Die Wiedergeburt des gelben Drachens

Als 1949 der letzte amerikanische Botschafter China verließ, rief ihm Mao Zedong höhnisch nach: „Leb wohl, Leighton Stuart!“ Wegen der in aller Stille erfolgten Abreise des Diplomaten sprach Mao, der kurz darauf die Gründung der, kommunistischen Volksrepublik proklamierte, von einem „Symbol des völligen Fiaskos der amerikanischen Aggressionspolitik“. Daß jetzt, knapp sechzig Jahre später, in Peking ein US-Präsident sowie Staatsund Regierungschefs aus aller Welt der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele beiwohnten, wird den meisten Chinesen als Anerkennung der wiedergewonnenen Stärke des einstigen Reichs der Mitte, besonders aber als eindrucksvolle Bestätigung Maos prophetischer Worte gelten: „Unsere Nation wird nie wieder eine gedemütigte Nation sein. Wir haben uns erhoben!“ Ob sich George W. Bush der historischen Tragweite dieses Augenblicks ebenfalls bewußt war, dürfte angesichts der im Westen grassierenden Geschichtsvergessenheit eher zweifelhaft sein. Doch auch für das Völkerleben gilt die Erkenntnis, daß es ohne Wissen um die Herkunft keine Zukunft geben kann. Für den Westen, insbesondere für die USA, ist diese Erinnerungsarbeit schmerzlich, weil sie einmal mehr ein Kapitel der Heuchelei, der Doppelmoral und der Desinformation bloßlegt. Mit einer von Außenminister John Poster Dulles entwickelten Politik des containment, der Eindämmung, hatten die Vereinigten Staaten zwei Jahrzehnte lang die Volksrepublik – ein Land mit geographischen Dimensionen von Norwegen bis Italien und von Frankreichs Atlantikküste bis zum Ural -wie einen Aussätzigen der Staatengemeinschaft behandelt und versucht, ein Viertel der Menschheit zu isolieren. Ende 1969 indes mußte der US-Historiker Hans Morgenthau feststellen: „Es ist eindeutig, daß unsere Isolierungspolitik ein kompletter  Fehlschlag war. Nicht China ist isoliert, sondern Amerika.“ Schon längst nämlich waren selbst die Verbündeten der USA nicht mehr bereit, Washington auf seinem Anti-Peking-Kurs zu folgen. Das Scheitern der amerikanischen China-Politik wurde für nüchterne Beobachter evident, als sich herausstellte, daß die Hoffnungen der USA trogen: Der von Außenminister Dean Acheson angesichts des ungeheuren Ernährungs-  und Bevölkerungsproblems, vor dem die Kommunisten standen, 1949 prophezeite und dann jedes Jahr wieder angekündigte „wirtschaftliche Zusammenbruch“ der Volksrepublik trat nicht ein. Den Revolutionären um Mao und Zhou Enlai gelang im Gegenteil in verhältnismäßig kurzer Zeit, was die mit Washington verbündeten chinesischen Nationalisten nie zustande gebracht hatten und was schließlich ihre Niederlage im Bürgerkrieg besiegelte: die kargen Mittel des Landes auf alle zu verteilen, den Mangel zu organisieren und mit Hilfe eines „Sparsamkeitsregimes“ ein damals zu achtzig Prozent aus Analphabeten bestehendes Volk ins 20. Jahrhundert zu führen. Wie gigantisch die Leistung ist, ein Volk von mittlerweile 1,3 Milliarden Menschen zu nähren, zu kleiden und mit Wohnraum zu versorgen, ist im Westen nie gerecht gewürdigt worden. Dabei sind dies die elementaren Menschenrechte, die erfüllt sein müssen, um überhaupt ein Leben in Würde führen zu können. Wäre die chinesische Regierung den ständigen Einreden des Westens gefolgt und hätte nach dessen Modell parlamentarische Demokratie und individuelle Freiheitsrechte importiert, wäre das Riesenreich – wie so oft in seiner Geschichte – wohl längst in bürgerkriegsartigen Wirren auseinandergebrochen. Ein Flüchtlingsstrom unabsehbaren Ausmaßes hätte nicht zuletzt