Die Heimstatt des nationalpolnischen Chauvinismus

Das Phänomen der bereitwilligen Indienststellung der Wissenschaft für die Ziele einer nationalistischen und expansiven Politik hat in der jüngeren Forschung breite Aufmerksamkeit gefunden. Besonders die deutsche „Ostforschung“ der Zwischenkriegszeit und ihre teils unrühmliche Rolle als Stichwortgeberin für die Lebensraumkonzepte der Nationalsozialisten wurden und werden im Rahmen des deutschen Bewältigungsdrangs historisch umfassend aufgearbeitet. Im Bewußtsein der interessierten Öffentlichkeit weniger präsent ist da schon die Tatsache, daß es in Polen die komplementäre Tradition einer nicht minder politisch motivierten „Westforschung“ gibt, die in ihren ideologischen Ursprüngen bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Der große Einfluß, den diese Disziplin schon vor 1939 entfalten konnte, relativiert erheblich den bis heute gepflegten Mythos, Polen sei bei Ende des Zweiten Weltkrieges lediglich das handlungsunfähige Objekt einer von den Alliierten in Jalta und Potsdam ausgekungelten „Westverschiebung“ gewesen. Das Programm einer weitreichenden Westexpansion Polens war bereits um die Jahrhundertwende von den Publizisten Jan Ludwik Popławski und Roman Dmowski formuliert worden, den Begründern der Partei der Nationaldemokraten. Historisch verbrämt wurden diese Forderungen durch den Rückgriff auf das mittelalterliche Herrschaftsgebiet der Piasten-Dynastie, eingebettet waren sie in ein sozialdarwinistisches Weltbild, dem zufolge ein wiedererstandenes Polen dauerhaft nur lebensfähig sein konnte bei einer gleichzeitigen Schwächung Deutschlands bzw. einer vollständigen Vernichtung des verhaßten Preußen. Im Vertrag von Versailles waren die polnischen Territorialziele aus Sicht der Nationaldemokraten somit nur unzureichend verwirklicht worden, die neue Grenze wurde in weiten Teilen des polnischen politischen Spektrums genausowenig als endgültig akzeptiert wie in der Weimarer Republik. In dieser Situation fand die deutsche „Ostforschung“ in der polnischen „Westforschung“ ihr wissenschaftliches Pendant. Deren Vertreter sammelten sich zum Großteil an der 1919 gegründeten Adam-Mickiewicz-Universität in Posen und suchten anhand historischer, archäologischer, linguistischer und geographischer Forschungen den „urpolnischen“ Charakter der Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße zu beweisen. Eine Vielzahl entsprechender Publikation diente zum einen als pseudo-wissenschaftliches Fundament für die immer stärker forcierte Politik einer „Entgermanisierung“ der vom Deutschen Reich zwischen 1919 und 1922 abgetretenen Gebiete, zum anderen sollte sie die vorerst noch unerfüllt gebliebenen Gebietsansprüche fest im Denken der polnischen Bevölkerung verankern. Als junges, aufstrebendes Talent unter den Westforschern galt rasch der 1900 in Ostgalizien geborene Mediävist und Rechtshistoriker Zygmunt Wojciechowski, der seit 1929 einen Lehrstuhl in Posen innehatte und in der Beschäftigung mit den „Westgebieten“ sein Lebensthema fand. Ihm ist unlängst auch von deutscher Seite eine Biographie gewidmet worden (Markus Krzoska: Für ein Polen an Oder und Ostsee. Zygmunt Wojciechowski als Historiker und Publizist, Göttingen 2003). Wie kein anderer steht Wojciechowski für das Konzept einer „angewandten Wissenschaft“, also für die Verschränkung von wissenschaftlicher Empirie und Methodik mit nationalpolitischen Zielsetzungen im Sinne des „polnischen Westgedankens“. Entsprechend blieb er seiner Mission auch nach 1939 unter deutscher Besatzung treu und fungierte im Untergrund als das Haupt eines Netzwerks von Forschern, die im Fall einer deutschen Kriegsniederlage auf eine Verwirklichung ihrer territorialen Ziele hofften. Bereits unmittelbar nach der Räumung der polnischen Kerngebiete durch die Wehrmacht propagierte Wojciechowski im Dezember 1944 in einem Memorandum die Gründung eines besonderen „Westinstituts“ (Instytut