„Schlagt die Deutschen nieder, wo ihr sie trefft!“

Es ist eines Mitglieds des Deutschen Bundestages unwürdig, Legenden aus dem rechtsradikalen Milieu zu verbreiten. Mit ihrer Verdrehung von Täter-Opfer-Bildern gibt Frau Steinbach den Vorwürfen recht, sie betreibe Geschichts-Revanchismus.“ Mit viel Schaum vor dem Mund verurteilte jüngst die Bundestagsfraktion der Grünen die Aussage Erika Steinbachs im Deutschlandfunk: „Ohne Hitler, ohne den Nationalsozialismus hätten all die Wünsche, Deutsche zu vertreiben, die es in der Tschechoslowakei schon davor gegeben hat, die es in Polen schon davor gegeben hat, niemals umgesetzt werden können. Hitler hat die Tore aufgestoßen, durch die andere gegangen sind, um zu sagen, jetzt ist die Gelegenheit, die packen wir am Schopfe.“ Diese Aussage könne durch keinen Historiker belegt werden, wußte der europapolitische Sprecher, Rainder Steenblock, ganz genau. Tatsächlich lassen sich gewiß Historiker finden, die derart wenig über das deutsch-polnische Verhältnis oder die Außenpolitik Warschaus vor 1939 informiert sind, um mit gleicher Verve die von Streinbach ausgesprochene Selbstverständlichkeit zu verurteilen. Diese Historiker werden auch ungläubig mit dem Kopf schütteln, sollte man ihnen die konsequente „Entdeutschungspolitik“ nach 1919 vor allem in den Westgebieten des jungen polnischen Staates oder die Unterdrückung, Verfolgung und schließlich der Ermordung der Volksdeutschen nach dem 1. September 1939 beschreiben. Zumindest die aktuelle Forschungsarbeit zu diesem Zeitabschnitt, die entgegen der Untersuchung deutscher Kriegsverbrechen in Polen nach 1939 keine Regalmeter beanspruchen kann, könnte einen zaghaften Aufschluß über die Ahnungslosigkeit der von den Grünen konsultierten Historiker geben. Anhand von seit Jahrzehnten weitgehend verwaisten Dokumenten der Posener Gräberzentrale sei hier ein signifikantes Beispiel angeführt. Um die 5.000 Volksdeutsche wurden von Polen ermordet Anfang 1939 ließ die polnische Regierung Listen aller Deutschen innerhalb Polens aufstellen, die im Falle eines Krieges zu verhaften wären. Presse, Rundfunk und die Führer der polnischen Parteien hatten schließlich propagandistisch die Überzeugung genährt, daß die Angehörigen der deutschen Minderheit Staatsfeinde seien, ungeachtet der Tatsache, daß viele Volksdeutsche bereits dienstpflichtig in die seit April 1939 teilmobilisierte polnische Armee eingezogen worden waren. Auch zahlreiche polnische Geistliche fielen lautstark in diesen Chor der Verleumdung ein. Am 20. August 1939 rief schließlich der oberschlesische Woiwode Michał Grażyński dem Verband der Aufständischen Polens in öffentlicher Versammlung die Worte zu: „Schlagt die Deutschen nieder, wo ihr sie trefft!“ Diese Parole wurde der schreckliche Leitsatz für das Inferno der letzten Wochen vor Kriegsausbruch und danach. Am 25. August 1939, also vor Kriegsausbruch, begann die Verhaftung und Verschleppung von 15.000 Deutschen ins Landesinnere. Mehr als 5.000 Volksdeutsche fanden bei den Verschleppungen und örtlichen Massakern ab dem 3. September – vor allem im Korridorgebiet und in Westposen – den Tod. Bluttaten an Deutschen bei Beginn des Krieges bis zum Einmarsch der Wehrmacht waren in ganz Polen zu verzeichnen. Allerdings lassen sich mehrere Schwerpunkte der Ausschreitungen erkennen. Besonders die aus dem Gebiet von Posen und dem „Korridor“ kommenden Verschlepptenzüge in den Raum zwischen Sompolno und Kutno, wo bis Mitte September polnische Truppenverbände eingeschlossen waren, sind grausamer Verfolgung und Ermordung der in einem erbitterten Abwehrkampf stehenden polnischen Soldaten ausgesetzt