Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Weder Moll noch Dur

New Orleans, das war einmal neben Memphis im Bun desstaat Tennessee die US-amerikanische Musikstadt schlechthin. Mit der Überflutung der Südstaatenmetropole dürfte vorerst auch ihre Musikkultur der Vergangenheit angehören. Die Naturkatastrophe hat also nicht nur unüberblickbare materielle Schäden verursacht, sie hat nicht nur unzählige Menschen das Leben gekostet, sondern sie hat auch einen kulturellen Flurschaden hinterlassen. Wenn hier von Musikkultur die Rede ist, dann insbesondere vom Jazz und vom Blues, den bis heute einzig eigenständigen Hervorbringungen der Vereinigten Staaten in der Musikgeschichte. Nicht zuletzt deshalb wird der Jazz auch als „Stimme Amerikas“ bezeichnet. In der Jazzforschung herrscht Einigkeit darüber, daß seine Wiege die 1718 von den Franzosen im Mississippi-Delta gegründete Stadt New Orleans („Nouvelle Orleans“) ist. Hier wurde die erste homogene Stilart des Jazz entwickelt, nämlich der „New Orleans Stil“, dessen wichtigster Exponent der 1877 ebendort geborene Musiker Charles („Buddy“) Bolden gewesen sein dürfte. Auch wenn es immer wieder Versuche gab, diese herausragende Stellung in Zweifel zu ziehen oder als „Legende“ zu entlarven: Es darf als gesichert gelten, daß der „Melting Pot“ New Orleans und seine vielfältigen Lebensformen ideale Voraussetzungen für einen neuen Musikstil schufen, der heute als „Jazz“ bezeichnet wird. Dieser Stil kann, so merkte Gert Raithel in seinem Werk über die „Geschichte der nordamerikanischen Kultur“ an, als „Amalgam aus afrikanischen Musikelementen, aus afroamerikanischen Volksliedern, aus Spirituals und Volksliedern, aus Minstrelsongs mit irischen und schottischen Melodien, aus Blues und Ragtime“ beschrieben werden. Die wichtigste Quelle des Jazz ist neben dem Ragtime der zwölftaktige Blues. Hinzu treten als tonale Besonderheit die sogenannten Blue Notes, eine genuine Hervorbringung der Musik der Schwarzen. Sie können, so Raithel, „als Ersatz für fünfteilige Tonleitern ohne Halbtonschritte“ angesehen werden. Sie bewirken, daß der Originalblues weder Moll noch Dur zugeordnet wird, sondern einer eigenen Tonart. In den Schmelztiegel New Orleans strömten von See her anfänglich, so Martin Kinzler in seinem „Jazz-Lexikon“, neben deutschen und irischen Zuwanderern freigelassene Sklaven und Kreolen. Die Bezeichnung „Kreole“ hat im Jazz im übrigen eine andere als die sonst übliche Bedeutung. In der Regel bedeuten „Kreolen“ (von span. criollo: eingeboren) in Latein- oder Nordamerika geborene weiße oder farbige Nachfahren romanischer Einwanderer. Im Jazz meint „Kreole“ nach Kinzler freilich „eine an der Entstehung dieser Musikrichtung beteiligte Bevölkerungsgruppe des Südens, vor allem New Orleans'“. Diese créoles, in Abgrenzung zu den Weißen auch als créoles du couleur bezeichnet, waren oft Nachfahren französischer oder spanischer Handelsherren und ihrer schwarzen Geliebten. So berichtet der Jazzforscher Alfons Dauer: „Viele reiche Pflanzer und Geschäftsleute wie auch Aristokraten hatten Sklavinnen als Konkubinen, deren Nachkommen sie wie ihre eigenen Kinder hielten, sie erzogen, auf die sie ihr Vermögen vererbten und so zu einer neuen, bedeutsamen Bevölkerungsschicht beitrugen.“ Diese Kreolen hatten zwar bürgerliche Rechte, standen aber in ihrem Ansehen zwischen Schwarzen und Weißen. Mit der Aufhebung der Sklaverei im Jahre 1865 verloren sie nach Kinzler ihre „sozialen Vorteile“, wurden nun doch auch sie von der Rassentrennung und den Vorbehalten gegenüber „Farbigen“ erfaßt. Viele kulturell sehr rührige Kreolen, die vorher Musik eher als Hobby betrieben, gingen in der Folge dazu über, professionell Musik zu machen. Durch ihre zum Teil hervorragende Ausbildung hatten sie deutliche Vorteile gegenüber schwarzen Amateurmusikern. Dennoch mußten sie sich diesen anpassen, denn, so erklärte der kreolische Geiger Paul Dominguez: „Wir Leute aus Downtown hielten eigentlich nicht sehr viel von dem rauhen Uptown-Jazz – bis wir nicht mehr wußten, wovon wir leben sollten … Wenn ich überleben wollte, mußte ich ein Rabauke werden wie die anderen. Ich mußte jazzen oder raggen oder sonst etwas Verdammtes machen.“ Die Kreolen arrangierten sich aber sehr schnell mit dem „Jazz“ – der freilich erst später so bezeichnet wurde – und drückten ihm dann ihren Stempel auf. So hatten sie großen Anteil an der Entwicklung des „New Orleans Stils“. Sie brachten vor allem eine filigrane Eleganz in den Jazz ein. Nicht wenige Bands führten deshalb in ihrem Namen das Markenzeichen „creole“. New Orleans, schreibt der US-Soziologe Ben Sidran, sei in den Anfängen des Jazz so etwas wie der „städtische Testfall“ für die Entfaltung der schwarzen Kultur amerikanischer Prägung, für Musik mit Improvisationsanteilen und Bluesausdruck geworden. „Nachdem die Jungs aus New Orleans erst einmal im Lande herumgekommen waren“, erklärte der Bassist Pops Foster, „versuchte man überall im Osten und Westen so zu spielen wie sie.“ Und der Pianist James P. Johnson resümierte mit Blick auf die New Yorker Szene vor dem Ersten Weltkrieg: „Es gab keine Jazzband von der Art, wie sie in New Orleans oder auf den Mississippi-Dampfern anzutreffen waren, sondern überall wurde Ragtime gespielt, in den Bars, in den Varietétheatern und in den Bordellen.“ Der Bedarf an Tanzkapellen und Brassbands – sprich: Jazzbands aus der Anfangsphase des Jazz, der auch als „Archaischer Jazz“ bezeichnet wird – scheint insbesondere um die Wende zum letzten Jahrhundert grenzenlos gewesen zu sein. Die nach der Legalisierung der Prostitution im Jahre 1897 völlig übervölkerte Stadt (260 Bordelle bei zirka 200.000 Einwohnern) überbot sich in Musikparaden, Tanzveranstaltungen, karnevalistischen Veranstaltungen, Kneipen, Kabaretts und vielem anderen mehr. Die Professionialisierung des Jazz, die noch vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte, führte in der Folge allerdings zur Abwanderung vieler Talente und namhafter Musiker aus New Orleans in den reichen Norden. Zurück blieb eine Musikszene, die nach Einschätzung Martin Kinzlers als „touristisch geprägt“ bezeichnet werden muß. Mit anderen Worten: New Orleans zehrte bereits seit geraumer Zeit von dem (zuletzt verblassenden) Mythos, der mit dieser Stadt verbunden ist. Eine kreative und innovative Musikszene, wie sie zum Beispiel in New York anzutreffen ist, gab es dort schon lange nicht mehr. Möglicherweise erhält aber der Mythos, der mit dieser Stadt verbunden ist, durch deren Untergang neuen Auftrieb.

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