Zachodni) in Posen, dessen Direktor er nach dem offiziellen Gründungsakt im Februar 1945 wurde. Oberste Aufgabe der neuen Einrichtung sollte laut Wojciechowski sein, die Integration der Oder-Neiße-Gebiete — die offiziell erst auf Grundlage des Potsdamer Abkommens vom August 1945 polnischer Verwaltung unterstellt wurden — wissenschaftlich zu flankieren und die polnische Regierung in diesem Sinne „fachkundlich“ zu beraten. Die enge Symbiose von Wissenschaft und Propaganda sprach er dabei ganz offen aus: „Die polnische Propaganda darf sich nicht auf die Beschreibung der Untaten und Verwüstungen beschränken, die die Deutschen in Polen begangen und durchgeführt haben. Sie sollte breiter und tiefer greifen. Die Aufgabe unserer Historiker ist es, den westlichen Völkern zu zeigen, wie die deutsche Politik im Laufe eines Abschnitts von tausend Jahren ausgesehen hat.“ In den Augen Wojciechowskis war die Expansionspolitik der Nationalsozialisten lediglich der Höhepunkt eines seit Jahrhunderten ungebrochenen deutschen „Drangs nach Osten“, als dessen Stationen ihm die mittelalterliche Ostsiedlung, die Ordenskriege, die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert sowie Bismarcks Germanisierungspolitik galten. Zugleich sah er in der „Heimkehr“ der „wiedergewonnenen Gebiete“ und deren ethnischer Säuberung das Resultat eines natürlichen und letztlich unausweichlichen Prozesses, den der Krieg lediglich beschleunigt habe. Das Posener Westinstitut war als das Zentrum eines umfassenden Forschungsverbundes konzipiert, politisch war seine Stellung angesichts der Machtverhältnisse im neuen Polen aber von Anfang an problematisch: Wojciechowski, von Haus aus eigentlich strammer Antikommunist, mußte ideologische Zugeständnisse machen, indem er das Bündnis mit der Sowjetunion und die Abtretung der polnischen Ostgebiete nun zur unabdingbaren Voraussetzung für die Erfüllung der „historischen Mission“ im Westen erklärte. Gleichwohl war er als „bürgerlicher Nationalist“ wiederholt Attacken von seiten seiner marxistischen Fachkollegen ausgesetzt, die sich nach der endgültigen Durchsetzung des Stalinismus in Polen 1948 noch verstärkten. Sein Institut geriet in immer stärkere politische Abhängigkeit und mußte Mittelkürzungen und Personalabbau hinnehmen. Zudem erforderte die Gründung der DDR als „sozialistischer Bruderstaat“ ein etwas ambivalenteres Deutschlandbild, als Wojciechowski es stets verfochten hatte. Manche seiner Mitstreiter wurden im Zuge stalinistischer Säuberungswellen gar verhaftet, er selbst blieb bis zu seinem Tod 1955 aber unangetastet. Sein Westinstitut überdauerte ihn, es wurde als polnische Antwort auf die im Marburger Herder-Institut revitalisierte „Ostforschung“ in der Bundesrepublik noch gebraucht. Die Zeitenwende von 1989/90 hat den Weg freigemacht für eine unvoreingenommenere Sicht der Vergangenheit, entsprechend gestalten sich die deutschkundlichen Publikationen des Westinstituts seit bald zwei Jahrzehnten erheblich vielseitiger und objektiver. Daß die Tradition eines aggressiv germanophoben Nationalismus in Teilen der polnischen Gesellschaft höchst lebendig geblieben ist, hat sich in der zweijährigen Regierungszeit der Rechtsaußen-Koalition unter Jarosław Kaczyński aber gezeigt. Einer der maßgeblichen Verfechter dieses Nationalismus wird jedenfalls bis heute ganz offiziell als Namensgeber geehrt: „Westinstitut: Zygmunt-Wojciechowski-Institut für wissenschaftliche Forschung in Posen“. Foto: Polnisches Propagandaplakat aus den dreißiger Jahren formuliert territoriale Ansprüche bis Leipzig (Lipsk) und Lübeck (Lubeka), „…wir reichen weit nach Westen. Das kleinste Sandkorn polnischer Erde wird zurückkehren in das Mutterland“: Posener Westinstitut in Erfüllung der historischen Mission Foto: Zygmunt Wojciechowski (1900—1955): Ethnische Säuberung das Resultat eines natürlichen und letztlich unausweichlichen Prozesses

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