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Ein letzter Gottesdienst

Vor der endgültigen planmäßigen Vertreibung im Sommer 1946 erlebten die deutschen Dörfer in Ostböhmen bereits 1945 eine wilde Vertreibung nach Schlesien. So geschah es auch in Niederullersdorf bei Grulich. Zu Pfingsten 1945 kamen tschechische Partisanen, und alle Ullersdorfer mußten innerhalb ganz kurzer Zeit nur mit dem, was sie tragen konnten, zu Fuß über die Grenze nach Schlesien. Unsere Mutter zog uns über unsere Kleider unsere Wintersachen an, und ich schwitzte furchtbar. Mein Bruder und ich hielten uns am Kinderwagen fest, in dem mein acht Monate alter jüngster Bruder lag und auf dem auch noch meine kleine Schwester saß. Doch auch im schlesischen Glatz wehte bereits die polnische Fahne auf dem Rathaus. So kehrte nach einiger Zeit eine Familie nach der anderen wieder in das geplünderte Niederullersdorf zurück. Die planmäßige Vertreibung erlebten wir Ende Juni 1946 mit unseren Großeltern in Mährisch Rothwasser. Am Tag, der für unsere Vertreibung festgesetzt war, fand am Morgen in der Kirche noch ein letzter deutscher Gottesdienst statt. Viele deutsche Kirchen- und Volkslieder wurden gesungen: „Näher mein Gott zu Dir“, „Und in dem Schneegebirge“, „Kein schöner Land“ und „Wahre Freundschaft“ – an diese Lieder kann ich mich noch erinnern. Danach ging es auf Lkw mit wenig Gepäck in das Lager Müglitz zur Aussiedlung. Im Lager durchsuchten Tschechen noch einmal unser Gepäck nach Sachen, die ihnen gefielen. Selbst mein fünfjähriger Bruder wurde gefragt, wo der Großvater denn seine goldene Uhr versteckt habe. Nach ein paar Tagen im Lager mußten wir Viehwaggons besteigen. Mein Großvater war in unserem Waggon der einzige Mann. Da er aus Brünn kam, hatten die Tschechen ihn für Rothwasser nicht auf der Liste der Männer, die zur Zwangsarbeit abgeholt wurden. Im Viehwaggon organisierte Großvater etwas Ordnung. In der Ecke hinter ein paar Gepäckstücken wurde ein Toiletteneimer aufgestellt. Meine Mutter hatte Tierkohle mitgenommen, weil sie Angst vor Durchfällen bei uns hatte. Ein paar Gepäckstücke wurden so gestapelt, daß die Kinder, Kranke und sehr alte Menschen darauf liegen konnten. Die Erwachsenen fragten sich bedrückt, ob wir gar nach Sibirien kommen? Ich erinnere mich noch, wie erleichtert die Erwachsenen waren, als sie hinter Prag merkten, es geht Richtung Eger, nach Westen. Als wir bei Schirnding in der Oberpfalz über die Grenze kamen, warfen viele ihre weißen Binden mit dem schwarzen „N“ für Nemec (Deutscher) weg, die die Deutschen auf Anordnung der Tschechen tragen mußten. Viele weiße Binden lagen schon auf dem Acker. Alle waren plötzlich von dem ungeheuren Druck befreit, der seit Kriegsende auf den rechtlos gewordenen Deutschen in Böhmen und Mähren lastete.

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