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Ein Krieg aller gegen alle

Man kann nichts Nützliches und Dauerhaftes errichten, wenn man sich nicht von der Geschichte emanzipiert“, gab einmal Miguel Azana zu bedenken, Ministerpräsident und später Staatspräsident während der Zweiten Republik Spaniens. Dieser revolutionäre Republikaner wollte nicht Mißbräuche abschaffen, sondern die Bräuche überhaupt ändern. Darin war er sich mit seinen Gegnern und Feinden einig. Denn alle politisch beunruhigten Spanier stimmten spätestens seit der Niederlage gegen die USA 1898 und dem Verlust Kubas und der Philippinen darin überein, daß eine nationale Wiedergeburt einen vollständigen Umbau des Staates und der Gesellschaft erforderliche mache, um aus Verfall, Erstarrung, Korruption und Altersschwäche zu neuer Kraft zu finden. Aber die immer heftigeren Auseinandersetzungen über ein mögliches Spanien der Zukunft beschleunigten nur die allgemeine Auflösung. Die Spanier konnten sich über ihre Gegenwart und deren Forderungen nicht mehr verständigen. Eine Nation regeneriert sich im täglichen Plebiszit, im Willen, trotz dramatischer Differenzen das, was alle angeht, gemeinsam zu ordnen und in Ordnung zu halten. Die Republik von 1931, enthusiastisch begrüßt, war nicht der erhoffte Aufbruch. Sie war der Übergang zum Bürgerkrieg. Vor siebzig Jahren, am 19. Juli 1936, begann ein Krieg aller gegen alle in einem politisch fragmentierten Spanien ohne klare Vorstellung über seine politische und soziale Form. Die leidenschaftlichen Diskussionen seit 1898 hatten keinen Bürgersinn geweckt, vielmehr das ohnehin schwache Vertrauen in Institutionen endgültig erschüttert. Es gab nicht die zwei Spanien, von denen oft gesprochen wurde, liberales und reaktionäres, linkes oder rechtes, es gab viele Richtungen, Parteien, Gruppen, die ein eigensinniges Spanien erstrebten, ohne dabei das Zusammenleben mit den anderen zu berücksichtigen. Miguel Azanas Republikaner sprachen von einer jakobinisch-revolutionären Republik, aber fürchteten gut bürgerlich den Klassenkampf. Die meisten Sozialisten waren längst biedere Sozialdemokraten, die ein Gähnen überkam, hörten sie nur den Namen Karl Marx. Aber die theoretisch Gebildeteren wußten immerhin, daß es Aufgabe der Bourgeoisie ist, ihre Revolution allein zu machen, um damit den Übergang in die sozialistische Republik zu gewinnen. Auf ein revolutionäres und sozialistisches Vokabular konnten sie nicht verzichten, weil die Anarchisten mit direkten Aktionen möglichst schon jetzt der Freiheit in den freien Gemeinschaften einen Weg ebnen wollten. Die Republik galt vorübergehend als das kleinere Übel, aber insgesamt verdiente sie Mißtrauen und Opposition, weil sie die Entfremdung des Menschen im bürokratisch-kapitalistischen Staat nicht aufhob. Die Radikalen, die um 1900 die Republik lächerlich machten, sammelten mittlerweile um sich das jede Änderung fürchtende juste milieu und suchten ein Bündnis mit den oppositionellen Christdemokraten rechts von der Mitte. Den Staat und die Republik vor ihren Feinden retten Damit machten sie sich bei orthodoxen Republikanern verdächtig, die mit Miguel Azana Opposition für undemokratisch hielten, weil die Republik nur den Republikanern gehören dürfe, die bestimmten, wer Republikaner sei. Die Kommunisten – 1936 völlig bedeutungslos – wurden von allen gefürchtet. Am meisten von den verschiedenen rechten Parteien und Zirkeln, die vor der künftigen Sowjetisierung Spaniens warnten. Ein Teil der Rechten war bereit, parlamentarisch mitzuarbeiten. Andere wünschten eine neue Monarchie in einer neuen Verfassung, eine verschwindende Minderheit – die Falange, 1936 mit 20.000 Mitgliedern – bastelte an einem originär spanischem Regime autoritären Führertums. Die Gewerkschaften waren untereinander zerstritten und das Heer gespalten. Verwaltung und Justiz büßten unter dem Druck der Straßenkämpfe jede Unabhängigkeit ein. Während der Republik herrschte dauernd eine der Stufen des Ausnahmezustandes. Als sich einige Offiziere – unter ihnen