Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden in der Ostsee vor Wustrow gesprengt
Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden in der Ostsee vor Wustrow gesprengt Foto: picture alliance / Bernd Wüstneck / dpa
Kampfstoffe im Meer

Hypotheken unter Wasser

Während und nach den beiden Weltkriegen gelangten gigantische Mengen an Munition in die deutschen Küstengewässer von Nord- und Ostsee. Seitdem korrodieren sie auf dem Meeresboden vor sich hin, teilweise in nur geringer Wassertiefe. Die Altlasten sind nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern zudem eine ökologische Zeitbombe. Auch die verantwortlichen Politiker von Bund und Küstenländern schlugen jahrzehntelang alle Warnungen in den Wind – doch nun sind auch Offshore- Windparks in Gefahr.

Eine Nacht im August 1943: Hunderte britische Bomber nähern sich mit dumpfem Brummen Usedom. Ziel der „Operation Hydra“: die Zerstörung der deutschen Heeresversuchsanstalt für Raketenforschung Peenemünde am Nordzipfel der Insel. Die Piloten werfen 1.400 Sprengbomben, 36.000 Brandbomben und 4.100 Phosphorbomben ab – doch die meisten verfehlen ihr Ziel und landen ohne zu detonieren im flachen Küstengewässer. Da liegen sie bis heute.

Bis 1945 landeten bei Kampfhandlungen etliche Bomben, Minen und Granaten in der See. Nach dem Krieg wurden die Reste einfach ebendort verklappt, inklusive Sprengstoff, Giftgas und Infanteriepatronen. Die Versenkungsgebiete lagen meist nur wenige Seemeilen vor der Küste, doch um Zeit zu sparen, warfen die Bootsmannschaften schon auf dem Weg ins Einsatzgebiet vieles über Bord. In der Ostsee schätzt man die Gesamtmenge an Munition auf 300.000 Tonnen, in der Nordsee sollen es rund 1,3 Millionen Tonnen sein.

Chemische Kampfstoffe verteilen sich im Meer

Das Kampfmittelproblem der Ostsee wird schon seit 2006 aktiv angegangen. Insbesondere Polen und Litauen haben lange darauf gedrängt. In der Nordsee steckt die Munitionsräumung noch im Anfangsstadium. Die Zeit läuft: Die Metallmäntel der Geschosse sind porös, Giftstoffe treten aus. Manche Kampfstoffe dürfen beim Heben nicht mit der Luft in Kontakt kommen und müssen noch unter Wasser in dichten Stahlbehältern verstaut werden.

In Sichtweite der Kieler Bucht liegt das Seegebiet Kolberger Heide. Hier ruhen in nur etwa zehn Metern Tiefe über dreißigtausend Tonnen Minen und Torpedos. In Bergen bis zu mehreren Metern Höhe türmen sich die Kriegsrelikte auf dem Meeresboden auf. Meeresbiologen wiesen an Plattfischen aus dieser Region eine fünffach erhöhte Zahl an Lebertumoren nach.

Die Geschwülste sind schon mit bloßem Auge deutlich erkennbar. Die Wissenschaftler plazierten zudem Muscheln in Unterwassernetzen im Bereich der Munition und stellten fest, daß sich in ihnen Abbauprodukte von TNT anreichern. Diese Abbauprodukte schädigen das Erbgut. Die Forscher machen das TNT auch für die erhöhte Tumorrate bei den Fischen verantwortlich. Sie fanden außerdem Abbauprodukte von arsenhaltigen chemischen Kampfstoffen.

Doch wie die Munitionsfundorte aufspüren? Die „Arbeitsgruppe Munition im Meer“ durchforstet alliierte und deutsche Kriegstagebücher, Luftaufnahmen, Funksprüche, Wetterberichte, Seekarten und Wetterberichte. Die Erkenntnisse fließen in eine geologische Datenbank. Über 35 Munitionsgebiete sind vor beiden deutschen Küsten insgesamt bekannt, bereits etwa 70 gelten als Verdachtsfälle. Vor Helgoland liegt beispielsweise eine ganze Halde von Granaten mit dem deutschen Nerven-Kampfstoff „Tabun“.

