Joachim Kuhs

 

Bei Pearl Harbor in die Falle gegangen

In Japan ist eine neue Diskussion über die Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg entbrannt. Anlaß dafür ist die im Oktober erfolgte Veröffentlichung eines Artikels des Luftwaffen-Chefs Toshio Tamogami. Japan habe, so der General, am 7. Dezember 1941 vor allem deshalb den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii angegriffen, weil es von den USA provoziert und in eine Falle gelockt worden sei. Japan sei 1941 nicht Aggressor gewesen, sondern habe sich verteidigt. Japan, das damals in Ostasien eine Kolonialmacht wie die westlichen sein wollte und damit seine angestrebte Vorherrschaft über Teile Ostasiens rechtfertigte, habe sich zunehmend „umzingelt“ gefühlt. Mandschukuo, Japans Marionettenstaat in Nordostchina, und das kolonisierte Korea hätten, so Tamogami, der Sicherung des „Gegenufers“, der Verbreiterung der Rohstoff- und Wirtschaftsbasis, aber auch als Bollwerk gegen den Kommunismus gedient. „Das Internationale Militärtribunal für den Fernen Osten hat dann die ganze Verantwortung für den Pazifikkrieg auf Japan geschoben, und diese Meinungsmanipulation führt das japanische Volk 63 Jahre nach dem Krieg noch immer irre“. Dieses Geschichtsbild hat in der liberaldemokratischen Regierungspartei durchaus Anhänger, auch prominente. Allerdings: Keinem Amtsträger ist es gestattet, so etwas deutlich auszusprechen. Denn als offizielle Position hat Japan seine Kriegsschuld akzeptiert und sich, wenngleich gewunden, bei seinen Nachbarn entschuldigt. Immer wieder pilgern Politiker der LDP zum Yasukuni-Schrein, in dem die japanischen Gefallenen — einschließlich der von US-Gerichten als „Kriegsverbrecher“ verurteilten und hingerichteten Generale des Zweiter Weltkriegs — als „Heldenseelen“ verehrt werden. Die Eile, mit der Taro Aso, erst seit zehn Wochen Ministerpräsident, Tamogami sofort aus dem Amt jagte, dürfte deswegen eher dem außenpolitischen Tabubruch als dem Geschichtsbild des Generals gegolten haben. Mit seiner als politisch unkorrekt geltenden Äußerung, der Erfolg der taiwanesischen Schulpolitik erkläre sich auch aus der langen japanischen Kolonisation der Insel, hatte Aso selbst vor kurzem bei den Nachbarn für Irritationen gesorgt. Aber Japan will sich nicht erneut in ein Gezänk mit China und Südkorea um seine Geschichte verheddern. Tamogami selbst kommentierte seine Entlassung mit den Worten, Japan sei ja „wie Nordkorea“, es herrsche „keine Meinungsfreiheit“. Grosso modo lehren auch die Geschichtsbücher, die an Deutschlands Schulen zugelassen sind, daß 1941 die militaristischen Japaner, die mit Hitler und Mussolini unter einer Decke steckten, die friedliebenden USA ohne Vorwarnung heimtückisch überfallen und damit in den Zweiten Weltkrieg hineingezwungen hätten. Wie wenig diese Darstellung von den historischen Fakten gedeckt wird, zeigte bereits 1947 das Buch des US-Historikers George Morgenstern, das den Titel trug „Pearl Harbor. The Story of the Secret War“. Morgenstern, Mitherausgeber der Chicago Tribune, hatte darin das Material amtlicher Untersuchungsausschüsse zu Pearl Harbor so weit wie damals möglich aufgearbeitet. Das offizielle Washington versuchte zu dementieren, denn das Material, das die Ausschüsse gesammelt hatten, war für den inzwischen verstorbenen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und seine Mannschaft verheerend. Es zeigte nämlich, daß Roosevelt von dem bevorstehenden japanischen Angriff auf Pearl Harbor nicht nur gewußt hatte, sondern ihn selbst provozieren ließ, um die USA gegen den erklärten Willen der US-Bürger und des Kongresses in den Krieg zu bugsieren. (Erst 1998 kam es unter dem Titel „Pearl Harbor 1941“ zu einer deutschen Ausgabe von Morgensterns Buch im Münchner Herbig Verlag.) Schon seit 1947 hätte man also eine Vorstellung davon haben können, daß und weswegen Roosevelt unbedingt im europäischen Krieg