Francisco Franco – zum Putsch entschlossen, nach ihrer Auffassung, um den Staat und die Republik vor ihren Feinden zu retten, hatten sie nicht die geringste Vorstellung davon, was die Folgen dieser Rettung sein sollten. Wie so oft bei den Bemühungen der Militärs, im politischen Spiel mitzuspielen, handelte es sich um eine Improvisation. Auch Republikaner begrüßten die Unterstützung durch putschende Soldaten, wie zuletzt erst 1930. Francisco Franco, der anfänglich nur wenige Truppen und Provinzen hinter sich hatte, kam überraschenderweise rasch zu Erfolgen. Das lag nicht an ihm, sondern an dem kopflosen Verhalten der Regierung, die spontane Aktionen nicht in den Griff bekam, was zum Zusammenbruch der Verwaltung und vor allem auch der militärischen Strukturen führte. Statt sich zu wehren, beschäftigte die Republik sich mit sich selbst, mit ihren revolutionären Fieberanfällen, die bald in Katalonien zu einer Republik in der Republik führten, zu einem Bürgerkrieg im Lager der Linken. Die KP liquidierte ihre katalanischen Konkurrenten als Trotzkisten. Das schadete höchstens unter nachdenklichen Kommunisten ihrem Ansehen. Insgesamt gewann sie gerade unter verschreckten Bürgern viel Zulauf, die sich vor Unordnung und Anarchie fürchteten und in den Kommunisten staatstragende Kräfte der Ordnung, den wahren Schützer der Republik erkannten. Im Lager der unterschiedlich geprägten Nationalen gelang es schneller, die Ordnung herzustellen, aber unter erstaunlichen Unregelmäßigkeiten. Bürgerkriege sind die schmutzigsten und widerwärtigsten Kriege. Franco siegte, aber als Mann des alten Spanien mangelte es ihm an Phantasie, ein neues Spanien zu gründen. Ihm erschien es am zweckmäßigsten, alle Richtungen des „alten Spanien“ von der Macht fernzuhalten, jeden gegen jeden auszuspielen und sie mit der Hilflosigkeit ihrer alten Doktrinen und Fanatismen zu konfrontieren. Seine Absicht war, auf diese Weise die Besiegten, aber auch die Sieger zu zermürben. So schuf er eine Leere, die irgendwann unter besseren Umständen gefüllt werden konnte. Seine Leistung war ganz unschöpferisch: die Spanier zu entpolitisieren, sie auf private Ziele zu verweisen wie Bildung, Karriere, Konsum und Vergnügen. Eine egoistische Mittelschicht schätzt die Ruhe, wie Franco richtig kalkulierte. Schweigen um Vergangenheit als nationaler Selbstschutz Alle warteten resigniert auf die Zeit nach Franco. Zur List der Geschichte gehörte es, daß nach dem Tode Francos die von ihm geschaffenen Institutionen unter Anführung des Königs sich selbst entmachteten und alle Spanier dazu brachten, gemeinsam eine zeitgemäße Form ihres Zusammenlebens zu finden. Das neue Spanien, Ergebnis einer pragmatisch-praktischen Mentalität, fand endlich zu der seit 1898 vergeblich gesuchten Regeneration. Die erste moderne Weltmacht, um 1900 fast aus der Welt verdrängt, nimmt wieder mitten in der Welt den Platz und Rang ein, der ihr gebührt. Der Übergang zur gekrönten Demokratie vollzog sich ohne große Aufregungen, weil alle Gruppen darauf verzichteten, sich mit der unmittelbaren Vergangenheit zu beschäftigen. Vernünftigerweise dachten alle an die Zukunft und ließen sich nicht von unnützem Erinnern verwirren. In den letzten Jahren vermehrten sich allerdings die Versuche, durch Anknüpfung an die Republik dem heutigen Spanien eine historisch vertiefte, republikanische Legitimierung zu geben. Das verursachte unfruchtbare Polemiken. Spanien mit seiner reichen Geschichte verfügt über viele freiheitliche und liberale Traditionen – der Begriff liberal kam ja aus Spanien nach Europa – , die in einer glückhaften Gegenwart neu befestigt worden sind. Dies Erbe gilt es festzuhalten auch in dem beruhigten Bewußtsein, sich von der an ihren eigenen Unzulänglichkeiten gescheiterten Republik wohltuend zu unterscheiden. Foto: Gefangennahme von republikanischen Milizionären durch die Truppen Francos an der Somosierra-Front in Nordspanien, 1936: Die Besiegten, aber auch die Sieger langfristig zermürben

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