Besatzer und Befreier zu Bismarcks Zeiten

Um für die regierungsamtliche, vom politischen Establishment wie von den Medien auf breiter Front unterstützte Deutung des 8. Mai 2005 als „Tag der Befreiung“ die weitgehende Zustimmung der Bevölkerung zu finden, war eine beharrliche geschichtspolitische Erziehungsarbeit erforderlich. Die setzte in Westdeutschland spätestens in den siebziger Jahren ein, Richard von Weizsäckers „Befreiungsrede“ von 1985 signalisierte nur, wie weit der Bewußtseinswandel zu diesem Zeitpunkt schon gediehen war. 1995, zum fünfzigsten Jahrestag, ließ sich an den geschichtspolitischen Deutungsschlachten mühelos ablesen, welche Interpretation sich endgültig durchsetzen würde. Mochte die in der Meinungsindustrie bereits dominante Befreiungsthese auch bei den „Menschen draußen im Lande“ noch erhebliche „Akzeptanzprobleme“ provozieren, war man mit dem Blick auf die biologische Uhr der Erlebnisgeneration doch sicher, daß dieser Widerstand auf sehr natürliche Weise abnehmen werde. Und so ist denn ja auch gekommen. Eine derartige Veränderung eines Segments kollektiver Identität ist nichts Ungewöhnliches. Die Sinnstrukturen großer sozialer Verbände sind in ständiger Bewegung, ihre Stabilität ist relativ, ihr Haltbarkeitsdatum an die Lebensspanne höchstens zweier Generationen gebunden. Nur das Makro-Sinnsystem „Religion“ ist zählebiger, verliert aber – zumindest in den meisten europäischen Gesellschaftsformationen – mit großer Rasanz seine Orientierungsfunktion. Da schon jedes Individuum ein veränderliches und diskontinuierliches Wesen ist, ist es nahezu selbstverständlich, keine große Erwartungen an die Konsistenz kollektiver Identität zu richten. Doch obschon diese Instabilität als Faktum nicht zu bestreiten ist, scheinen Historiker, Soziologen und Kulturwissenschaftler mit der Erklärung des kollektiven Bewußtseinswandels erhebliche Schwierigkeiten zu haben. Daß er stattfindet, ist nicht schwer auszumachen, wie und unter welchen Voraussetzungen er sich vollzieht, bleibt rätselhaft. Der Kieler Historiker Carsten Jahnke ist von diesem Rätsel herausgefordert worden. Er widmete seinen im Mai 2004 gehaltenen Habilitationsvortrag, den er in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (Band 130/2005) publiziert hat, einer merkwürdig aktuellen Konstellation, obwohl er uns in die Zeit um 1870 zurückführt. Doch auch damals vollzog sich ein Bewußtseinwandel im geschichtspolitischen Ringen um Besetzung und Befreiung. Wurden die „Elbherzogtümer“ Schleswig und Holstein 1864 von den Preußen und Österreichern besetzt oder von dänischer Herrschaft befreit? Immerhin gab es eine starke Mehrheit in den sozial tonangebenden Schichten, die nach dem Sieg über Dänemark gehofft hatte, unter Friedrich von Augustenburg als Herzog Friedrich VIII. von Schleswig-Holstein die Selbständigkeit erlangen zu können. Zu ihrer bitteren Enttäuschung bereiteten sich die Preußen aber auf eine Annexion vor, die nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 auch tatsächlich ins Werk gesetzt wurde. Mit dem Besitzergreifungspatent König Wilhelms I. vom 12. Januar 1867 wurden die Herzogtümer zur preußischen Provinz gemacht, am 24. Januar, dem Geburtstag Friedrich des Großen, leisteten alle Beamten im Kieler Schloß ihren Huldigungseid auf den König von Preußen. Doch wie sehr sich die Eliten des Landes als „Muß-Preußen“ empfanden, zeigten die Wahlen zum Reichstag des Norddeutschen Bundes am 12. Februar 1867. Gewählt wurden außer zwei Dänen die Kandidaten der augustenburgischen „Landespartei“, die für einen selbständigen Bundesstaat Schleswig-Holstein eintraten. Jahnke setzt mit diesem Dilemma der zu Besatzern gewordenen Befreier ein, wie die separatistisch gesonnenen Nordelbier in „treue und staatsfeste Preußen“ verwandelt werden können. Dabei spielte offenbar die auf den Wandel des Geschichtsbewußtseins gerichtete Strategie eine Hauptrolle. Geschichtsbewußtsein definiert Jahnke recht