„Wir waren immer eine bürgerliche Partei“

Der letzte Zug hinein in die Gesellschaft“ – das waren die Grünen für die Achtundsechziger, meint ihr Ex-Vorstandssprecher und Ex-Mitglied Rainer Trampert. Bevor die von Petra Kelly proklamierte „Anti-Parteien-Partei“ zu einem der erfolgreichsten Vehikel der radikalen Gesellschaftsveränderung werden konnte, mußten die Achtundsechziger erst einmal den Marsch durch die grünen Institutionen schaffen. Die Unterwanderung durch Linksextreme und kommunistische Sektierer gehörte zu den Geburtsproblemen der Grünen, die von Kritikern rasch das Etikett „Melonenpartei“ verliehen bekam – „außen grün und innen rot“. Schon beim Gründungsparteitag in Karlsruhe am 12. und 13. Januar 1980 habe man sich mit den „Ultralinken und Linken“ herumgeschlagen, erinnert sich Wolf-Dieter Hasenclever, der als 34jähriger Studienrat die Zusammenkunft eröffnet hatte und zwei Monate später der erste grüne Fraktionsvorsitzende im baden-württem-bergischen Landtag werden sollte. Der Achtundsechziger-typische Endlos-Diskurs um die sich häufenden Widersprüche spiegelte die heterogene Entstehungsgeschichte der Grünen. Konservative Ökologen wurden schnell verdrängt Die Wurzeln der Partei, die anders als alle anderen sein wollte, lagen zum einen in der „Neuen Linken“, die sich aus der Achtundsechziger-Studenten­bewegung ausdifferenzierte, und in konservativen Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen, die seit Ende der Sechziger Skepsis gegen den blinden und schrankenlosen Wachstums- und Fortschrittsoptimismus der Aufbaujahre anmeldeten. In Anti-Atomkraft-Aktionen fanden sie zusammen. Nach den Erfolgen linker Wahlbündnisse mit Umweltschützern bei den französischen Kommunalwahlen 1977 erkannten westdeutsche Linke das Machtpotential der bislang „außerparlamentarischen“ Zusammenarbeit mit den Umweltschützern. Im Oktober 1977 gewannen „grüne“ Listen die ersten Mandate in Niedersachsen; 1978 gründeten sich weitere konservativ-ökologische und links-„bunte“ Listen in Hamburg, Berlin, Hessen und Bayern, gewannen Kommunalmandate und kandidierten zu Landtagswahlen. Den Durchbruch brachte die Europawahl am 10. Juni 1979: Die Sonstige Politische Vereinigung (SPV) Die Grünen gewann aus dem Stand 3,2 Prozent. Drei Monate vorher hatten sich die Grüne Liste Umweltschutz Niedersachsen, die Grüne Liste Schleswig-Holstein, die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD), der Achberger Kreis und die Grüne Aktion Zukunft (GAZ) des im Juli 1978 aus der CDU ausgetretenen Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl, der zu einem der drei Vorsitzenden gewählt wurde, zu dieser Wahlliste zusammengeschlossen. Noch 1979 schaffte die Bremer Grüne Liste (BGL) als erste den Sprung in ein Landesparlament. Die „Sonstige Politische Vereinigung“ wurde zur Keimzelle der Bundespartei. Damit wurde aus dem Nebeneinander von konservativen Ökologen und linken Gesellschaftsveränderern ein interner Konflikt. Rasch ließen sich die anfangs starken und einflußreichen Konservativen den Schneid abkaufen. Noch vor dem Gründungsparteitag in Karlsruhe stritt man über die Teilnahme der vor allem im Norden starken und von K-Gruppen-Aktivisten dominierten linksalternativen „bunten“ Listen; der konservative Ökologe Baldur Springmann scheiterte mit dem Antrag, Mitgliedern anderer, insbesondere kommunistischer Organisationen die Mitgliedschaft in der neuen Partei zu verwehren. In Karlsruhe wurde zunächst nur die Satzung verabschiedet. Zwei Monate später, bei der Bundesversammlung