zugunsten Großbritanniens und später der Sowjetunion intervenieren wollte. Aber obgleich sich die USA wegen der Sicherung britischer Geleitzüge durch US-Zerstörer seit Winter 1940 de facto im Seekrieg mit Deutschland befanden, war es Roosevelt nicht gelungen, Hitler zu einer Kriegserklärung zu provozieren. Der Umweg über Japan, das mit Deutschland und Italien in einem „Dreimächtepakt“ verbunden war, bot die einzige Hintertür zum Krieg. Ein gutes halbes Jahrhundert nach Morgenstern kam der amerikanische Historiker und Journalist Robert B. Stinnett zur gleichen Beurteilung. Unter dem Titel „Pearl Harbor: Wie die amerikanische Regierung den Angriff provozierte und 2.476 ihrer Bürger sterben ließ“ erschien seine umfängliche Untersuchung auch auf deutsch (Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 2003). Stinnett, der in jahrelanger Recherche über 200.000 Dokumente analysiert und zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt hatte, lieferte eine noch prononciertere Antwort auf die klare Frage: „Wußte Roosevelt von dem geplanten Angriff?“ Stinnetts Antwort: „Eindeutig ja.“ Er nennt den Angriff „eine gut vorbereitete und kühl umgesetzte politische Strategie“ der amerikanischen Regierung, um sich gegen den breiten Willen der US-Bevölkerung am Zweiten Weltkrieg beteiligen zu können (JF 41/03). Stinnett hat die Vorgeschichte des japanischen Überfalls auf Pearl Harbor minutiös aus den in zahllosen Archiven und unter Geheimhaltung aufbewahrten Unterlagen rekonstruiert. Daraus ergibt sich ein noch schärferes Bild, als es Morgenstern bereits gezeichnet hatte. Er weist zudem nach, daß die USA und ihre Streitkräfte seit Oktober 1940 in der Lage waren, die Absichten der japanischen Regierung sowie ihrer Seestreitkräfte mitzuverfolgen, soweit sie sich aus deren Funktätigkeit ergaben. Die Aufklärungssituation gegenüber Japan wurde in einem engen Beraterkreis um Roosevelt geheimgehalten. Dieser Kreis legte am 7. Oktober 1940 dem amerikanischen Präsidenten einen Acht-Punkte-Plan für eine umfassende provokative Aktion gegen Japan vor — mit dem Ziel, einen japanischen Angriff auf amerikanische Streitkräfte auszulösen. Der Plan wurde Zug um Zug umgesetzt: Die USA begannen Anfang 1941 gemeinsam mit Großbritannien und den Niederlanden den Chinesen erhebliche Wirtschafts- und Militärhilfe zum Kampf gegen Japan zu gewähren. Am 29. Mai 1941 wurde die Ausfuhr strategischer Güter von den Philippinen nach Japan eingestellt. Nach der japanischen Besetzung von Nord-Indochina, zu der Vichy-Frankreich seine Zustimmung erteilte, verhängten die USA, Großbritannien und die Niederlande ein Handelsembargo und blockierten die japanischen Konten. Der Panamakanal wurde für japanische Schiffe gesperrt — ein schwerer Schlag für Japan, das auf diese Weise von Lieferungen des für die Schwerindustrie erforderlichen Rohstoffs Metall-Schrott und von seinen wesentlichen Ölquellen abgeschnitten wurde. Das Embargo kam wegen Japans besonderer Abhängigkeit vom Außenhandel einer Blockade gleich. Eine Erwürgungssituation wurde geschaffen, die nicht lange von Bestand sein konnte und entweder zur Einigung oder zum Kriege führen mußte. Diese Wirtschaftsstrategie war von Kriegsminister Henry Stimson entworfen worden, der sich bereits seit 1931 mit Blockadeplänen gegen Japan beschäftigt hatte und den Roosevelt gerade wegen dieser Kenntnisse 1940 ins Kabinett holte obwohl er Republikaner war. Die amerikanische Marine, die in die Absichten der Roosevelt-Clique nicht eingeweiht war, warnte in einer Beurteilung dieser Maßnahmen, das Embargo sei gefährlich und könne die USA sogar in einen Krieg im Pazifik verwickeln … Fotos: Fotografie aus einem angreifenden japanischen Flugzeug, Pearl Harbor am 7. Dezember 1941: Eine gut vorbereitete und kühl umgesetzte politische Strategie der amerikanischen Regierung, Toshio Tamogami

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