auch der Bundesrepublik zu schaffen gemacht, deren Politiker und Intellektuelle Peking mit wohlfeilen Ratschlägen und oberlehrerhaften Ermahnungen traktieren, obwohl Deutschlands erste Demokratie jämmerlich gescheitert und die zweite ein Oktroi der westlichen Siegermächte ist. 1960 schrieb die Pekinger Volkszeitung mit Blick nach Washington: „Das chinesische Volk schafft sich in seiner Heimat voller Fleiß ein friedliches neues Leben und tut sein Bestes, um mit seinen Nachbarn in Frieden zu leben; es hat sich nicht in fremde Länder und nach Übersee begeben, um dort Militär- und Raketenbasen zu errichten. Warum also sollte man ihm feindlich begegnen?“ Auf diese rhetorische Frage des KP-Organs entgegnete den Männern um Mao ein nahezu einstimmiger Chor aus den USA: China sei „aggressiv“, „expansiv“, „bar jeder Vernunft“ und der „Weltfriedensfeind Nummer eins“. In Wahrheit jedoch war die Volksrepublik, wie man heute weiß, damals keineswegs expansiv, sondern ein Land, dessen Weg aus Armut, Krankheit und Unwissenheit für viele Länder der Dritten Welt Modellcharakter anzunehmen begann, zumal dieser Aufstieg aus eigener Kraft, ohne Auslandshilfe und ohne Kredite erreicht wurde – gegen das Embargo und die Blockade der USA und ihrer Verbündeten sowie gegen die Sabotage der Sowjetunion, die 1960 ihre Techniker aus China abberufen und mehr als 600 Industriebetriebe halbfertig zurückgelassen hatte. Dessen muß man sich erinnern, will man die historische Bedeutung der Olympischen Spiele für China ermessen. Im Westen jedoch ist man nur allzu leicht geneigt, die Vergangenheit zu verdrängen; die Chinesen indes haben jenes unrühmliche Kapitel nicht vergessen  sie mußten zu teuer dafür bezahlen. Denn auch daran sollte man denken: Seit 1950 hatten die USA einen Stützpunktgürtel rings um China gelegt, in Korea interveniert und Peking mit dem Einmarsch gedroht, in Südvietnam mit einem Expeditionskorps von 500 000 Mann eingegriffen und Nordvietnam,  Chinas unmittelbaren Nachbarn, mit einem Bombenteppich belegt. Die verbale Militanz der USA war für Peking nicht minder besorgniserregend. So erklärte 1954 Admiral Radford: „Rotchina muß vernichtet werden, und wenn der Krieg fünfzig Jahre dauert. Wenn China in den Indochina-Krieg eingreift  ,um so besser. Wir sollten ohne Zögern die sich dadurch bietende Gelegenheit benutzen, um Peking volle nukleare Behandlung zu erteilen.“ Noch 1967 meinte Verteidigungsminister Robert McNamara vor dem Budget-Ausschuß des Repräsentantenhauses, daß die Explosion von fünfzig Atombomben über den fünfzig größten Städten und Stadtgebieten der Volksrepublik „günstige Resultate“ bringen würde. Diese Aussprüche und die dahinterstehende Kreuzzugsmentalität muß man sich ins Gedächtnis rufen, um in den damaligen Propagandaschlachten auf beiden Seiten nicht Ursache und Wirkung zu verwechseln. Heute ist im Westen von alldem nicht mehr die Rede, doch angesichts des von Präsident Bush 2001 ausgerufenen „Kriegs gegen den Terror“, der sowohl im Irak als auch in Afghanistan mit mehr als zweifelhaftem Er folg geführt wird, kann man sich nicht nur in rhetorischer Hinsicht des Eindrucks eines Déjà-vu-Erlebnisses nicht erwehren. Damals war es ein Konservativer, der die desaströse US-Politik beendete. 1967 schrieb Richard Nixon, der zwei Jahre später das Präsidentenamt übernahm, in der Zeitschrift Foreign Affairs: „Auf lange Sicht können wir es uns einfach nicht leisten, China auf alle Ewigkeit außerhalb der Völkergemeinschaft zu halten. Auf unserem kleinen Planeten gibt es nicht soviel Raum, daß eine Milliarde potentiell fähigster Menschen in zorniger Isolation leben.