Mutige Frauen

Den 8. Mai 1945 vergessen? Unmöglich. Ich war damals fünf Jahre alt. Kurz vor der Kapitulation standen die Franzosen vor unserem Dorf Riederich, Kreis Reutlingen. Sie drohten, das Dorf dem Erdboden gleich zu machen, falls die Panzersperren an den Ortseingängen nicht innerhalb einer Stunde geöffnet würden. Der Ortsgruppenleiter verweigerte die Öffnung. Im Dorf brach eine entsetzliche Panik aus. Weinend standen die Frauen mit ihren Kindern vor dem Rathaus. Während die wenigen Männer, welche dem Volkssturm angehörten, es nicht wagten, dem Befehl des Ortsgruppenleiters zu widerstehen, rotteten sich die Frauen zusammen, um die Panzersperren mit Hilfe von Ochsengespannen zu öffnen. 95 Prozent des Ortes hatte längst mit dem Hitlerregime innerlich abgerechnet und wollte diesen Wahnsinn nicht mehr mitmachen. Der Ortsgruppenleiter steckte seinen Revolver wieder weg, als er den „Weiberhaufen“ vor sich sah. Auch der Volkssturm konnte die Frauen nicht mehr aufhalten. Vor dem Einmarsch der Franzosen zeigte der Ortsgruppenleiter eine gewisse Größe, als er mit dem Hitlergruß durch den Ort marschierte, um sich von der Bevölkerung zu verabschieden. Dann erschoß er sich. Meine Familie saß beim Einmarsch der Franzosen am Tisch und betete. Was würde mit uns geschehen? Mit geladenem Karabiner sprang ein junger französischer Soldat in unser Wohnzimmer und schrie: „Ände ooch!“ Wir Kinder weinten. Die wenigen Uhren und Schmuckstücke mußte mein Vater auf den Tisch legen. Plötzlich entdeckte der Soldat das Kruzifix in der Ecke. „Tu catholique?“, fragte er. „Oui monsieur, je suis catholique!“ antwortete Vater. Da machte der Soldat ein Kreuzeszeichen und legte alles wieder zurück auf den Tisch. Im Gegensatz zu vielen anderen Familien erlebten wir die Kapitulation als Befreiung. Es gab freilich auch furchtbare Vergewaltigungen durch marokkanische Truppen in der Umgebung. Seit dem Tag der Befreiung vergaß meine Mutter nicht, immer wieder frische Blumen unter das Kruzifix zu stellen. Wilhelm Bläser, Stuttgart

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