Elternfreiheit statt Familiensozialismus

Warum bekommen die Deutschen keine Kinder mehr? Weil der Wunsch gar nicht da ist, weil der „richtige“ Partner fehlt, weil Angst vor sozialem Abstieg herrscht – antworteten über 40.000 Männer und Frauen zwischen 18 und 49 Jahren auf Befragung der Zeitschrift Eltern. Materielle Gründe und fehlende staatliche Betreuungsangebote sind lediglich für eine Minderheit ausschlag­gebend. Die vom regierungsnahen Forsa-Institut betreute Umfrage, deren Ergebnisse durch die „Familienanalyse 2005“ der Allensbacher Demoskopen bestätigt werden, setzt eine Kette von Faktenerhebungen fort, die eine Grundannahme rot-grüner „Familienpolitik“ Lügen strafen. Daß Deutschland weltweit die höchste Kinderlosenquote aufweist, hat demnach vor allem mit persönlichen Motiven der Nicht-, Nochnicht- und Nichtwieder-Eltern zu tun. Jeweils 44 Prozent der befragten Kinderlosen erklären, sie dächten derzeit nicht an Kinder, weil der passende Partner fehle und weil sie auch ohne Kinder ganz zufrieden seien. 39 Prozent der Kinderlosen und 45 Prozent der Eltern nennen Angst um den Arbeitsplatz, 34 Prozent den Wunsch nach Unabhängigkeit als Beweggrund. Lediglich 29 Prozent der Befragten scheuen die Kosten des Elternseins. Ganze neun Prozent der Kinderlosen und 21 Prozent der Eltern wollen keine bzw. keine weiteren Kinder, weil es nicht genügend Krippen- und Kindergartenplätze gebe. Das deutet darauf hin, daß die Milliarden der Bundesregierung für den Ausbau von Ganztagsbetreuungsangeboten eine ideologisch geleitete Fehlinvestition darstellen. Die von Eltern in Auftrag gegebenen Studien und Umfragen sind zudem nicht die einzigen, die diesen Befund nahelegen. Auch eine vor einem halben Jahr veröffentlichte Studie aus dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg kam zu dem Schluß, daß materielle Gründe und insbesondere Probleme bei der vielbeschworenen „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ nur eine marginale Rolle bei der Entscheidung für oder gegen Kinder spielen. Hauptgrund sei vielmehr der „Wertewandel in der pluralen Gesellschaft“, der Familie und Kinder nur als eine Option unter vielen erscheinen lasse, die im Wettbewerb mit Spaß, Karriere und egoistisch-individualistischer „Selbstverwirklichung“ eben häufig den kürzeren zieht. Da klingt es schon kühn, daß ausgerechnet Bundesfamilienministerin Renate Schmidt sich durch die von Eltern veröffentlichten Zahlen in ihrer Politik bestätigt sieht. Bei der finanziellen Entlastung von Familien könne Deutschland sich im internationalen Vergleich sehen lassen, trumpft die Ministerin auf. Warum unser Land trotz des in der Tat beachtlichen Transfervolumens demographisch so viel schlechter dasteht als Länder mit vergleichbaren Aufwendungen wie etwa Frankreich, erklärt sie nicht – und auch nicht, was sie dagegen zu unternehmen gedenkt. Auch Allensbach-Chefin Renate Köcher sieht in materiellen Gründen nicht den Hauptgrund für Kinderlosigkeit in Deutschland. Ebenfalls im Auftrag der Zeitschrift Eltern haben die Demoskopen vom Bodensee für die „Familienanalyse 2005“ etwa 2.800 Personen mit Kindern unter 14 befragt und herausgefunden: Für mehr als 85 Prozent der Eltern bedeuten Kinder vor allem Positives – „Freude“, „gebraucht werden“, „lieben und geliebt werden“. Negatives („Opfer bringen und verzichten müssen“) findet sich erst auf Platz zehn der Liste. Warum aber entscheiden sich trotzdem so wenige Deutsche für Kinder? Ein wichtiger Grund ist die wachsende „Kinderdistanziertheit“, meint Köcher – das heißt: Ganze Bevölkerungsgruppen haben überhaupt keinen Kontakt mit Kindern mehr; sie kennen Kinder nur noch vom Hörensagen und urteilen damit in der „Familienfrage“ abstrakt über etwas, das in ihrem alltäglichen Leben gar nicht mehr vorkommt. Daß ausgerechnet die Kinderlosen zu drei Vierteln die „Kinderfeindlichkeit“ der Gesellschaft beklagen und als Motiv anführen, könnte man daher auch als zurechtgelegte Ausrede sehen. Allerdings klagen gerade Eltern mit Kindern über Probleme im öffentlichen Leben, in Restaurants oder Verkehrsmitteln etwa, und am Arbeitsplatz. Das positive Klima im privaten Bereich von Familien, Freunden und Bekannten kann das ablehnende Klima in der Öffentlichkeit allem Anschein nach nicht wettmachen. Das sind keine Kleinigkeiten. Sie erklären den Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich, zwei Ländern, die ähnlich viel Geld für Familienförderung ausgeben. Bei unseren Nachbarn wünschen sich Frauen zwischen 18 und 39 im Schnitt 2,25 Kinder, bei den Deutschen gerade mal 1,52 – kaum mehr, als tatsächlich geboren werden. Mit diesem Wert rangiert Deutschland wieder mal in der europäischen Schlußlichtgruppe – als Drittletzter. „Kinder werden dort gewünscht, wo Traditionen die Familie stützen oder aber das Konzept der Familienpolitik den Vereinbarkeitsinteressen der Frauen entspricht und signalisiert, daß Kinderhaben von der Gesellschaft gewollt ist“, folgert der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen Dorbritz aus diesen Zahlen. Was Familienpolitik zu leisten hat, geht daraus klar hervor: Sie muß die Idee der Familie als Keimzelle der Gesellschaft schützen und propagieren und den Familien den gesellschaftlichen und finanziellen Freiraum verschaffen, in dem sie ihren Kinderwunsch erfüllen können, ohne in den aufreibenden Konflikt zwischen Familie oder Beruf, Kind oder Karriere getrieben zu werden. Der Familiensozialismus, der von Rot-Grün und wachsenden Teilen der Union praktiziert wird, stößt hier an seine Grenzen. Wem die „bürgerliche Familie“ ein repressives Greuel und die abhängige Beschäftigung aller das gesellschaftliche Ideal ist, der vermag Familien statt der gewünschten gesellschaftlichen Anerkennung nur die Verstaatlichung der Kindererziehung anzubieten. Wer Kinder will und hat, möchte aber selbst und möglichst frei von ökonomischen Zwängen entscheiden, wieviel Zeit er ihnen widmet. Lösungsmodelle stehen längst im Raum – sei es das „Familiengeld“ als Eltern-Grund­sicherung, sei es das in Frankreich mit Erfolg praktizierte steuerliche Familiensplitting, das jedem Familienmitglied ein realistisches steuerfreies Existenzminimum zubilligt und damit kinderreiche Durchschnittsverdiener praktisch freistellt. Projekte wie diese, die der Gesellschaftsveränderungs-Ideologie der nach erfolgreichem Institutionen-Durchmarsch in der Regierung angekommenen rot-grünen Achtundsechziger nicht ins Konzept passen, werden freilich regelmäßig als „unfinanzierbar“ abgeblockt. Gälte dasselbe auch für ideologische Prestigeprojekte wie den flächendeckenden Ausbau von Ganztags-Betreuungsangeboten, für die kein echter Bedarf besteht, der erste Schritt zum dringend notwendigen Wertewandel wäre schon getan.

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