Sie haben die Wahl: Brust oder Keule?

Beim allgemeinen Werteverlust verliert man manchmal den Überblick. Doch jetzt im Sommer ist er wieder allenthalben sichtbar: der Niedergang der weiblichen Brust. Opernsängerinnen trugen es noch, Mutterkreuzträgerinnen und auch die Filmstars der fünfziger Jahre – das tolle Dekolleté. Und keine ist je „oben ohne“ gegangen – mit gutem Grund. Denn wie man seit den siebziger Jahren in Strandbädern und Grünanlagen sehen konnte, hängt ohne Unterstützung praktisch jeder Busen häßlich herunter – es sei denn, er wäre kaum vorhanden. Um auch beim barbusigen Federballspiel noch elegant zu wirken, nahmen europäische Frauen schreckliche Hungerkuren in Kauf. Doch die Männer reagierten unerwartet: Sie wurden schwul. Wozu sich mit einer erwiesenermaßen fremden Spezies herumärgern und Einfühlung vortäuschen, wenn sie vorn genauso flach ist wie man selber? Mit der Homosexualität kam der Hintern ins Spiel. Die tonangebenden Partygänger sahen sich die Frauen immer erst von hinten an. Beide Geschlechter tragen jetzt „Strings“, eine neuartige Unterhose, die aus einem Faden zwischen den Pobacken und einem Vorderteil besteht. Man kann es nicht übersehen, wenn man in den letzten Monaten die Werbeplakate studiert. Der Hintern herrscht beinahe unumschränkt. Wir wollen nicht übertreiben, Faltencremes werden immer noch im Gesicht angewandt, aber mit dem schwarzen Spitzenstring zum Weihnachtsgeschäft fing es an, im Frühjahr präsentierten gleich vier Damen ihren Allerwertesten unter dem frechen Slogan „It’s string time“, und neulich sahen wir einen Internetdienst in Pink auf dem obersten Teil eines weiblichen Schenkels prangen – das Ganze riesenhaft auf ein öffentliches Verkehrsmittel appliziert. Fast zur gleichen Zeit entdeckten wird im neuen Hugendubel für nur sieben Euro einen Bildband über das Teufelsmotiv in der Kunstgeschichte. Und was sieht der staunende Betrachter: Die Anbetung des Arsches ist ein allgemein bekanntes Motiv in der Dämonologie! Jener Ziegenbock, der den Teufel vorstellt, läßt sich mit Vorliebe von hinten sehen, wo er manchmal noch ein zweites Gesicht sitzen hat. In jedem Falle sind seine Anhänger begeisterte Po-Fetischisten, und wenn man unbedingt eine philosophische Deutung liefern will, so zeigt es die Hingegebenheit an das Tote, Verfaulende und die Endlichkeit allen noch so verheißungsvollen Anfangs. Der „Herr der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse“ ist mit Sicherheit auch der Herr des Verdauungsapparats. Und wenn man den übermächtigen sommerlichen Arschbacken ihre sinnliche Kraft nehmen will, so braucht man sich bloß das Naheliegende vorzustellen, nämlich das hier austretende Endprodukt. Dagegen wirkt die Vorstellung von nährenden Zitzen duftig und sexy, egal ob es sich um eine Wildsau, eine Hauskatze oder eine Frau im fortpflanzungsfähigen Alter handelt.

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