gewesen. Neben den bekannten blutigen Ereignissen in Bromberg (981 Ermordete) registrierte man im Nachbarkreis Hohensalza 471 Ermordete. Im Posener Gebiet ragen der Kreis Obornik mit 215 Toten und Vermißten, der Kreis Kosten mit 153 und der Kreis Wreschen mit 96 Opfern hervor. Hoch war die Zahl der ermordeten Volksdeutschen auch unter den Deutschen in Mittelpolen. Hier wurden besonders die Kreise Nieszawa mit 165 und Lipno mit 80 Toten und Vermißten getroffen. Hohe Verluste unter den Deutschen gab es außerdem in den Kreisen Sochaczew (154), Łódź (97), Łask (40), Gostynin( 34) – dort existierten viele deutsche ländliche Siedlungen. Bis heute gehört die Opferzahl dieser Massaker zu den neuralgischen Punkten im deutsch-polnischen Verhältnis, obwohl deutsche Schulbücher den Septembermorden seit langem keine Aufmerksamkeit schenken. Immer wieder begegnet man statt dessen in der historischen Forschung Verdrehungen von Tatsachen oder der Minimierung der deutschen Opferzahl bei der Darstellung der Ereignisse um den „Bromberger Blutsonntag“. Das Andenken der Opfer jener Septembertage 1939 hat dadurch schwer gelitten, daß man ihre Zahl durch jene „Sprachregelung“ des Reichspropaganda-Ministeriums vom 7. Februar 1940 von über 5.000 Toten auf 58.000 mehr als verzehnfacht hat. Als der Nationalsozialismus zusammengebrochen war, brach auch diese Fälschung zusammen. Der Fluch der falschen Zahl durch die Verzerrungen der nationalsozialistischen Propaganda gab beflissenen deutschen Historikern, insbesondere aber der polnischen Geschichtsdarstellung den Vorwand, nun alles als Fälschung zu bezeichnen, was im Zusammenhang mit den Septembermorden ermittelt und veröffentlicht worden ist. Durch die Eigeninitiative des volksdeutschen Historikers Kurt Lück wurde Anfang Oktober 1939 in Posen die Zentrale für die Gräber der ermordeten Volksdeutschen in den eingegliederten Ostgebieten eingerichtet. Ihr Sitz war am Kaiserring, einem Teil des breiten Posener Parkgürtels in einem kleinen Landhaus. Lück sollte bei Kriegsausbruch wie andere deutsche Intellektuelle von den Polen verschleppt und sogar exekutiert werden, doch er konnte dank seiner Sprachkenntnisse fliehen und sich bis zum Einmarsch der deutschen Truppen verborgen halten. Da der 1900 in Kolmar/Provinz Posen geborene Lück zu den wenigen wissenschaftlichen Honoratioren gehörte, die in Posen zur Stelle waren, als die Wehrmacht einmarschierte, wurde ihm die Leitung der dortigen Geschäftsstelle der Volksdeutschen übertragen, außerdem initiierte er die Gründung der Gräberzentrale (GZ). Hier leitete er die Untersuchungen über die Verschleppungen und Ermordungen der Volksdeutschen und sammelte dabei das Material für die beiden Publikationen „Marsch der Deutschen in Polen“ und „Volksdeutsche Soldaten unter Polens Fahnen“, in denen er das tragische Schicksal vieler Volksdeutscher enthüllte. In einem Gespräch mit dem Journalisten Heinz Bürger vom NS-Parteiblatt Völkischer Beobachter erläuterte Lück seine Vorgehensweise und bezog Stellung zu einer ersten Opferbilanz. Danach wurden alle neu geschaffenen Landratsämter aufgefordert, statistisches Material über die Vermißtenzahl und deren Namen aus Dörfern, Städten und Kreisen zu übersenden. Zusammen mit seinen Mitarbeitern, einem Dr. Schmidt aus Breslau und Pfarrer Lic. Karl Berger, beabsichtigten sie auch, die Ermordeten und in Massengräbern Verscharrten anständig zu begraben und den Angehörigen Gewißheit über deren Schicksal zu geben. Berger verwies aber darauf, daß bei ihren „Bergungsfahrten“ bis zum Stillstand der Grabungsaktionen wegen des Einbruchs schweren Frostes im Winter 1939/1940 die Zuordnung von Namen und Herkunft sehr schwierig gewesen sei. Die oft schrecklich verstümmelten Toten seien ausnahmslos bestohlen worden – auch die Papiere fehlten meistens. Nur anhand von Stoffproben oder signifikanter Kennzeichen konnten Angehörige in einigen Fällen die Identität klären. Bis zum 20. Dezember 1939 waren allein von Posen aus 26 Suchexpeditionen unternommen worden. Dabei konnten allein im Gebiet Westposen 455 Ermordete geborgen und bestattet werden. 