Die Beseitigung eines „hartnäckigen Störenfrieds“

Am 25. November 2008 wurde in der Krypta der Krakauer Kathedrale das Grab des polnischen Exil-Ministerpräsidenten Władysław Sikorski (1939—1943) geöffnet. Die Staatsanwaltschaft hatte dies angeordnet, um mit Hilfe modernster kriminaltechnischer Untersuchungsmethoden letzte Klarheit über die wahren Todesumstände des polnischen Generals und Politikers zu gewinne, der vor über 65 Jahren durch einen Flugzeugabsturz in der Nähe Gibraltars ums Leben kam. Kaum war nämlich die Meldung vom „Unfalltod“ des polnischen Regierungschefs Wladislaw Sikorski am 4. Juli 1943 verbreitet, wurden bereits die ersten Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt laut. Luftsachverständige und kritische Zeitbeobachter hielten aus unterschiedlichen Gründen die Version vom „tödlichen Flugzeugunfall“ für wenig glaubhaft. Ihnen fiel einerseits auf, daß beim gemeldeten Absturz der von Sikorski benutzten Maschine nicht alle Passagiere gleichermaßen zu Tode kamen, sondern — fast wie gezielt — nur ein Teil von ihnen. Andererseits war nicht verborgen geblieben, daß der polnische Ministerpräsident bei Stalin in tiefste Ungnade gefallen war. Sikorski hatte nämlich die von den Deutschen im April 1943 entdeckten Leichen polnischer Offiziere bei Katyn als Opfer des sowjetischen Geheimdienstes angesehen. Voll gespielter Empörung nahm Stalin diese Mutmaßung zum Vorwand für seinen Bruch mit der polnischen Exilregierung in London und ließ Władysław Sikorski als „Kollaborateur Hitlers“ verdächtigen. US-Präsident Franklin D. Roosevelt und Premierminister Winston Churchill, die insgeheim die Befürchtung Sikorskis teilten, empfanden den vom polnischen Premier immer wieder vorgebrachten Verdacht gegen Stalin auf Dauer als eine zunehmende Belastung ihrer Allianz und sannen auf „Abhilfe“, zumal Sikorski mit ihnen auch in der polnisch-russischen Grenzfrage in Gegensatz geraten war. Während Roosevelt und Churchill die Moskauer Forderung nach Rückgabe der von den Polen 1921 annektierten westukrainischen und westweißrussischen Gebiete und damit die Anerkennung der sogenannten „Curzon-Linie“ als künftige polnische Ostgrenze unterstützten, trat Sikorski für den Verbleib dieser Gebiete jenseits der „Ribbentrop-Molotow-Linie“ bei Polen ein. Ein Verschwinden Sikorskis von der politischen Bühne, so kalkulierte man in London, Moskau und Washington, eröffnete die Chance, das Anti-Hitler Bündnis zu festigen. Wie sehr man in London und Wa­shington ein Ausscheren Moskaus aus der gemeinsamen Front gegen Deutschland fürchtete, belegt ein der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingelstadt vorliegender Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen Churchill und Roosevelt vom 29. Juli 1943. Darin teilte der britische Premier dem US-Präsidenten mit, daß „Uncle Joe (Spitzname für Stalin) gegenüber den Nazis unangemessene Annäherungsschritte im Hinblick auf eine Verhandlungsregelung unternommen“ habe. Eine Parteinahme für Sikorski konnte die Neigung Stalins, sich separat mit Hitler zu arrangieren, nur noch steigern — wie schon beim überraschenden Hitler-Stalin-Pakt im August 1939. Auch Roosevelt war der Meinung, daß Sikorski „ein hartnäckiger Störenfried“ und daher auszuschalten sei. Churchill äußerte sich schließlich wortwörtlich zur „Beseitigung Sikorskis“: „Diese Dinge, so unangenehm sie auch sein mögen, müssen im Interesse der gemeinsamen Sache einfach gemacht werden“ , um dann Roosevelt mit in die Verantwortung für dem „Unfalltod“ des polnischen Exil-Ministerpräsidenten zu nehmen: „Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie unsere persönlichen Unterhaltungen über genau dieses Thema vergessen haben, als ich zuletzt in Wa­shington war. Das ist schließlich erst vor zwei Monaten gewesen. Ihre Ansichten in der Sache entsprachen den meinen fast völlig.