Gustloff
Die „Wilhelm Gustloff“ im Hamburger Hafen (um 1934) Foto: picture alliance/arkivi
Versenkung der „Wilhelm Gustloff“

Inferno auf der eisigen Ostsee

Die Todesfahrt der Wilhelm Gustloff begann am 30. Januar 1945 um 13.10 Uhr in Gotenhafen (Gdingen). Das Datum war ein doppelt böses Omen: Zum einen war es der zwölfte Jahrestag der Machtübertragung an Adolf Hitler, zum andern der 50. Geburtstag des Namensgebers. Wilhelm Gustloff, gebürtig aus Schwerin in Mecklenburg, war in der Schweiz Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation gewesen. Am 4. Februar 1936 war er von dem Attentäter David Frankfurter in seiner Davoser Wohnung erschossen worden.

Das mehr als 200 Meter lange, großzügig ausgestattete Schiff der NS-Organistion „Kraft durch Freude“ (KdF) hatte bis 1939 Kreuzfahrten nach Norwegen und Italien unternommen. Nach Kriegsbeginn wurde es in ein Lazarett-Schiff umgewandelt. Am 12. Januar 1945 begann die Offensive der Roten Armee, die rasch bis zum Frischen Haff vordrang. Ostpreußen wurde vom Reich abgeschnitten. Weil Gauleiter Erich Koch eine rechtzeitige Evakuierung verhindert hatte, blieb den gut anderthalb Millionen Zivilisten und 500.000 Wehrmachtsangehörigen nur noch die Flucht über die Frische Nehrung in den Danziger Raum und dann über die Ostsee. Für den Seetransport gab es jedoch keinerlei vorausschauende Planung, er mußte improvisiert werden.

Rettungsaktion ohne Beispiel

Ende Januar ordnete die Führung der Kriegsmarine unter Großadmiral Karl Dönitz die Operation „Hannibal“ an. Zunächst ging es darum, die Unterseebootsdivisionen in der Danziger Bucht nach Westen zu verlegen. Soweit der Schiffsraum nicht von Militär belegt wurde, sollten Zivilisten mit an Bord genommen werden. Über ihr Schicksal gab es seit dem Massaker von Nemmersdorf im Oktober 1944 keinen Zweifel, sollten sie in die Hände der Roten Armee fallen.

Der „Hannibal“-Befehl entwickelte eine Eigendynamik, eine Rettungsaktion ohne Beispiel begann. Für den Abtransport der Flüchtlinge wurde vom großen Fahrgastschiff bis zum Walfänger jeder erreichbare Schiffsraum genutzt. Im ostpreußischen Pillau, in Gotenhafen (Gdingen), Danzig, Stolpmünde, Kolberg und auf der Halbinsel Hela warteten zahllose Menschen auf die rettende Ausschiffung. Zielhäfen waren Swinemünde, Saßnitz, Eckernförde und Kiel.

Die „Gustloff“ war für knapp 2.000 Mann einschließlich Besatzung ausgelegt. Auf ihrer letzten Fahrt legte sie mit mehr als 10.000 Menschen ab. Auf der Kommandobrücke war man sich uneinig über den einzuschlagenden Kurs. Den Vorschlag, im flachen Gewässer zu fahren, wo feindliche U-Boote nicht operieren konnten, lehnte Kapitän Friedrich Petersen ab. Die Überladung des Schiffes und die Reichweite russischer Artillerie sprachen dagegen. So steuerte die „Gustloff“ einen Kurs nördlich einer Sandbank, der „Stolpebank“, 16 Seemeilen vor der pommerschen Küste.

Eine schauerliche Pointe bildete die Rundfunkansprache Adolf Hitlers zum Tag der Machtergreifung, die auch auf der „Gustloff“ zu hören war. Seine Stimme klang erstaunlich fest und akzentuiert, dabei handelte es sich um einen Nekrolog. Der üblichen Erzählung vom einstigen Aufstieg der Partei folgte die Versicherung, das „grauenhafte Schicksal, das sich heute im Osten abspielt“, zu wenden.

Größte Schiffskatastrophe der Seefahrtsgeschichte

Wie das geschehen sollte, verriet er nicht. Doch er sagte, daß jeder Deutsche jedes geforderte Opfer bringen müsse und sogar die Kranken und Gebrechlichen mit dem Aufgebot ihrer „letzten Kraft“ für den Sieg zu arbeiten hätten. Der Sinn der Sache lag nicht mehr im Bereich irdischer Möglichkeiten, vielmehr sollte der letzte Einsatz der „verschworenen Gemeinschaft“ sich als Bitte an den „Allmächtigen“ richten, auf daß er Deutschland „seine Gnade und seinen Segen“ und am Ende den Sieg spende.

