Neue Einblicke in das Ausmaß

Eine vor kurzem fertiggestellte Dokumentation über den Luftkrieg gegen Deutschland in den Grenzen vom 1. September 1939 erlaubt neue Einblicke in das Ausmaß der Schäden und Menschenopfer. Einerseits reduzieren die neuesten Forschungen die Opferzahl Dresdens – etwa 25.000 bis 30.000 Menschen -, andererseits belegen sie die Exzesse des Bombenkrieges in noch schärferer Form. Das Buch von Jörg Friedrich „Der Brand“ erhält somit eine drastische Bestätigung. Zunächst sei vorausgeschickt, daß der Bombenkrieg gegen Deutschland keineswegs als Vergeltung für deutsche Angriffe gegen englische Städte aufzufassen ist. Das britische Bomberkommando griff bereits im Mai 1940 große Städte im Ruhrge­biet und am Niederrhein wie etwa Dortmund, Essen und Mönchengladbach an, ohne damit einen militärischen Zweck zu verfolgen. Am 18. Mai waren erstmals Hamburg und Bremen Angriffsziele, und das zu einem Zeitpunkt, als die deutschen Panzer­spit­zen darangingen, die britische Armee in Flandern einzuschließen. Es handelte sich um Bombardements von Wohngebieten mit zunächst 50 bis 100 Flugzeugen, da die Zieltechnik viel zu ungenau war, um Industrieziele zu treffen. Die britische Führung sah in diesen Schlägen lange Zeit die einzige Möglichkeit, um offensiv gegen Deutschland vorzugehen. Der erste flächendeckende Angriff mit 102 Flugzeugen fand in der Nacht zum 17. Dezember 1940 gegen Mannheim statt. Aus diesen Schlägen wurde 1942/43 der uneingeschränkte Bombenkrieg gemäß der Doktrin, den deutschen Städten möglichst vernichtende Schäden zuzufügen, um dadurch die Wehrmoral der Bevölkerung zu brechen und – wie etwa Luftmarschall Arthur Harris hoffte – den Gegner kapitulationsreif zu machen. Damit würde sich vielleicht eine Invasion in Frankreich ganz erübrigen. Die Luftoffensive gegen Deutschland erhielt seitens der Alliierten auch das Attribut einer „zweiten Front“. Die Schäden, die in den ersten beiden Kriegsjahren angerichtet wurden, waren rela­tiv unbedeutend und die Opfer unter der Bevölkerung im Vergleich zu 1944/45 geringfü­gig. Der erste „Tausend-Bomberangriff“ gegen Köln (30./31. Mai 1942) mit „nur“ 486 Toten ließ die späteren Schrecken des Luftkrieges erahnen. Aber erst das Eingrei­fen der 8. amerikanischen Luftflotte im Frühjahr 1943 erbrachte gemeinsam mit den nächtlichen Flächenangriffen des Bomberkommandos eine sprunghafte Verschärfung des Bombenkrieges. Insgesamt kann man folgendes aus der Dokumentation zusammenfassen: l Der Zerstörungsgrad, aber auch die Zahl der Opfer lag bei den Angriffen, die durch britische Bomber verursacht wurden, bedeutend höher als bei den amerikani­schen. Dies läßt sich vor allem dadurch erklären, daß die britischen Angriffe große Flächenziele trafen, wogegen die Angriffe der 8. und 15. Luftflotte auf eng begrenzte Ziele, hauptsächlich Industrie- und Verkehrsanlagen gerichtet waren. Markante Beispiele für die britischen Flächenbombardements sind Berlin, Hamburg, Dresden, Nürnberg, Kassel und Köln. l Die sprunghafte Zunahme der Luftkriegsschäden ab dem Winter 1943/44 ist weniger der steigenden Zahl der angreifenden Bomber, sondern vielmehr dem Zuwachs der Bombenlast pro Flugzeug, den verbesserten Zielgeräten und der Zunahme von Brandbomben im Verhältnis zu Sprengbomben zuzuschreiben. Hatte ein britischer Bomber 1940 knapp eine Tonne an Bombenlast getragen, so stieg diese Last gegen Kriegsende auf das Vierfache und mehr. So warfen am 23./24. Oktober 1944 immerhin 955 Bomber 4.538 Tonnen auf Essen (4,75 Tonnen pro Bomber). Das schwer beschädigte