in Saarbrücken am 22. und 23. März 1980, wurde ein Vorstand gewählt und das Programm beschlossen. Einigkeit ließ sich zunächst vor allem im Dagegensein herstellen. „Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien“, heißt es in der Präambel. Das Programm selbst trug linke Handschrift: Stillegung aller Atomanlagen, Abschaffung der Militärblöcke Nato und Warschauer Pakt, 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Bundesversammlung in Dortmund am 21. und 22. Juni desselben Jahres bescherte Gruhl die nächste Niederlage; er scheiterte bei den Parteisprecher-Nachwahlen, andere Konservative wurden abgewählt. Gruhl, Springmann und andere, darunter die eben in die Bremische Bürgerschaft gewählte BGL, traten geschlossen aus. Gruhl wurde nach langem Zaudern 1982 in München Mitgründer der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP). Fischer entschied den Kampf zwischen Fundis und Realos Die Grünen waren als „politische Alternative links der SPD“ positioniert; doch damit ging der parteiinterne Grabenkampf erst richtig los. Nach den konservativen Ökologen wurden im ersten Jahrzehnt die radikallinken Utopisten ausgebremst, die die Gründungsprinzipien „ökologisch – sozial – basisdemokratisch – gewaltfrei“ zu wörtlich nahmen. Die Achtziger waren für die Grünen geprägt vom Streit zwischen sogenannten „Fundis“ und „Realos“, so der verniedlichende Parteijargon für „Fundamentalisten“, die in radikaler Systemkritik schwelgten und Kompromisse, insbesondere Regierungsbeteiligungen, strikt ablehnten, und „Realpolitikern“, die mitmachen und ihr Stück vom Kuchen haben wollten. Exponent der letzteren war der 1982 eingetretene Frankfurter Szene-Sponti Joschka Fischer, der in den Siebzigern seine „Putztruppe“ genannten Steinewerfer übte und in Demo-Schlachten führte. Drastisch schildert die „Fundi“-Galionsfigur Jutta Ditfurth, wie im heimatlichen Frankfurt und Hessen Fischers Sponti-Truppe die Partei infiltrierte und majorisierte: „Vor uns saßen eines Abends, wie Fußballer auf der Reservebank, Männer, die uns bisher als ‚ökologische Spinner‘ befehdet hatten. ‚Warum wollt ihr plötzlich in die Grünen eintreten?‘ fragten wir. ‚Wir sind Joschkas Freunde! Joschka soll in den Bundestag‘, antworteten sie.“ Am 6. März 1983 war er drin. Zwei Jahre später wurde Fischer der erste grüne Minister – Umweltminister in Hessen. Zur Vereidigung erschien er in Turnschuhen, den Bundestagspräsidenten titulierte er „mit Verlaub“ als „Arschloch“ – derlei Infantilismen waren bei den Grünen der Achtziger Mode. Rotationsprinzip und die Verpflichtung, alle Diäten bis auf einen fiktiven „Facharbeiterlohn“ von 1.950 Mark abzuführen, waren basisdemokratisch-sozialistische Anwandlungen, die das erste Jahrzehnt nicht überlebten. Gewonnen hatten die Grünen den ersten Einzug in den Bundestag nicht zuletzt mit einer Kampagne gegen den Nato-Doppelbeschluß, bei dem sie sich der Unterstützung der linkspazifistischen Subkultur sicher sein konnten. Auch DDR-Staatssicherheit und Verfassungsschutz interessierten sich für die neue Partei: letzterer wegen der hohen Dichte von ehemaligen und noch aktiven kommunistischen und radikalsozialistischen Verfassungsfeinden, erstere auf der Suche nach „nützlichen Idioten“ zur Destabilisierung Westdeutschlands und des westlichen Militärbündnisses. Allein in Berlin berichteten bis zum Regierungseintritt 1989 vierzig VS-Spitzel aus allen Gliederungen der AL, erinnert sich Wolfgang Wieland, heute Mitglied im Abgeordnetenhaus: „Das weit gefährlichere östliche Pendant Stasi war höherrangig vertreten mit Dirk Schneider als Bundestagabgeordneten und Pressesprecher, mit Randolph Lochmann als GA-Mitglied, mit weiteren Fraktionsmitgliedern.