285 Tote wurden zweifelsfrei identifiziert. Bei der Bestimmung der Todesursache untersuchten Mediziner die Schußwunden nach Hinweisen (Einschußstelle und -winkel, Entfernung, Schmauchspuren etc.), ob das Opfer exekutiert wurde. Wertvolle Beweismittel waren dabei auch Augenbinden, Fesseln oder Projektile, die darauf hinwiesen, wie ein Opfer getötet worden ist. Lück konstatierte, daß man die meisten Vermißten wohl der Zahl der Toten hinzurechnen werden müsse. Für die ehemalige preußische Provinz Posen ergaben sich allein aus den Listen bis zum 20. Dezember 1939 1.500 Tote (Ende Januar 1940 bereits 1.888 Tote) und Vermißte, aus Westpreußen ungefähr 2.000 Tote. Die Dokumentensammlung des Auswärtigen Amtes (Weißbuch Nr. 1) meldet schließlich Ende Dezember 1939 5.437 Ermordete. Diese Zahlenangaben sollten sich sowohl in der Abschlußbilanz der Gräberzentrale im Mai 1942 als auch durch die Untersuchungen des Bundesarchives 1969 sowie durch weitergehende Untersuchungen der Landeskundlichen Kommission für das Deutschtum in Posen und Polen bestätigen. Lücks damalige Zahlenprognose für andere Gebiete in Polen („Kongreßpolen“, Galizien, Wol-hynien und Ostoberschlesien) erwiesen sich später als zu hoch gegriffen. Aus dem vorliegenden Tatsachenmaterial ging aber mit eindringlicher Klarheit hervor, daß sich die Internierung, Verschleppung und Ermordung der Volksdeutschen in ganz Polen unter den gleichen äußeren Umständen abspielte. Überall wurden die gleichen konstruierten Vorwürfe vorgebracht: Spionage, Beschießung, Sabotage. Am 10. Januar 1940 veröffentlichte Lück eine Zwischenbilanz im Ostdeutschen Beobachter für die ehemalige Provinz Posen: Unter den 1.030 einwandfrei nachgewiesenen Todesopfern befanden sich 70 weibliche Personen, von denen die jüngste 15 Jahre und die älteste 79 Jahre alt war. Weitere 858 Personen, davon 26 Frauen galten ebenso wie 244 volksdeutsche Soldaten in der polnischen Armee als vermißt. Insgesamt ergab das die Opferzahl von 2.132 nur für die ehemalige preußische Provinz Posen. Kein Historiker forscht über den Posener Aktenbestand Die seriösen Forschungsergebnisse von Lück wurden allerdings durch die berüchtigte „Sprachregelung“ des Reichspropaganda-Ministeriums aus dem Februar 1940 konterkariert, durch die die Zahl von 5.437 Ermordeten im Weißbuch Nr. 1 nun in der von Hans Schadewald herausgegebenen zweiten Auflage des Weißbuches (Die polnischen Greueltaten an den Volksdeutschen in Polen, Berlin 1940, die erweiterte zweite Auflage erschien unter dem Titel: Dokumente polnischer Grausamkeit) verzehnfacht wurde. Nun war die Rede von 58.000 vermißten und ermordeten Volksdeutschen. Von diesen 58.000 seien 12.857 (die Genesis dieser präzisen Zahl ist ungeklärt) mit Sicherheit identifizierte Ermordete. Die Zahl von 13.000 Ermordeten hielt auch der Generalreferent und Neffe Arthur Greisers, Gauleiter des Warthelandes, in seinen völlig unbeachteten Memoiren (Harry Siegmund: Rückblick. Erinnerungen eines Staatsdieners in bewegter Zeit. Kiel 1999) für durchaus möglich. Daß die Zahl von 58.000 nichts mehr mit der Wirklichkeit gemein hatte, war damals allen nur halbwegs eingeweihten Volksdeutschen