Nürnberg wurde in der Nacht zum 3. Januar 1945 von 521 britischen Bombern mit einer Bombenlast von 2.067 Tonnen belegt, das heißt auf einen Bomber entfielen fast vier Tonnen. l Die Fortsetzung der massiven Flächenbombardements bis Kriegsende fand eine Begründung in der gewaltig gestiegenen Flugzeugproduktion, so daß die alliierte Luftwaffenführung ihren Überschuß an Bombern nicht ungenutzt lassen wollte; außerdem lag es nahe, daß sie durch möglichst hohe Einsatzzahlen ihren Anteil am Sieg herausstreichen wollte. Man legte weiterhin Ziele fest, die nach her­kömmlichen Maßstäben für die deutsche Kriegführung kaum mehr einen Wert hatten. Zu diesen Zielen zählten 1945 die meisten Hydrierwerke, etwa in der Region Halle, Merseburg, Zeitz, oder im Ruhrgebiet, deren Produktion bereits größtenteils ausgelagert oder lahmgelegt war. Erst durch den Verlust des Erdöls aus Rumänien im August 1944 wurde die vernichtende Niederlage der deutsche Treibstoffwirtschaft besiegelt. l Die Strategie des britischen Bomberkommandos gegen einige ausgewählte Städte, etwa gegen Hamburg und Berlin, hatte zwar schwere Schäden hervorgeru­fen, aber kaum Wirkung auf die Wehrmoral der Bevölkerung gezeigt. Im Falle Berlins wollte Luftmarschall Harris die Stadt so gründlich zerstören, daß sie als Industrie-, Verkehrs- und Verwaltungszentrum ausfiel. Er setzte bei 16 Angriffen von Mitte November 1943 bis Ende März 1944 etwa 9.100 Bomber ein, die zirka 30.000 Tonnen Bomben abwarfen, davon zur Hälfte Brandbomben. So fielen 2.616 Tonnen Bomben allein in der Nacht zum 16. Februar 1944. Insgesamt starben bei diesen Angriffen über 9.000 Menschen, und man zählte über 812.000 Obdachlose. Doch die Berliner Rüstungsindustrie wurde nicht entscheidend geschädigt. Die schwersten Schäden und höchsten Opfer ab Juli 1944 l Obwohl die alliierten Bomber noch im Spätwinter 1944 schwere Verluste durch die deutsche Jagd- und Flak-Abwehr erlitten hatten, errangen sie gemeinsam mit den Begleitjägern im Frühjahr 1944 die Luftherrschaft über Deutschland. Der gleich­zeitige Angriff auf die Werke der Treibstoffproduktion im Mai 1944 splitterte die deutsche Jagdabwehr so auf, daß sie zu keiner wirksamen Abwehr mehr fähig war. Der mehrmalige Angriff auf dieselben Ziele führte zu nachhaltigen Zerstörungen, so daß die Treibstofferzeugung im Juni auf die Hälfte der Menge von März 1944 sank. Ab diesem Zeitpunkt kämpfte die deutsche Jägerwaffe auf verlorenem Posten. l Die Luftangriffe steigerten sich ab Ende Juli 1944 zu einer bis dahin unbe­kann­ten zerstörerischen Wucht, und dies zu einem Zeitpunkt, als die Alliierten den Krieg ohne Zweifel bereits gewonnen hatten. Über 70 Prozent aller auf Deutschland abge­worfe­nen Bomben fielen erst ab Juli 1944. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Hamburg, wo im Juli/August 1943 an die 42.000 Menschen im Feuersturm umka­men, mußten die deutschen Städte erst ab Juli 1944 die schwersten Schäden und die höchsten Menschenverluste hinnehmen. Die Westalliierten hatten nach der siegrei­chen Invasionsschlacht freie Hand für den strategischen Luftkrieg. Obwohl sich inzwischen erwiesen hatte, daß die amerikanischen Tagesangriffe gegen Rüstungs­ziele bedeutend mehr Wirkung als die britischen Nachtangriffe entfalteten, hielt das Bomberkommando an seiner Strategie fest. l Bis zum Juli 1944 hatten sich die Angriffe der Alliierten auf ausgesuchte Städte und Regionen der Rüstungswirtschaft, zum Beispiel auf das Ruhrgebiet und auf das säch­sisch-thüringische Industriegebiet konzentriert, um tiefgreifende Wirkungen zu