“ Churchill erhärtete seinerseits noch zusätzlich den Tatverdacht durch seine pikierte Replik auf Roosevelts Versuch, sich aus Rücksicht auf die polnischen Wähler in den USA aus der Mitverantwortung für Sikorskis Tod zu stehlen, wenn er Roosevelt im zitierten Telefongespräch unmißverständlich erklärte: „Sie wissen sehr wohl, daß wir den Fall Sikorski bis ins kleinste Detail besprochen haben und auch, daß Sie mit meiner Lösung vollständig einverstanden waren. Sie können ganz gewiß Ihre Kenntnis oder Ihre Verantwortung nicht in Abrede stellen. Das werde ich nicht akzeptieren.“ Roosevelt entgegnete allerdings unwirsch: „Sie werden das wohl annehmen müssen. Ich wiederhole, daß ich vorher keine Kenntnis hatte“, um dann Churchill hart mit der Bemerkung anzugehen: „Einer meiner vertrautesten Berater machte, als er von dem Unfall hörte, die Anmerkung, daß zu viele Leute, die mit Ihnen (Churchill) nicht übereinstimmen, tödliche Flugzeug­unfälle haben.“ Zudem betonte Roosevelt gegenüber seinem Bundesgenossen die große Bedeutung seiner Präsidentschaft und belehrte Churchill: „Wenn ich nicht nominiert werde, kam ich nicht gewählt werden. Verstehen Sie das nun? Und wenn ich nicht gewählt werde, wird mein wahrscheinlicher Gegenspieler, den die Reaktionäre und die Geschäftskreise in der Hand haben, aller Voraussicht nach mit keinem von Ihnen, und insbesondere nicht mit Uncle Joe, so kooperativ und freundschaftlich sein. Sollte ich fallen, könnte die Allianz ins Wanken kommen, und sie würde es wahrscheinlich auch. Uncle Joe dürfte dann wohl einen Separatfrieden mit Hitler machen, und was würde dann aus England? Hitler könnte seine Wut und seine Luftwaffe gegen Euch wenden als Vergeltung für solche Dinge wie den letzten Angriff auf Hamburg“, womit er direkt auf die zwei Tage zuvor gestartete „Operation Gomorrha“ mit über 35.000 Toten anspielte. Eine unverblümte Verdeutlichung der Macht der Vereinigten Staaten und zugleich auch eine herbe Demütigung des einstigen britischen Weltreichs, als dessen Hauptsachwalter sich Winston Churchill begreifen und damit auch für dessen Schicksal verantwortlich fühlen mußte. Ohne es offenbar beabsichtigt zu haben, trug Präsident Roosevelt in diesem abendlichen Telefongespräch am 29. Juli 1943 viel zur Klärung noch wenig aufgehellter zeitgeschichtlicher Vorgänge bei. Zugleich erhellte der Telefondisput zwischen „Admiral Q“ und „Colonel Warden“ — wie sich Roosevelt und Churchill zur Tarnung stets gegenseitig vor dem Gespräch auf ihren Sonderkommunikationsgeräten der New Yorker American Telephone & Telegraph Gesellschaft und der British Post in London anmelden ließen — das im Sommer 1943 zwischen den Westmächten und der Sowjetunion herrschende Verhältnis. Als zeitgeschichtliche Quelle zur derzeit in Polen virulenten Frage nach den wahren Todesumständen Władysław Sikorskis enthält dieses Telefongespräch brisanten Sprengstoff. Foto: Erstes Treffen der polnischen Exilregierung im französischen Angers unter Vorsitz von General Władysław Sikorski am 11. November 1939: „Den Fall Sikorski bis ins kleinste Detail besprochen“

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