Eine Fliegerbombe im Fischernetz

Das Problem bleibt jedoch nicht stationär, sondern wandert: Durch Strömung und Schiffsverkehr werden Partikel des teilweise freiliegenden Sprengstoffs abgeschliffen und verteilen sich. TNT-Teilchen binden sich dabei gerne an Mikroplastik, so eine Beobachtung der Toxikologen. Algen können diese Teilchen zwar durch ihren Stoffwechsel umwandeln, doch die Umsetzprodukte – sogenannte Metabolite – sind noch giftiger als das TNT selbst.

Das Umweltministerium in Kiel, das Helmholtz-Zentrum Geomar und das Leibniz-Institut für Ostseeforschung sagen zwar, daß es generell keine garantiert munitionsfreien Gebiete in der Ostsee gibt, aber „ein Schluck Ostseewasser“ auch noch niemanden ernsthaft gefährde.

Doch eine andere Gefahr ist ganz konkret: Auf Usedom warnt die Gemeinde mit Schildern am Strand die Besucher: „Beim Sammeln von Bernstein besteht Unfallgefahr, da Bernstein mit Phosphorteilchen verwechselt werden und sich beim Aufbewahren in Kleidung oder brennbaren Behältern selbst entzünden kann!“ Regelmäßig erleiden ahnungslose Badegäste in der Sommersaison teils schwere Verbrennungen, weil sie angespülte Phosphorbröckchen aufheben.

Diese schmelzen beim Erreichen von Körpertemperatur in der Hand zu einer gelartigen, klebrigen Substanz und entzünden sich! Die Unfallklinik auf Usedom hält eigens eine Fachabteilung für Phosphorverbrennungen vor. Seit 1979 sind bei Zwischenfällen mit Kriegsmunition zwei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. 2014 kam ein Fischer vor Bornholm mit dem Schrecken davon, der plötzlich eine durchgerostete Fliegerbombe im Netz an Bord zog.

Wissenschaftler untersuchen die Munitionsfriedhöfe

In der Nordsee kommt Phosphor am Jadebusen und vor Husum vor. In der Nordsee ist das Munitionsproblem nicht nur quantitativ gravierender als in der Ostsee, sondern wird auch durch die stärkere Strömung verschärft. Gezeiten und rauhe See wirken auf die Metallhülsen von Bomben und Geschossen wie Schmirgelpapier. Die Geschoßmäntel rosten dementsprechend schneller durch. Die tägliche Tide sorgt für einen stärkeren Wasseraustausch als in der Ostsee und damit für eine größere Verbreitung giftiger Substanzen.

Belgien, Dänemark, Deutschland, die Niederlande und Norwegen haben gemeinsam das Projekt „North Sea Wrecks“ initiiert, um vor allem in der südlichen Nordsee und Deutschen Bucht aufzuräumen. Mehr als 30 Projektpartner sind eingebunden, so auch das Alfred-Wegner-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Das AWI stellt auch das 55 Meter lange Forschungsschiff „Heincke“, das bereits im Mai unterwegs war und im Oktober erneut auslaufen soll. Mit Tauchern und Tauchrobotern wollen sich die Wissenschaftler ein Bild von Munitionsfriedhöfen machen und auch hier Muscheln und Plattfische auf Vergiftungen untersuchen. 2022 soll „North Sea Wrecks“ abgeschlossen sein.

Offshore-Windpark-Lobbyisten unterschätzen die Lage

Dann könnten Spezialfirmen mit der Räumung beginnen. Doch das geschieht nur, wenn wirtschaftliche Interessen betroffen sind, so wie beim Bau von Pipelines oder Windparks. Dann schreiben Behörden und Versicherer vor, daß der Meeresboden darunter von Kampfmitteln geräumt werden muß – Quadratmeter für Quadratmeter. Das leisten nur wenige Spezialfirmen. Die Meeresbodenscanner können auf dem Seegrund jedoch nur wenige Meter Breite abtasten.

Bei einem Windpark mit mehreren Quadratkilometern Fläche Aufgabe für Monate. Anschließend wird jedes entdeckte Metallteil von einem Tauchroboter untersucht. Vieles entpuppt sich dabei als harmloser Schrott. Diesen Aufwand haben die Offshore-Windpark-Lobbyisten dramatisch unterschätzt. Die immensen Kosten dafür reichen die Betreiber natürlich an die Endkunden weiter.

JF 40/20

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