erzielen. In der Folge wurden auch solche Städte massiv angegriffen, die bisher weit­gehend verschont geblieben waren, da sie kaum kriegswichtige Ziele boten. Zu diesen Städten zählten Stuttgart (Innenstadt), Darmstadt, Mag­deburg, Stralsund und Königsberg. Man verfolgte fallweise die Taktik, eine Stadt, die in der Nacht schwere Schäden erlitten hatte, tags darauf nochmals, auch mit Tieffliegern anzugreifen. Manche Städte, die nur mehr Trümmerwüsten bildeten, mußten noch in den letzten Kriegswochen schwere Angriffe hinnehmen. Dies betraf auch das am 13./14. Februar 1945 weitgehend zerstörte Dresden, das noch am 17. April von 590 Bombern (Abwurfmenge: 1.732 Tonnen) angegriffen wurde. l Die Westalliierten konnten gegen Kriegsende bis zu 1.400 Bomber bei Tage und 1.100 Bomber bei Nacht einsetzen; dazu kamen bis zu 900 Jäger und Jagdbom­ber. Am 24. März 1945 wurden allein von der amerikanischen 8. Air Force 1.749 Bom­ber- und 1.275 Jägereinsätze geflogen. Auch die Royal Air Force setzte nun ihre Bomber auch bei Tag, manchmal mit bis zu 840 Maschinen, etwa beim Angriff auf Köln am 2. März 1945 ein. l Im letzten Kriegsjahr wurden obendrein zahlreiche Klein- und Mittelstädte ange­griffen, die keinerlei militärischen oder industriellen Wert hatten, etwa Würz­burg, Pforzheim, Heilbronn und Hildesheim. In der Nacht zum 5. Dezember 1944 fielen 1.254 Tonnen Bomben auf Heilbronn, wobei 7.147 Menschen den Tod fanden. Dem Angriff auf Würzburg am 16./17. März 1945 fielen 4.500 Menschen und unersetzliche Kunstwerke zum Opfer. Ähnlich erging es Pforzheim in der Nacht zum 24. Februar 1945, als 369 Bomber die historische Altstadt vernichteten, wobei mindestens 10.000 Menschen starben. l Bis Ende 1942 wurden „nur“ 81.296 Tonnen Bomben (von insgesamt 1,59 Millionen Tonnen) über dem Reichsgebiet abgeworfen, während die Zahl der Bombenopfer bis dahin „nur“ um die 11.000 betrug. Im Jahre 1943 schnellte die Zahl der Todesopfer bereits auf über 100.000 und 1944 auf mindestens 190.000 (ohne Österreich) hinauf. Für das Jahr 1945 muß mit mindestens 130.000 Bombenopfern (ohne Österreich) gerechnet werden, da aufgrund der aufreibenden Endkämpfe die Verlustrate sprunghaft anstieg. Die Gesamtzahl der Bombenopfer einschließlich Österreichs dürfte bei 500.000 liegen. l Im Vergleich zu den furchtbaren Zerstörungen und Verwüstungen erstaunt es, daß die Zahl der Opfer nicht höher war. Dies erklärt sich zum Teil dadurch, daß man nach den ersten schweren Angriffen viele Menschen evakuierte, besonders jene, die nicht in kriegswichtigen Betrieben beschäftigt waren. Es kam auch vor, daß große Teile der Bevölkerung aus der betroffenen Stadt flüchteten, wie dies etwa in Hamburg nach dem vernichtenden Angriff Ende Juli 1943 geschah; oft wurden zerbombte Wohngebiete nochmals getroffen, ohne große Verluste zu verursachen. So erklärt sich etwa, daß Kassel die relativ „niedrige“ Zahl von 13.000 Toten verzeichnete, obwohl 63 Prozent aller Wohnungen völlig zerstört wurden. Was aber keinesfalls gemessen werden kann, sind die Angst und die Leiden derjenigen, die alle Bombenangriffe durchstanden, aber nur ihr nacktes Leben retten konnten. Dr. Heinz Magenheimer ist Militärhistoriker und lehrt an der Landesverteidigungsakademie Wien und an der Universität Salzburg. Nachtangriff auf Berlin, Januar 1945: Britische Bomberkommandos zerstörten kaum kriegswichtige Ziele Foto: H. E. Schulze Abgeworfene Bombenlast im Zweiten Weltkrieg: Es erstaunt, daß die Zahl der Opfer nicht höher war Grafik: JF

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