100. Geburtstag Stauffenbergs

Stauffenberg
Claus Schenk Graf von Stauffenberg Foto: Archiv

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde am 15. November 1907 in Jettingen als jüngster von drei Brüdern geboren. Sein Vater Alfred diente dem letzten württembergischen König Wilhelm II. als Oberhofmarschall, die Familie gehörte zum fränkisch-schwäbischen Uradel. Durch seine Mutter Caroline, geborene Gräfin von Üxküll-Gyllenband, war Stauffenberg Nachfahre des berühmten preußischen Heeresreformers Neidhardt von Gneisenau.

Als Stauffenberg sechs Jahre alt war, brach der Erste Weltkrieg aus. Die “Erlebniskraft” dieses Krieges, seine Bilder und Eindrücke sollten sich dem Jungen “unverwischbar einprägen” (Wolfgang Venohr).

Im Elternhaus katholisch erzogen und frühzeitig musisch gefördert, wurde Stauffenberg als Schüler des Stuttgarter humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums vertraut mit den Überlieferungen der Antike. Noch als Offizier im Zweiten Weltkrieg las er, sofern die Zeit es ihm erlaubte, klassische antike Texte. Schließlich war er als Mitglied der “Neupfadfinder” auch stark durch die Jugendbewegung geprägt.

Besonderen Einfluß hatte auf ihn jedoch der seit 1923 bestehende Kontakt zum Dichter Stefan George, zu dessen Kreis bereits die beiden älteren Zwillingsbrüder Berthold und Alexander gehörten; er habe “den größten Dichter zum Lehrmeister gehabt”, so Claus später zu seiner Frau.

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Die jungen Adligen gehörten zum “Staat” des “Meisters”, und Georges Einfluß auf Claus von Stauffenberg – samt des elitären Ethos‘ und der Verachtung für die “Masse” und eine Ideologie der “Gleichheit” – ist auch beim späteren Widerstandskämpfer deutlich feststellbar: der George-Kreis hatte für ihn “den Charakter der Verschwörung zur Schaffung des geheimen Deutschland”, so sein Biograph Peter Hoffmann. Nach Georges Tod am 4. Dezember 1933 im schweizerischen Tessin hielten die Stauffenberg-Brüder die Totenwache.

Nach dem Abitur tritt Stauffenberg 1926 in die Reichswehr ein und wird Offiziersanwärter im Bamberger Reiterregiment 17. Der Oberfähnrich erhält nach Absolvierung der Kavallerieschule in Hannover als bester Kavallerist bei der Offiziersprüfung den “Ehrensäbel für hervorragende Leistung” und wird am 1. Januar 1930 zum Leutnant befördert. 1933 heiratet er Nina Freiin von Lerchenfeld; der Ehe entstammen fünf Kinder, deren jüngstes – die Tochter Konstanze – erst nach Stauffenbergs Tod geboren wird.

Den Aufstieg des Nationalsozialismus verfolgte Stauffenberg zunächst mit gewisser Sympathie, in erster Linie wegen des in Punkt 22 des NSDAP-Programms geforderten “Volksheeres”. So beteiligte sich der junge Offizier nach der “Machtergreifung” auch ohne Skrupel an der militärischen Ausbildung von SA-Verbänden. Früh jedoch äußerte er sein Mißfallen über erste Auswüchse des Nationalsozialismus, vor allem der vulgäre Antisemitismus ist ihm zuwider. Als er – dienstlich – eine Parteitagsveranstaltung besuchte, auf der Gauleiter Julius Streicher eine Rede hielt, verließ der uniformierte Stauffenberg ostentativ die Versammlung.

Aus seinem Unmut über die plebejischen Auswüchse könne noch keine prinzipielle Gegnerschaft des Grafen zum NS-Regime geschlossen werden, stellte ein Historiker später fest; genauso unzutreffend ist demnach jedoch die Behauptung, Stauffenberg sei zunächst ein glühender Anhänger der Nationalsozialisten gewesen.