“ Und drei Jahre darauf stellte der demokratische Senator George McGovern fest: „Die sich um das kommunistische China rankenden Mythen und Ängste gehören zu den gefährlichsten Unwahrheiten der amerikanischen Politik. Schon in den Indochina-Krieg sind die USA mit der falschen Annahme geführt worden, China wolle seine Nachbarn überfallen und beherrschen.“ Da das Festhalten Washingtons an der Anerkennung der auf Taiwan als „Republik China“ etablierten Militärdiktatur Chiang Kaisheks als der einzig rechtmäßigen chinesischen Regierung „pure Heuchelei“ sei, plädierte McGovern für die baldige Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Peking. Ein Jahr später, im Oktober 1971, erlitten die USA mit dem Ausschluß Nationalchinas aus der Uno und der Aufnahme der Volksrepublik ihre bis dahin schwerste Niederlage in der Weltorganisation. Fünf Monate danach zog der Republikaner Nixon die Konsequenzen und besuchte als erster amerikanischer Präsident Peking. Die USA erkannten jetzt an, daß Taiwan ebenso wie Tibet ein integraler Bestandteil Chinas ist und verpflichteten sich zur Nichteinmischung in dessen „innere Angelegenheiten“. Mittlerweile ist die Volksrepublik politisch, militärisch und wirtschaftlich eine Weltmacht, die bald Deutschland als führende Exportnation überholen wird. In seinem Selbstverständnis knüpft China heute dort wieder an, wo das älteste Kulturvolk der Welt vor 400 Jahren auf seinem geistigen und politischen Höhepunkt gestanden hatte, ehe der bittere Niedergang begann. 1842, nach dem von Großbritannien begonnenen und gewonnenen Opiumkrieg, mußte der Drachenthron den ersten „ungleichen Vertrag“ unterzeichnen, in dem China gezwungen wurde, Hongkong abzutreten sowie fünf weitere Häfen für den britischen Handel zu öffnen. Diesem Beispiel folgend, wurden Peking ähnliche „ungleiche Verträge“ von den USA, Frankreich, Belgien, Schweden, Norwegen und Portugal, später auch von Rußland und Deutschland aufgenötigt. Durch diese Abkommen wurde Chinas Souveränität stark eingeschränkt, so daß es Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Status eines halbkolonialen Landes herabsank: Fast alle bedeutenden wirtschaftlichen Unternehmen standen unter der Kontrolle ausländischen Kapitals, christliche Missionen erhielten Sonderrechte, die Fremden in ganz China wurden der Gerichtsbarkeit ihrer jeweiligen Konsulate unterstellt, die ausländische Schiffahrt genoß auf allen Gewässern  absolute Freiheit, und Peking verlor Teile seiner Zollhoheit. In einem Park in Schanghai machte ein Schild mit der Aufschrift „Für Hunde und Chinesen verboten!“ unmißverständlich klar, daß die von den westlichen Demokratien proklamierten Freiheits- und Menschenrechte nur selektive Geltung besaßen. Es bleibt das Verdienst der Revolutionäre um Mao Zedong, ihre gedemütigte Nation wieder aufgerichtet und auf die weltpolitische Bühne zurückgebracht zu haben. Kein Zweifel: In ihrer mehr als viertausendjährigen Geschichte ist es den Chinesen mehrheitlich noch nie so gut gegangen wie heute, auch haben sie noch nie soviel Freiheit genossen, mag man deren Grad im Westen auch als noch viel zu gering einschätzen. Die Opfer jedoch, die diese unbestreitbaren Erfolge gekostet haben, sind so monströs, daß sie die Vorstellungskraft übersteigen. Hauptverantwortlich dafür ist Mao selbst.   Peter Kuntze war von 1968 bis 1997 Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Foto: US-Präsident Bush in Peking bei Chinas Staatschef Hu Jintao

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