“ Erich Honecker unterzeichnete gar 1983 einen „persönlichen Friedensvertrag“ mit grünen Bundestagsabgeordneten; immerhin hatten die Grünen als einzige Fraktion gegen den Nachrüstungsbeschluß gestimmt. Im geschützten Biotop der alten Bundesrepublik eilten die Grünen, gestützt auf linke Subkulturen, studentische Milieus und angepaßte Alt-Achtundsechziger, unter ihrer „Fundi“-Führung von Erfolg zu Erfolg. Die SPD dachte nicht daran, sich dauerhaft von der Union – die selbst nach rechts nicht so schlau war – in eine Abgrenzungsfront einbinden zu lassen, und erkannte rasch den Wert der chaotischen Alternativpartei als Mehrheitsbeschaffer. Und auch bei den Grünen wuchs die Sehnsucht nach Macht, Geld und Ämtern. Die Regierungsbeteiligungen in Hessen und Berlin (1989) blieben indes Intermezzi. Die Wiedervereinigung bremste den Aufstieg. Das Thema paßte den Grünen nicht: „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Klima“, plakatierten die West-Grünen bei der Bundestagswahl 1990 und scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. Nur die Listenvereinigung der 1989 gegründeten DDR-Grünen mit den im Bündnis 90 zusammengeschlossenen Bürgerbewegungen rettete die parlamentarische Präsenz. Der Verlust von Stellen und Fraktionsmitteln tat weh; die Schuld gab man den „Fundamentalisten“, deren prominenteste Köpfe – Jutta Ditfurth, Rainer Trampert, Thomas Ebermann – die Partei verließen. Großer Anteil an Umbau der Gesellschaft nach links Das Gros der machtbewußten alten K-Gruppen-Revoluzzer freilich blieb, scharte sich um ihre Vorbilder Fischer und Jürgen Trittin und trieb die Umwandlung der Grünen in eine „ganz normale“ Partei mit Anzugträgern, Selbstbedienungsskandalen, programmatischer Beliebigkeit und Regierungsbeteiligung auf allen Ebenen voran. Ein Kronzeuge dafür ist der heutige baden-württembergische Fraktionschef Winfried Kretschmann: In den Siebzigern war er vier Jahre beim Kommunistischen Bund Westdeutschland aktiv, heute wäre er am liebsten Minister in einer schwarz-grünen Koalition unter dem solchen Gedanken ebenfalls nicht abgeneigten neuen Anführer der Südwest-CDU, Günther Oettinger. „Wir waren immer eine bürgerliche Partei, wir haben uns nie Genossen genannt.“ Im Bundestag werden nun schon einmal Unionsabgeordnete von ehemaligen Antiautoritären wie dem rechtspolitischen Sprecher der Grünenfraktion Jerzy Montag zur „dem Parlament angemessenen“ Anzugsordnung im dunklen Dreiteiler ermahnt. Allerdings hat sich das Bürgertum, nicht zuletzt unter dem Einfluß der Grünen, gewaltig verändert. Die indirekten Erfolge des parlamentarischen Arms der Achtundsechziger bei der Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach links sind zweifellos noch bedeutender als die in Gesetzen und Verordnungen meßbaren. Die Grünen hätten „die Öffnung der Gesellschaft beschleunigt“, triumphiert der alerte hessische Fraktionschef Tarek Al-Wazir: „Ich bezweifle, daß Frau Merkel ohne die Grünen heute CDU-Vorsitzende wäre oder Guido Westerwelle seinen Freund neben Herrn Stoiber plazieren könnte.“ Nicht jeder mag das als Fortschritt feiern. Foto: Petra Kelly in Mutlangen (1983): Als Anti-Parteien-Partei konzipiert Foto: Die grünen Parteivorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer sind angekommen: Die Anzugsordnung im Blick

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