Paris im Schmitt-Fieber

In Frankreich ist seit einigen Monaten eine Debatte um Carl Schmitt entbrannt. Entfacht hat sie der Akademiker Yves Charles Zarka anläßlich der Übersetzung von Schmitts 1938 veröffentlichtem Werk „Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes“. In der Zeitung Le Monde entrüstete Zarka sich darüber, daß ein solches „Nazi“-Buch bei einem großen Verlag (Seuil) erscheinen konnte. Er verstieg sich zu der Behauptung, Schmitt sei gar kein richtiger Schriftsteller, sondern ein bloßer Propagandist wie etwa Alfred Rosenberg oder Walther Darré. Zarka hatte bislang nichts zu Carl Schmitt publiziert Zarka setzte seine Kampagne fort, indem er in seiner Zeitschrift Cités eine Artikelreihe zu dem Thema „der Nazi Carl Schmitt“ veröffentlichte. Dort hieß es, Schmitts Denken habe „den Begriff der rassischen Homogenität geprägt, der zu einem Stützpfeiler des Nazi-Regimes wurde“: „Die einzige politische Herrschaftsform, die den Schmittschen Politikbegriff zu verwirklichen vermag, ist der Nazismus.“ Gleichzeitig kündigte er ein dickes Buch mit dem Titel „Contre Carl Schmitt“ an, dessen Erscheinungstermin bereits dreimal verschoben worden ist. Zarkas nun statt dessen veröffentlichte Anklageschrift zum „nazistischen Detail im Denken Carl Schmitts“ enthält im wesentlichen zwei Artikel Schmitts aus dem Jahre 1935: „Die Verfassung der Freiheit“ und „Die nationalsozialistische Gesetzgebung und der Vorbehalt des ‚ordre public‘ im Internationalen Privatrecht“. Diese Offensive verwundert ein wenig. Zarka ist ein junger Wissenschaftler, der bislang nichts zu Carl Schmitt publiziert hatte, ja ihn nicht einmal im Original lesen kann, weil er kein Deutsch spricht. Sein Spezialgebiet ist die Hobbes-Forschung, und es ist durchaus denkbar, daß ihn vor allem das Erscheinen eines Buches über Hobbes erzürnt hat, dessen Schlußfolgerungen er ganz offensichtlich nicht teilt. Hinzu kommt, daß Etienne Balibar, der das Vorwort zur französischen Ausgabe von „Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes“ schrieb, Zarkas persönlicher Feind ist: Der politisch linksaußen angesiedelte Balibar setzt sich seit langem für die Sache der Palästinenser ein, während Zarka nicht minder leidenschaftlich auf israelischer Seite steht. In Wirklichkeit rennt Zarka mit Argumenten, die er sämtlich bei anderen Autoren abgeschrieben hat, offene Türen ein. Daß der überzeugte Katholik Schmitt sich ab 1933 mit seiner Begeisterung für das NS-Regime schwer kompromittierte, ist allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist allerdings, daß ihm ab 1936 insbesondere seitens der SS eine radikale Feindseligkeit entgegenschlug, die sehr schnell seine Marginalisierung und Enthebung von allen politischen Ämtern zur Folge hatte. Ihn als einen „ontologisch“ nationalsozialistischen Autor darzustellen, der zeit seines Lebens – während der Weimarer Republik ebenso wie nach 1945 – die Thesen der Rassenlehre unterstützt haben soll, ist nicht nur eine Absurdität und widersinnig sondergleichen, es läßt auch die heftige Kritik, der er sich ab 1936 ausgesetzt sah, völlig unverständlich werden. Glücklicherweise sind mittlerweile fast alle Bücher Schmitts ins Französische übersetzt worden. Der Reichtum und die Komplexität dieses Gesamtwerks liefert die beste Antwort auf Zarkas geradezu wahnwitzigen Anschuldigungen. Le Figaro bezeichnete Zarkas Buch als verlogene „Gegenpropaganda“, als „erbärmliches Beispiel von Bösgläubigkeit“ und typisches Beispiel für das, was Leo Strauss „reductio ad hitlerum“ genannt hat. Daß Schmitts Werk nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich bekannt wurde, war zuvorderst zwei erstrangigen Politologen zu verdanken, die über jeden Verdacht „nazistischer“ Sympathien erhaben sind: dem ehemaligen Widerstandskämpfer Julien Freund, der während des Krieges zweimal von der Gestapo festgenommen wurde, und dem berühmten liberalen Essayisten Raymond Aron. Heutzutage sind es sehr zu Zarkas Ärger in Frankreich, Italien, Großbritannien und den USA gerade Autoren von links und linksaußen, die Carl Schmitt am höchsten schätzen und keine Scheu kennen, ihn nicht nur als wichtigsten Erben Max Webers, sondern als größten Politologen und Staatsrechtler des zwanzigsten Jahrhunderts einzuordnen. Weltweit findet Schmitts Œuvre in zahlreichen Übersetzungen eine stetig wachsende Leserschaft. Tagungen in dreißig Ländern und über 400 Bücher befassen sich mit ihm, in Peking ist derzeit eine Gesamtausgabe in Arbeit. Durch „Kriminalisierung des Feindes“ Schmitt bestätigt Aus Zarkas Polemiken lernen wir nichts über Schmitt, aber um so mehr über Zarkas Denkweise und darüber hinaus über das intellektuelle Klima, das im heutigen Frankreich herrscht. In den letzten Monaten haben Martin Heidegger, Ernst Jünger, Mircea Eliade und viele andere ähnliche Verunglimpfungen erlitten. Gemeinsam ist diesen Pamphleten, daß sie nichts enthalten, was nicht auch zu Stalins Zeiten in der Sowjetischen Enzyklopädie hätte stehen können. Nicht nur tut man Schmitt oder Heidegger unrecht damit, sie einfach als „Nazi-Autoren“ abzutun, ihr Werk bildet ganz im Gegenteil den Ausgangspunkt für die stichhaltigste theoretische Kritik der nationalsozialistischen Ideologie – ob es sich um die Kritik des Willens zur Macht als „Wille zum Willen“ bei Heidegger handelt oder um die Verweigerung jeglicher „Kriminalisierung des Feindes“ bei Schmitt. Zarka und seinesgleichen haben nicht einmal begriffen, daß sie Schmitt bestätigen, indem sie ihn als „absoluten Feind“ behandeln. Vor allem aber haben sie nichts vom Wesen der Politik verstanden. Sie kritisieren den Nationalsozialismus auf moralischer Ebene (der Hitlerismus als Verkörperung des absolut Bösen). Einer moralischen Kritik geht jedoch jedwede politische Dimension ab, da sie die Phänomene, die sie zu ihrem Gegenstand macht, der Verständlichkeit entzieht. Ein politisches Regime kann per definitionem nur einer politischen Kritik unterzogen werden. Wenn die Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts bekämpft werden mußten, dann deswegen, weil sie auf theoretischen Irrtümern beruhten und als Herrschaftsform politisch verabscheuenswert waren. Foto: Ernst Jünger mit Carl Schmitt auf dem See von Rambouillet im Oktober 1941: Marginalisierung ab 1936

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