Pankraz, A. Gauland und das Golfspiel in Oberbayern

Wirtschaft ist links". Mit dieser Feststellung erschreckt Alexander Gauland, bekennender Konservativer von der altbritisch-gutgekleideten Schule, regelmäßig seine Partygäste, linke wie rechte. Die Wirtschaft links? Was soll denn das heißen? Gibt es nicht zu dem "rechten" Weltwirtschaftsgipfel in Davos alljährlich eine "linke" Gegenveranstaltung, den Weltsozialgipfel in Porto Alegre? Strampeln sich nicht schon seit Jahren Michael Hardt und Antonio Negri damit ab, ein neues, radikal linkes "Kommunistisches Manifest" auf die Beine zu stellen, in dem die moderne Wirtschaft in Grund und Boden gedonnert wird?

Aber gerade die Schwarten von Hardt/Negri, sagt Gauland, lesen sich wie Rechtfertigungsorgien für den entschiedensten Neo-Liberalismus, man muß nur genau hinschauen. Und ob nun Weltwirtschaftsgipfel oder Weltsozialgipfel – das Vokabular ist über weite Strecken schon austauschbar, und es ist linkes Vokabular. Hier wie dort Lobpreis der Globalisierung, der Egalisierung, der Flexibilisierung, der Deregulierung. Hier wie dort Hohn auf "nationale Vorurteile", "ethnische Begrenzungen", "religiöse und kulturelle Tabus" usw.

Das einzige, was die (scheinbar rechten) Wirtschaftsglobalisierer wirklich noch von den (erklärt linken) Sozialglobalisierern unterscheidet, ist der Abstand von den Futterkrippen. Die einen sind bereits dran und wollen dranbleiben, die anderen sind noch nicht dran und wollen drankommen. Indes, man ist eifrig dabei, auch diese Differenz einzuebnen, das Einkünfte-Niveau der Damen und Herren von den in Porto Alegre versammelten "Nichtstaatlichen Organisationen" (NGOs) dem Niveau der Davoser Manager und Minister anzupassen. In zwei, drei Jährchen wird wohl Gleichstand erreicht sein, und dann wird das gemeinsame und in der Tat linke Anliegen scharf hervortreten.

Trotzdem hat Gauland unrecht, denn die Wirtschaft, die in toto links oder rechts sein könnte, gibt es gar nicht. Was es gibt, sind gewisse Tendenzen, die jeder Art des Wirtschaftens innewohnen, und es gibt Wirtschaftssubjekte, Unternehmer, Manager, Bankiers usw., die solche Tendenzen durch ihr Tun verstärken oder abschwächen, ausnutzen oder ignorieren. Zur Zeit, mag sein, liegt der linke Wirtschaftstyp in der Vorhand, der zum Zwecke der Gewinnmaximierung alle kulturellen und nationalen Unterschiede einebnen will. Doch das muß keineswegs so bleiben.

Freilich, die Reklame für den linken Typ ist groß, aufdringlich und allgegenwärtig. Die Einebnung, die Gleichmacherei, wird als unabwendbare Notwendigkeit hingestellt, die sowohl den "globalen Verwertungsinteressen des Kapitals" wie auch der Sehnsucht des einzig vorstellbaren "demokratischen Subjekts", nämlich der sich blind vermehrenden und wandernden Bevölkerungsmassen, entspreche. Jeder Versuch zur Differenzierung sei undemokratisch und faschistisch.

Um die Vernunft und Menschlichkeit des herrschenden Trends zu bekräftigen, werden z.B. Bilder hungernder Kinder aus Afrika vorgezeigt. Dieser zum Himmel schreienden Not wegen, heißt es, müsse die Wirtschaft Arbeitsplätze aus "Wohlstandsländern" auslagern. Und dabei geht es gar nicht um die afrikanischen Kinder, vielmehr um disziplinierte, durchaus gut genährte chinesische oder thailändische Arbeiter- und Funktionärsheere, die zudem keineswegs "global", sondern strikt national und elitär denken und über den westlichen Gleichheitsfimmel nur lachen. Die Globalisierungs-Rhetorik aus Davos und Porto Alegre stimmt einfach nicht.

Nicht zuletzt die Rede, daß jegliches Kapital aus Wettbewerbsgründen den jeweils billigsten Arbeiter suchen muß, ist ein reiner Mythos. Es gibt nicht den Wettbewerb, sondern es gibt einzelne, identifizierbare Wettbewerbsteilnehmer, und die haben sich – wie schon Adam Smith, der Vater allen präzisen Marktdenkens, anmerkte – als anständige Christenmenschen und Patrioten aufzuführen und sich, wie alle anderen auch, an die Regeln der Moral zu halten. Das ist das einzige Müssen, das vor ihnen steht.

Übrigens gibt es in Deutschland nach wie vor wenig Grund, an Moral und "Rechtssein" führender und erfolgreicher Wirtschaftsteilnehmer generell zu zweifeln, im Gegenteil, erfolgreiches Wirtschaften unter freien Marktbedingungen setzt Elitetypen voraus, die auch moralisch in sich gefestigt sind. Die bekannte boshafte Bemerkung Edmund Stoibers über gewisse "moderne" Wirtschaftsbosse ("Die wollen in Thailand investieren, aber in Oberbayern Golf spielen"), braucht sich kaum einer anzuziehen.

Wenn heute bei uns die Wirtschaft eher links erscheint, so liegt das weniger an der Wirtschaft selbst als vielmehr an den kulturellen Zuständen im allgemeinen, speziell in der Politik und in den Medien. Dort dominiert schon seit langem eine trübe Melange aus sozialistischem Gleichheitsdenken und frühkapitalistischer Manchester-Ideologie (genannt "Neoliberalismus"), deren Genuß einerseits blind macht für eigene Entscheidungsmöglichkeiten, andererseits zu der Einbildung verführt, man könne sich letztlich gegenüber den anderen alles herausnehmen, wenn man nur mit dem richtigen Phrasen-Arsenal ausgerüstet ist.

In erster Linie an der Politik liegt es, hier Wandel zu schaffen. Wenn sie, wie sie gebetsmühlenhaft versichert, neue Arbeitsplätze schaffen will, dann darf sie weder mächtigen Lobbys noch gängigen Großtheorien nachlaufen, und das gilt sowohl national wie international. Lobbys und Großtheorien sind das eine; das, was wirklich passiert, ist das andere.

Wie dichtete einst Bert Brecht in seinem "Lied von der belebenden Wirkung des Geldes"? "Blicke hinan: Der Schornstein raucht!" Für Merkel & Co. genügt es längst nicht mehr, einfach hinanzublicken, sie müssen ordentlich nachsehen, wer da eigentlich Rauch erzeugt und wem das nützt und wozu das gut ist.

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