bekannt, was allerdings Buchautoren bis heute nicht daran hindert, in rührender Naivität diese absurde Zahl immer wieder aufzugreifen. Die Gräberzentrale mußte ihre Arbeit im Mai 1942 einstellen – kurz zuvor, am 5. März 1942 war Kurt Lück bereits als Dolmetscher an der Ostfront gefallen. Die unvollständige Abschlußbilanz sah folgendermaßen aus: Insgesamt waren 7.004 Karteikarten (darunter auch für Russen, Polen und Ukrainer) angelegt worden; nach Bereinigung der Kartei verblieben 3.453 Tote und 2.339 Vermißte. Lücks Prognose aus dem Jahr 1939, daß von diesen niemand mehr zurückkommen sollte, erfüllte sich übrigens. Trotz allem muß die Bilanz als unvollständig angesehen werden. Ein Datenabgleich mit der Wehrmachtsuntersuchungsstelle (WUst) sowie der Danziger Vermißtenstelle des Roten Kreuzes (Veröffentlicht in Danziger Neueste Nachrichten vom 15. Oktober 1939) wurde beispielsweise nicht vorgenommen. Der Historiker Hugo Rasmus vermerkt dazu völlig zutreffend: „Spätere Todeserklärungen durch Gerichte konnten danach nicht mehr registriert werden. Erheblich dürfte die Zahl der unbekannt gebliebenen und der nicht aufgefundenen ermordeten Deutschen sein, die in der Gräberzentral-Kartei kaum registriert worden sein dürften. Es ist zweifelhaft, ob die nicht identifizierten Toten, die lediglich eine Bergungs-Nummer erhielten, in der übermittelten Kartei der GZ enthalten sind.“ (Pommerellen/Westpreußen 1919-1939, München 1989) Bei der überstürzten Flucht von Gauleiter Greiser und seinem Stab am 20. Januar 1945 vor der anrückenden Roten Armee verblieb der umfangreiche Aktenbestand und die Kartei der GZ in Posen. Durch Vermittlung des polnischen Historikers Henryk Altman vom polnischen West-Institut gelangte eine Kopie der Kartei 1959 ins Bundesarchiv. Der umfangreiche Aktenbestand der Zentrale für die Gräber der ermordeten Volksdeutschen in den eingegliederten Ostgebieten kann heute aber auch problemlos im Staatsarchiv Posen (Archiwum Państwowe w Poznaniu) eingesehen werden, ein Findbuch (Nr. 303) erleichtert das präzise Arbeiten. Bis heute hat allerdings kein deutscher Historiker die mehr als 500 Archiveinheiten durchgesehen. Durch Initiative der Zeitschrift Der Westpreuße wurden in den fünfziger Jahren Erlebnisberichte gesammelt, diese vier Aktenbände sind heute im Bundesarchiv (Kennung Ost, Dok 7) zu finden. Aus diesen Erlebnisberichten, der Kartei der GZ sowie der Befragung von 6.000 noch lebenden Zeitzeugen errechnete das Bundesarchiv 1969 eine Opferzahl von mindestens 3.841 Personen, wobei jeder Mordfall immer durch zwei Zeugen bestätigt werden mußte. Es handelt sich hier also um den absolut niedrigsten gesicherten Wert. Dieser Zahl stimmte selbst der am polnischen Westinstitut tätige Historiker Karol Marian Pospieszalski in seinem Werk „Sprava 58.000 Volksdeutschow“ (Posen 1959) zu. Allerdings wurde an der Arbeit des BA Kritik laut, da Zeitungsberichte nur bis zum 15. November 1939 ausgewertet wurden. Vor mehr als 35 Jahren hat die Historisch-Landeskundliche Kommission für Posen und das Deutschtum in Polen die umfassende und abschließende Untersuchung über das Schicksal der deutschen Volksgruppe im September 1939 angekündigt. Obwohl sie schon 1971 veröffentlicht werden sollte, ist sie bis heute nicht abgeschlossen. Mehrere an der Arbeit beteiligte Historiker (Gotthold Rhode, Richard Breyer, August Müller, Julius Krämer und Wolfgang Kohte) sowie beinahe alle Zeitzeugen sind nun inzwischen über diesen langen Zeitraum verstorben. Eine aus diesen Forschungen hervorgegangene Kurzfassung (Peter Aurich: Der deutsch-polnische September, Bonn 1969) erlebte immerhin drei Auflagen, konzentrierte sich aber ähnlich wie die Weißbücher fast ausschließlich auf das „Korridorgebiet“ und Posen und ließ viele Opfer aus anderen Teilen Polens oder der Armee unberücksichtigt. Das Werk wurde deshalb von volksdeutschen Zeitzeugen heftig kritisiert. 