Das kulturelle Potential der Leere

In den letzten Jahrzehnten sind in 28 Ländern 134 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern geschrumpft. Wie Claudia Gliemann aufzeigt (Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte, 7-8/2003), ist das Phänomen nicht auf eine bestimmte Kultur oder einen bestimmten industriellen Entwicklungsstand beschränkt. Den Ursachen, Wirkungen und kulturellen Perspektiven entsprechender Prozesse widmet sich ein durch die Kulturstiftung des Bundes unterstütztes Forschungsprojekt. Ziel ist zunächst eine exemplarische Bestandsaufnahme der von zunehmender Fragmentierung betroffenen und ihr bauliches Kontinuum verlierenden Städte. In der zweiten Phase geht es um konkrete Projekte an Ort und Stelle unter Beteiligung von Künstlern, Stadtgeographen, Kulturwissenschaftlern, Architekten, Musikern und Journalisten. Bei den vier für eine eingehende Analyse ausgewählten Regionen handelt es sich zum einen um Detroit, das von 1,8 Millionen Einwohnern (1950) auf 950.000 Einwohner (2000) schrumpfte, während die Einwohnerzahl des Umlandes stark zunahm. Das teilweise zerfallende Zentrum bevölkerten 1998 zu 79 Prozent Schwarze, während im Umland zu 78 Prozent Weiße lebten. In den Veränderungen kommt also eine massive Segregationstendenz zum Ausdruck. Die Region Manchester/Liverpool ist nach einer wirtschaftlichen Blütephase vor allem während des neunzehnten Jahrhunderts (Textil, Handel) von einem jahrzehntelangen Deindustrialisierungs- und Abwanderungsprozeß geprägt (Halbierung der Einwohnerzahl beider Städte seit den dreißiger Jahren). Einseitige Industrialisierung erhöht die Anfälligkeit Im Raum Halle/Leipzig kommen alle Folgen der einschneidenden Veränderungen, die durch die mit der deutschen Vereinigung verbundene Abwanderung, die Suburbanisierung und die Deindustrialisierung entstanden sind, zusammen. Der Zusammenbruch der Industriezweige Braunkohle und Chemie ließ die Arbeitslosigkeit in der Region auf zwanzig Prozent hochschnellen und führte zu einer Abwanderungswelle in den Westen, während gleichzeitig eine Auslagerung von Wohnen, Einzelhandel und Gewerbe ins Umland einsetzte. Noch schwerer von entsprechenden Tendenzen betroffen ist Ivanovo, 300 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen. Auf den Systemwechsel folgte der Niedergang des einstigen Zentrums der russischen Textilindustrie, hohe – zum Teil versteckte – Arbeitslosigkeit und in der Konsequenz ein massiver Fortzug in die ständig wachsende Hauptstadt und Acht-Millionen-Metropole Moskau. Gliemann weist darauf hin, daß das Schrumpfen von Städten nicht immer Verlust bedeuten muß. In Städten wie Detroit, Manchester und Liverpool oder Berlin seien die entstehenden Brachen produktiv genutzt worden, was vor allem in den lebendigen Club- und Musikszenen dieser Städte zum Ausdruck komme. Die beschriebenen Negativprozesse gingen insofern nicht zwangsläufig mit Dekultivierung einher. Vielmehr scheine sich Kultur heute gerade dort zu ballen, wo die Ökonomie versage.

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