Joachim Kuhs

 

Der letzte Bismarckianer

In diesem August gefiel es Rußland, die bundesdeutsche Eiapopeia-Diplomatie mit dem wahren Leben bekannt zu machen: Geopolitik, Groß-Macht und so. Für Frau Merkel und Herrn Steinmeier sind das böhmische Dörfer, die derzeit halt im Kaukasus liegen. Man muß daher schon dankbar sein, wenn das Duo mit sinnfreien Ausflügen nach Tiflis nur die Umwelt und den Steuerzahler schädigte. Daß inzwischen ausgerechnet eine deutsche Kanzlerin sich im Namen des „Völkerrechts“ für die territoriale Integrität Georgiens stark macht, gibt der Berliner Außenpolitik sogar noch eine spaßige Note. Angesichts solcher Kapriolen haftet dem Blick zurück etwas Unfaires an, da man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, Zwerge nicht an Riesen messen sollte. Was sich aber trotzdem aufdrängt, wenn sich ausgerechnet in den Wochen, die Rußland im Zentrum „internationaler Turbulenzen“ sehen, der Todestag des Reichsaußenministers und Botschafters Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau zum 80. Mal jährt. Der Holsteins Uradel entstammende Graf, 1869 geboren, war einer der letzten „Bismarckianer“ im Auswärtigen Amt. Wer zur Schule ging, als der „Gewaltfrieden“, das Versailler Diktat noch im Lehrplan des Geschichtsunterrichts stand, dürfte den legendären Auftritt des ersten Außenministers der Weimarer Republik nicht mehr aus dem historischen Gedächtnis verlieren: die schwarzen Handschuhe wie absichtslos auf den soeben, in der „Stunde der Vergeltung“, überreichten Vertragstext gelegt, auf Clémenceaus Anklagerede demonstrativ sitzend eine Antwort erteilend, so wie ein Feudalherr mit einem Winkeladvokaten eben zu verkehren pflegt. Geschehen am 7. Mai 1919. Sechs Wochen später trat Brockdorff-Rantzau zurück, weil er sich im Reichskabinett nicht damit durchsetzen konnte, die Unterschrift unter das Diktat zu verweigern, um im festen Vertrauen auf die innere Uneinigkeit der Feinde Deutschlands, auf die „Selbstzersetzung der gegnerischen Front“, durch ein kurzes „Fegefeuer zur Freiheit“ zu gelangen. Der Kopf der Zentrumspartei, Mat-thias Erzberger, sein außenpolitischer Widersacher, schrie dem Grafen daher den Vorwurf der „Vabanquepolitik“ ins Gesicht. Erzberger, der im November 1918 in Compiègne den Waffenstillstand aushandelte und gern anstelle des Grafen auch die deutsche Delegation in Versailles geführt hätte, stellte mit diesem hysterischen Auftritt die Weichen in Richtung Unterzeichnung. Mit Erzberger und Brockdorff-Rantzau gewannen fundamentale außenpolitische Gegensätze Gestalt, ja überhaupt in unvereinbaren Weltanschauungen wurzelnde Arten, Politik zu treiben. Erzberger: süddeutsch, katholisch, rundlich, jovial schwäbelnd, ewig lächelnder Daueroptimist, die „Weltanschauung des Kleinbürgers in der höchsten Potenz“ (Edgar Stern-Rubarth) verkörpernd. Dagegen Rantzau: norddeutsch, protestantisch, hager, wortkarg, sich in schneidender Diktion äußernd, menschenscheuer Pessimist. Erzberger glaubte mit der Moral als politischem Faktor kalkulieren zu dürfen. Der Graf, als Schüler Bismarcks, kannte nur Interessen. Erzberger, bei Kriegsausbruch noch wilder Annexionist, suchte 1917 im Westen die „Verständigung“ mit der Entente. Brockdorff-Rantzau half als Gesandter in Kopenhagen mit, Lenin aus der Schweiz nach St. Petersburg zu bringen, um wenigstens Rußland zum Frieden zu zwingen. 1919 setzte Erzberger darauf, daß auch bei den Alliierten kleinbürgerliche Moralisten die Politik bestimmten. Also empfahl er, möglichst schuldbewußt aufzutreten, alle Anklagen zu akzeptieren, unterwürfig alles zu unterschreiben, um „Verzeihung“ zu betteln, um wieder in die „Völkerfamilie“ aufgenommen zu werden. Dem diplomatischen Denkstil Rantzaus war so etwas zutiefst fremd und zuwider. Hinter dem moralischen Nebel erkannte er in Versailles den amoralischen Materialismus von 27 beutegierigen Staaten, die sich auf das militärisch geschlagenen Deutsche Reich stürzten. Keine Frage: Mit Genscher, Kinkel, Fischer, Steinmeier hat der Typus Erzberger auf der ganzen Linie gesiegt. Ende 1922 ging Brockdorff-Rantzau als Botschafter nach Moskau — um von dort das Unheil von Versailles zu korrigieren. Hier galt es den Hebel anzusetzen, um das Reich in den Kreis der großen Mächte zurückzubringen. Wieder spielte die Moral dabei keine Rolle. Der Graf sah es nicht als seine Aufgabe an, die bolschewistische Sowjetregierung auf die Einhaltung der „Menschenrechte“ zu verpflichten. Sechs Jahre lang versuchte der notorische Nachtarbeiter die deutsch-russischen Beziehungen möglichst eng zu gestalten. Im August 1928, kurz vor seinem Tod am 8. September, stellte er sich selbst dafür ein eher bescheidenes Zeugnis aus. Im unablässigen Streben, „das deutsche Volk auf die Höhe zu bringen, die ihm gebühre“, glaubte er in Moskau noch nicht genug getan zu haben. Der Sterbende, der auf dem Totenbett lakonisch bekannte „ich sterbe gern — ich bin ja schon in Versailles gestorben“, kehrte auf seinen Posten nicht zurück. Am 13. September 1928 ist Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau auf seinem Landsitz Annettenhöh vor Schleswig beigesetzt worden. Wer heute den Weg zum Grab sucht, muß Entdeckertalent beweisen. Denn die mit Gedenkorten gespickte Museumsstadt Schleswig spendiert für Annettenhöh nicht das kümmerlichste Hinweisschild. Wer es trotzdem findet, pirscht sich dann durch Buchengestrüpp, unterquert eine Bundesstraße, die den Park seit vierzig Jahren durchschneidet, und steht dann vor der letzten Ruhestätte des Diplomaten, muß jedoch erst den Porphyr reinigen, um seinen Namen auf der mächtigen Grabplatte zum Vorschein zu bringen. Dann allerdings streift an diesem verwunschenen Ort der Mantel der Geschichte den Besucher, der ganz gewiß sein darf, daß hier am 8. September niemand einen Kranz im Auftrag des Auswärtigen Amtes niederlegt. Foto: Brockdorff-Rantzau als Botschafter (mit Zylinder in der Hand) beim Vorbeimarsch der Ehrenkompanie vor dem Moskauer Kreml 1922: „Ich sterbe gern — ich bin ja schon in Versailles gestorben“

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