pauschal als Summe der „individuell und kollektiv vollzogenen Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartswahrnehmungen und Zukunftserwartungen“. Um darauf Einfluß zu gewinnen, setzten die Berliner Umerzieher bei zwei wichtigen Vermittlungsinstanzen von Geschichtsbildern an, der Kieler Universität als Stätte akademischer Interpretation und den Volksschulen als den Prägestöcken des Massenbewußtseins. Wichtigster preußischer Umerzieher an der Universität – vergleichbar etwa mit den Remigranten der „Frankfurter Schule“ oder den Protagonisten der um 1950 noch Demokratiewissenschaft genannten Politologie – war der Historiker Heinrich von Treitschke. Er kam im Herbst 1866 nach Kiel und begann unverzüglich mit der „Borussifizierung“ des Lehrbetriebs, unterstützt von Kollegen, die nun im Staatsexamen die Kandidaten mit der Schlacht bei Fehrbellin quälten. Ein Lehrstuhl für schleswig-holsteinische Landesgeschichte wurde durch Treitschkes Berufung verhindert, den gab es in Kiel erst zu republikanischer Zeit – nach 1918. Landesgeschichte konnte nur den Lokalpatriotismus stärken, was nicht im Berliner Interesse lag. Dieser „Provinzialismus“ sei also dem „nationalen Geschichtsbild preußischer Couleur geopfert worden“. Ebenso konsequent sei der Richtungswechsel im Geschichtsunterricht der Volksschulen ausgefallen. Das „Vaterländische Lesebuch“ vermittelte nun „protestantisch-deutsche Bildung“, europäische und außereuropäische Geschichte wurde entbehrlich, die Geschichte der Region selbstredend auch. Der im Medium historischer Erzählung zu weckende preußisch-deutsche Patriotismus war Ziel des Unterrichts. Die durch das „zündende Element“ personalisierter Geschichte erweckten Gefühle sollten sich zu Grundsätzen verfestigen, die den loyalen Staatsbürger auszeichnen. Diese Umerziehungsstrategie war langfristig sichtbar von Erfolg gekrönt und begann nach und nach auch den öffentlichen Raum zu prägen: Um 1900 hatte die Stadt Kiel ihre Blücher-, Scharnhorst- und Gneisenaustraße sowie das obligate Bismarck-Denkmal. Aus den Besatzern waren wieder Befreier geworden. Alte Bilder versagen bei der Formierung des Kollektivs Insoweit bestätigt Jahnkes schleswig-holsteinisches Exempel nur, was wir über das Phänomen des Weltbildwandels ohnehin seit langem wissen. Warum dieser im Norden nach 1866 gelingen konnte, erfahren wir von ihm aber leider nicht, erhalten daher auch keine Erklärungshilfe für andere Fälle, etwa den eingangs erwähnten bundesdeutschen Bewußtseinswandel oder die immer noch phantastisch anmutende Loyalitätserosion in den letzten Monaten des SED-Regimes. Wenn das didaktisch angeleitete und schon in der Volksschule trainierte Erinnern die aktuelle Sinnproduktion und das Bedürfnis nach kohärenter Konstruktion von Wirklichkeit in so erheblichem Maß beeinflußt und befriedigt, wie Gedächtnistheoretiker dies behaupten, hätte Jahnke doch einmal fragen müssen, warum die Kohärenz der tradierten „separatistischen“ Geschichtsbilder auch bei jenen so relativ rasch zerfiel, die nicht Treitschke hörten und die der Volksschule lange entwachsen waren. Warum gelingt es den neuen Bildern, die alten zu verdrängen? Warum versagen die alten Bilder bei der inneren Formierung des Kollektivs? Welchen Teil der Realität können die erzählten Sinnzusammenhänge alter Prägung nicht mehr integrieren, so daß ein Bedürfnis nach neuen Bildern wächst? Was verändert den sozial produzierten Wahrnehmungsrahmen derart, daß die „alten Geschichten“ als sinnlos empfunden werden? Schade, daß den frischgebackenen Privatdozenten Jahnke so schnell die Neugier verlassen hat und er zu den spannendsten Forschungsfragen, die sein Exempel aufwirft, nicht mehr vorstößt. Otto von Bismarck als Arzt, Dänemark als Kranker im Lazarett, Karikatur zur Trennung Schleswig-Holsteins von Dänemark (Holzstich, 1864): „Ach meine Herren, wollen Sie mich denn wirklich amputieren“

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