Joachim Kuhs

 

Neue Technologien: Spielzeug-Labor und transgenes Heimtier

Es könnte gut sein, daß Ihre Kinder oder Enkelkinder sich zu Weihnachten einen Fisch wünschen. Machen Sie dann nicht den Fehler, zu Ihrer „Nordsee“-Filiale zu laufen und sich einen Hering oder Rotbarsch einpacken zu lassen. Die Kinder würden wahrscheinlich enttäuscht sein. Was sie erwarten, ist ein schöner bunter Südseefisch, der nicht nur die Flossen bewegen, sondern auch sprechen und denken kann – genau wie „Nemo“ in dem gerade erfolgreich laufenden Walt-Disney-Film. Enttäuschung ist also auch bei richtigen lebenden Fischen zu befürchten. Solange Disney-Filme auf der Basis von Handzeichnungen entstanden, und der Trick nur darin bestand, diese Bilder in Sekundenschnelle hintereinander ablaufen zu lassen, war den kleinen Zuschauern noch einigermaßen klar, daß es sich bei Bambi und Snoopy nicht um wirkliche Tiere handelte. Inzwischen aber erklären sogar passionierte Taucher, daß es zwischen Anemonen und Korallen auf dem Meeresgrund tatsächlich etwa so aussehe wie in „Nemo“. Die schönen fließenden Bewegungen der Fische und Wasserpflanzen und dazu das milchige Dämmerlicht verschaffen die perfekte Illusion. Dahinter stecken leistungsfähige Computer, die eine Unzahl von Daten gleichzeitig bearbeiten, aber auch Menschen, denen es gelingt, ihre künstlerischen Ideen in Form von exakten Befehlen in der jeweiligen Computersprache zu formulieren. Keiner von diesen Meistern wird je berühmt; noch immer sucht man die große Kunst in Galerien und Museen, wo nur noch der Schrott lagert. Was die Kinder eigentlich wollen, ist ein Wunderfisch – und den gibt es sogar zu kaufen! Allerdings erst ab Januar und vorläufig nur in den USA. Sprechen kann er zwar (noch) nicht, aber dafür leuchten. Kein Clowns-, aber ein schwarz-weiß gestreifter Zebrafisch aus der Südsee ist mit bestimmten Genen der Seekoralle aufgerüstet worden, so daß er bei Lichteinfall rot leuchtet. Das Tier trägt die Bezeichnung „GloFish“ und kostet nur fünf Dollar. Zumindest am Anfang dürfte dieses Geschenk großen Eindruck machen. Ab zehn Jahren allerdings muß man damit rechnen, daß weitere Fähigkeiten eingefordert werden, etwa daß der Leuchtfisch auch als Glühwürmchen fungieren oder auf der Schulter seines spazierengehenden Halters sitzen kann. Dann ist genau der richtige Zeitpunkt für den „Discovery DNA Explorer Kit“, eine Art Biochemie-Baukasten oder Mini-Genlabor, das vom Discovery Channel im Internet vertrieben wird. Für 79 Dollar kann der angehende Forscher richtige DNA aus Lebensmitteln extrahieren. Mit dem Stibitzen aus dem Kühlschrank fängt es also an, dann rattert die Zentrifuge, und irgendwann tönt aus dem Aquarium eine Stimme, die sich beschwert, auch dieses Jahr Weihnachten leer ausgegangen zu sein: „Diskriminierung!“ schmollt Nemo. „Als ob wir Schuppenträger nicht auch Menschen wären.“

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