Das Opfer wurde, kaum war die Rede zu Ende, abgefordert. Drei Torpedos, die das sowjetische U-Boot „S-13“ unter Kommandant Alexander Marinesko um 21.16 Uhr abfeuerte, brachten die „Gustloff“ binnen einer Stunde zum Sinken. Heinz Schön, der unermüdliche Chronist der Tragödie, der als 18jähriger Zahlmeister-Assistent die Katastrophe überlebte, hat die Szenen beschrieben, die sich nach dem Treffer mittschiffs im leer gepumpten Schwimmbad im Unterdeck, das als Notunterkunft diente, abspielten: „Unter den Füßen der Flüchtenden waren Menschenleiber, meist Frauen und Kinder, gefallen, niedergerissen, totgetrampelt. Willenlos werde ich nach oben getragen, eingeklemmt in ein tobendes schreiendes Menschenbündel, in dem sich einer an den anderen klammert.“

Es gibt viel zu wenig Rettungsboote. Die Lufttemperatur betrug 20 Grad unter Null. Da die Funkanlage durch die Sprengwirkung außer Betrieb war, erhielten die Leitstelle und die Begleitschiffe erst mit Verspätung Kenntnis von der Katastrophe. Nur 1.252 Menschen konnten gerettet werden, mehr als 9.000 starben, wie man seit einigen Jahren weiß. Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ ist damit die größte Schiffskatastrophe der Seefahrtsgeschichte.

Die Tragödie fand ihre Fortsetzungen. Am 10. Februar versenkte Marinesko die „Steuben“, einen Luxusliner, der in Friedenszeiten nach New York gefahren war. Von den schätzungsweise 5.000 Menschen an Bord wurden nur 600 gerettet. Am 16. April wurde auf der Höhe von Stolpmünde das U-Boot „L-3“ unter Kommandant Konowalow der „Goya“ zum Verhängnis. 7.000 Menschen kamen ums Leben. Überlebende der Katastrophen berichteten von einem gewaltigen Rauschen, verursacht vom Wasser, das durch die von den Torpedos gerissenen Lecks einströmte.

Denkmal für die Opfer wurde politisch abgelehnt

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War die Versenkung ein Kriegsverbrechen? In einem höheren Sinne sicher, im juristischen Sinne nicht. Die „Gustloff“ bewegte sich abgedunkelt durch Kriegsgebiet, hatte einen grauen Tarnanstrich; es war Militär an Bord; auf dem Deck waren Flak-Geschütze aufmontiert. Ohnehin spielte sich der Krieg längst jenseits der Regeln ab, die einst zu seiner Hegung aufgestellt worden waren.

Der Untergang der„Gustloff“ wird bis heute verhältnismäßig breit rezipiert. Einer der Gründe liegt wohl darin, daß großen Schiffskatastrophen per se eine düstere Faszination innewohnt und sie geeignet sind, um kollektives Erleben zu verdichten und anschaulich zu machen.

Der 1959 abgedrehte Film „Nacht fiel über Gotenhafen“ wurde ein großer Kinoerfolg. Josef Vilsmaiers ambitionierter Kinofilm „Die Gustloff“ von 2008 scheiterte an dramaturgischer Zerfaserung, die geschichtspolitischer Unsicherheit entsprang. So beginnt der Vorspann mit der Ansage, Deutschland hätte „der Welt den Krieg“ erklärt, sich also selber als „Feind der Menschheit“ eingeführt. Unsicherheit kennzeichnet auch die 2002 erschienene Novelle „Im Krebsgang“ von Günter Grass, die ebenfalls den Untergang der „Gustloff“ thematisiert. Grass läßt seinen Erzähler sich immer wieder rückversichern, keinesfalls einem Nazi-Thema zu verfallen. Diese politisch-korrekte Verkrampfung bis auf den Grund zu reflektieren, war Grass nicht in der Lage, denn er war selber in ihr gefangen.

Ausgerechnet der damaligen NPD-Fraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern blieb der Antrag vorbehalten, den 9.000 Opfern des versenkten Flüchtlingsschiffs ein Denkmal zu setzen. Die Landtagsdebatte am 28. Januar 2010 wurde von den anderen Parteien als Scherbengericht zelebriert.

Der SPD-Fraktionschef wies – auch im Namen von CDU, Linken und FDP – den Antrag zurück, der nur dazu dienen solle, „die Greueltaten des Nationalsozialismus zu verharmlosen“. Er schloß seine Rede so pathetisch wie sinnfrei mit der Behauptung, die Trauer um die Opfer sei nicht differenzierbar. „Unsere Trauer unterscheidet nicht zwischen Nationalitäten, Glaubensrichtungen oder politischen Überzeugungen: wir trauern um Menschen!“ Warum das ein Denkmal für die „Gustloff“-Toten ausschließt, ließ der Redner offen.

Die Schlußsätze aus der „Krebsgang“-Novelle bleiben gültig: „Das hört nicht auf. Nie hört das auf.“

JF 5/20

Die „Wilhelm Gustloff“ im Hamburger Hafen (um 1934) Foto: picture alliance/arkivi

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