Im Oktober 1936 wird er für zwei Jahre zur Ausbildung an die Berliner Kriegsakademie abkommandiert und am 1. Januar 1937 zum Rittmeister befördert. Während des Polen- und des Frankreichfeldzugs ist Stauffenberg als Hauptmann i.G. zweiter Generalstabsoffizier der 1. Leichten Divi-sion, von 1940 bis 1943 ist er in der Organisationsabteilung des Oberkommandos des Heeres (OKH) tätig. Zu seinen Aufgaben zählte dort unter anderem die Aufstellung landeseigener Freiwilligenverbände im Krieg gegen die Sowjetunion.

Auch hier kollidierten Stauffenbergs Einsicht in militärische Notwendigkeiten und sein Offiziersethos mit den “rassepolitischen” und imperialistischen Vorstellungen der staatlichen Stellen; ein übriges tun die Kenntnisse über das verbrecherische Treiben von Himmlers Einsatzgruppen hinter der Front. Innerhalb eines Kreises von Vertrauten im OKH macht der Generalstäbler aus seiner Gegnerschaft zum Regime keinen Hehl.

Verbittert ist er vor allem darüber, daß seitens der militärischen Führung kein Widerstand erfolgt. Im Hauptquartier in Winniza (Ukraine) äußert Stauffenberg mit Blick auf die politische Führung gegenüber einem Kameraden: “Wir müssen mit dieser Gesellschaft Schluß machen.” Im April 1942 bereits soll sich der gläubige Katholik vom Gegner zum Befürworter eines Attentats auf Hitler gewandelt haben.

Anfang 1943 wird der Oberstleutnant Stauffenberg 1. Generalstabsoffizier (Ia) einer Panzerdivision in Afrika. Bei einem amerikanischen Tieffliegerangriff im April desselben Jahres wird er schwer verwundet und verliert ein Auge und den rechten Arm, außerdem müssen noch zwei Finger der linken Hand amputiert werden. Nach Lazarettaufenthalt und Genesung wird er Stabschef des Allgemeinen Heeresamtes in Berlin und betätigt sich fortan als “Motor” des Widerstandes. Mit Henning von Tresckow arbeitet er den Operationsplan “Walküre” (gedacht zur Niederschlagung innerer Unruhen) so um, daß er als formale Grundlage des geplanten Umsturzes verwendet werden kann.

Stauffenbergs Verdienst ist es jedoch auch, die drei wichtigsten Widerstandsgruppen zusammenzuführen: die bereits seit 1938 existierende militärische Fronde um Generaloberst Ludwig Beck, die älteren nationalkonservativen Zivilisten um den Leipziger Oberbürgermeister von 1930 bis 1937, Carl Goerdeler, und den “Kreisauer Kreis” um Stauffenbergs Vetter Yorck von Wartenburg. Vor allem drängt der invalide Oberst zum Handeln, trotz oder gerade wegen der immer aussichtsloseren Lage: Für ihn war “die Verpflichtung zum Opfer und zur Dokumentation des Widerstandes stärker als der Wille zur revolutionären Erneuerung” (Hoffmann). Weil er selbst als einziger der Gruppe noch Zugang zu Hitlers Besprechungen hatte, ist er bereit, das Attentat selbst auszuführen; obwohl er selbst meint, daß er “wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird”.

Geradezu tragisch sind die Umstände seines Scheiterns am 20. Juli 1944, als der Anschlag auf Hitler unweit des ostpreußischen Rastenburg wegen des in der Eile nur unvollständig präparierten Sprengsatzes mißlingt und wertvolle Zeit verstreicht, weil Stauffenberg auch als Organisator des Putsches in Berlin unentbehrlich ist. In derselben Nacht noch endet mit Stauffenbergs Tod im Bendlerblock durch ein Erschießungspeloton dieses heroisch-patriotische Aufbäumen “antiken Ausmaßes”.

JF 30/07 – 20. Juli 2007

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