer gehässigen Hetzrede in die erwünschte aggressive Stimmung gegen den Wiener Erzbischof, der von Emigranten wie großen Teilen der Auslandspresse wegen seiner Rolle beim Anschluß Österreichs als „Nazi-Kardinal“ tituliert wurde. Für die radikal kirchenfeindliche Strömung im österreichischen Nationalsozialismus war Theodor Innitzer ein volksfeindlicher Provokateur. Die angeblich ungeheuerliche Provokation des Kardinals lag erst wenige Tage zurück. Am 7. Oktober, dem Rosenkranzfest, waren zu einer Jugendfeier mit dem Kardinal 6.000 Wiener Jugendliche im Stephansdom zusammengekommen. Angesichts der zahllosen NS-Eingriffe in das katholische Vereins- und Schulwesen und sogar in Seelsorgeregelungen, zu denen es nach dem Anschluß gekommen war, war der unerwartet starke Zustrom der Jugend ein Zeichen der Solidarisierung mit der bedrängten Kirche. Nach dem Gottesdienst huldigten die Jugendlichen dem Kardinal vor dessen Palais. Besonders anstößig für Nationalsozialisten war, daß die Jugendlichen in Sprechchören riefen: „Wir wollen unseren Bischof sehen!“, weil dies dem Ruf „Wir wollen unseren Führer sehen!“ sehr ähnlich war. Innitzer zeigte sich nur kurz am Fenster. Auch ein gemeinsam gesungenes religiöses Treuelied mag NS-Fanatiker aufgebracht haben. Wenig später zog Hitlerjugend vor das Palais und skandierte: „Unser Glaube ist Deutschland!“ Am nächsten Abend stürmten etwa einhundert HJ-Angehörige und junge Nationalsozialisten überraschend das erzbischöfliche Palais und zertrümmerten das Inventar. Bei den Verwüstungen schreckten sie auch nicht vor brutaler Gewalt gegen Priester zurück. Der Domkurat wurde durch ein Fenster in den Hof geworfen und dabei schwer verletzt. Die sofort alarmierte Polizei erschien erst nach vierzig Minuten, so hatte es der nationalsozialistische Polizeipräsident bestimmt. Anstatt von dieser Untat abzurücken, veranstaltete Gauleiter Bürckel die Haßkundgebung. Als Reichskommissar für die Eingliederung Österreichs hatte er ursprünglich die ehrgeizige Absicht gehabt, in Österreich einen Modus vivendi zwischen Kirche und Staat zu finden, der für einen Abbau des Weltanschauungskampfes im Altreich Vorbildcharakter haben sollte. Zeitweise fand er Zustimmung bei Hitler und Goebbels — aus taktischen Gründen. Aber Himmler, Heydrich und Bormann arbeiteten heftig gegen solche Pläne und fanden Unterstützung bei den fanatisch antikatholischen Kräften in Österreichs NSDAP. In den Verhandlungen, die mit Lügen, Verdrehungen, Gewaltakten einhergingen, verkalkulierte sich Bürckel. Durch die zahllosen Konkordatsbrüche im Altreich und die schwere Schädigung der Kirche im nationalsozialistisch gewordenen Österreich hatten die antideutschen Kräfte im Vatikan an Gewicht gewonnen. Papst Pius XI. hatte jedes Vertrauen in die deutsche Seite verloren. Dem österreichischen Bischof Alois Hudal, der sich mit großem Engagement um eine Befriedung bemühte, erklärte er, man müsse ganz im Gegensatz zur Zeit vor 1933 sagen: „Fides Germanica, nulla fides“ (Deutsche Treue, keine Treue). Bürckel wollte nicht zu den Verlierern gehören, daher stellte er sich nun mit seiner Hetzrede an die Spitze der Kirchenfeinde. Deutschnational, aber antinationalsozialistisch Einen ähnlichen Fall der Entfesselung antikirchlicher Pöbelinstinkte hatte es im Frühjahr 1938 im Bistum Rottenburg gegeben. Bischof Sproll hatte sich geweigert, an der Volksabstimmung über den Anschluß Österreichs und der damit verknüpften Reichstagswahl teilzunehmen. Der betont nationale Sproll begrüßte die Wiedervereinigung mit Österreich, sah sich aber nicht in der Lage, die „Liste des Führers“ zu wählen, da dort bekannte Gegner des Christentums zu finden waren. Auch hier steigerten sich die Aktionen der NSDAP gegen den Bischof bis zur Erstürmung des Palais mit Plünderung und Brandstiftung. In der Beurteilung des Falles, der die polizeilichen und administrativen Organe sowie die Parteigremien bis hoch zur Reichsebene beschäftigte, war man sich uneinig. Hitler ordnete eine Lösung an, bei der die Partei , die zunächst vom Vatikan die Abberufung Sprolls gefordert hatte, ihr Gesicht wahren konnte. Der aus Rottenburg nach Freiburg verjagte Bischof durfte sein Bistum bis Kriegsende nicht mehr betreten. Kardinal Innitzer hingegen wurde nicht aus Wien vertrieben, das hätte Hitlers Innen- und Außenpolitik zu sehr geschadet. Unter dem in Österreich sich verschärfenden Kulturkampf (Österreich war „konkordatsfreier“ Raum) litt Innitzer sehr. Antiklerikale Demonstration in Wien, Oktober 1938: Papst Pius XI. hatte jedes Vertrauen in die deutsche Seite verloren

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