1997 hat sich die Kommission schließlich in „Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen“ umbenannt und das Projekt seitdem nicht weiter verfolgt. Forschungsschwerpunkt deutsche Verbrechen 1939 Die Hauptarbeit an der geplanten Veröffentlichung übertrug Gotthold Rhode (1916-1990) im Jahr 1971 August Müller, der zu diesem Zeitpunkt bereits 76 Jahre alt war. Nichtsdestotrotz machte sich der ehemalige Oberschulrat des Regierungsbezirkes Bromberg mit Eifer an die Arbeit. Müller konnte noch viele Zeitzeugen befragen und ermittelte akribisch die in den siebziger Jahren feststellbare Zahl der Ermordeten. Dabei handelte es sich natürlich nur um die Zeugen, die zwischenzeitlich nicht verstorben, gefallen oder der Vertreibung 1945 und danach zum Opfer gefallen waren. Auch Überlebende in der DDR und in Polen Verbliebene konnten nicht befragt werden. Seine hand- und maschinenschriftlich vorliegenden Forschungsarbeiten ruhen heute unbeachtet in der Dokuments-Sammlung des Herder-Institutes in Marburg. Bis in seine letzten Lebensjahre arbeitete er unermüdlich an der geplanten „Dokumentation der Ereignisse des September 1939 in Polen“. Aufgrund von Krankheit mußte Müller 1985 seine Arbeit de facto beenden, zu einem Gesamtbericht kam der über 90jährige nicht mehr. Er verstarb am 24. April 1989 – seine wertvollen Arbeitsergebnisse sind erst seit einem Jahr zugänglich. Müller konnte noch insgesamt 4.332 Ermordete und Vermißte Namen für Namen akribisch belegen, womit er wohl die Mindestzahl der Opfer festgesetzt haben dürfte. Inklusive der Dunkelziffer geht auch das Bundesarchiv von mindestens 5.000 Opfern aus, welche die Osteuropa-Historikern Gotthold Rhode und Jörg Konrad Hoensch ebenfalls häufig anführten. Abweichend von dieser Zahl kursieren auch andere Untersuchungen. So hatte ein A. Jaeschke, selbst Volksdeutscher aus Westpreußen, bis in die achtziger Jahre auf privater Basis eine Totenkartei von 5.997 Namen zusammengetragen. Ein Abgleich mit August Müller führte allerdings zur Streichung einiger Doppelungen. Auch die Aussage des damaligen Chefermittlers des Reichskriminalpolizeiamtes, Bernd Wehner, führt zu einer höheren Zahl. In einer Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Mannheim am 20. Mai 1964 sagte Wehner aus, „daß die Gesamtzahl der Getöteten bei 6.300 gelegen hat“. Gegenwärtig ruhen alle Anstrengungen deutscher Osteuropahistoriker mehr bei der Aufarbeitung der „Verbrechen der Wehrmacht in Polen im September/Oktober 1939“, wobei besonders das Deutsche Historische Institut in Warschau (DHI) nahtlos an den Arbeitsschwerpunkt polnischer Historiker anknüpft. Eine gleichnamige Schau („Größte Härte …“) tourt seit September 2005 durch deutsche und polnische Städte, wo nach dem Vorbild der Reemts-maschen Wehrmachtsausstellung ganze Schulklassen durchgeschleust wurden. Der DHI-Historiker Jochen Böhler, der die Ausstellung mitkonzipiert hat, berücksichtigt in seinem Begleitbuch die Massaker an den deutschen Zivilisten – immerhin der erste völkerrechtswidrige Übergriff im Zweiten Weltkrieg großen Ausmaßes – in einer Fußnote auf der Seite 165. Die Opferzahl unter den Volksdeutschen gibt Böhler mit 2.000 an. Foto: Internationale Journalisten bei Opfern des „Bromberger Blutsonntags“, September 1939: Erwähnung nur noch in Fußnoten

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles