In einigen Bundesländern wie Schleswig-Holstein öffnen die Schulen wieder unter dem Eindruck der Corona-Krise Foto: picture alliance/Gregor Fischer/dpa
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Überblick über die Corona-Lage

COVID-19: Schulöffnungen in Deutschland und der schwedische Weg

Die Zahl der auf COVID-19 positiv getesteten Menschen steigt weltweit ungebremst an, auch wieder in Deutschland und das Ifo-Wirtschaftsinstitut rechnet mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens bis April 2021. Gleichzeitig wird der Ruf aus der Politik nach Verschärfungen der Corona-Restriktionen und möglichen weiteren Lockdowns unüberhörbar. Die Nachrichtensendungen der öffentlich–rechtlichen Anstalten hinterfragen in einem deutlich verschärften Ton den sogenannten „lockeren“ Umgang mit der Pandemie. Die politischen und medialen Bestrebungen, die Angstkurve möglichst hoch zu halten, sind deutlich zu spüren.

Sind wir nun in der sogenannten zweiten Welle und bahnt sich eine Katastrophe an? Inzwischen werden wöchentlich rund 600.000 Tests in Deutschland gemacht und der prozentuale Anteil der positiv getesteten stieg im Mittel von 0,6 auf ungefähr ein Prozent an. Nach den Lockerungen der Restriktionen, den verwirrenden Aussagen der Politik zur Maskenpflicht und dem zu erwartenden Aufflackern der Epidemie in lokalen Hotspots sind diese Zahlen eigentlich keine wirkliche Überraschung.

Entscheidend für den harten Lockdown im März war die Furcht, daß man einer massiven Welle von schwer erkrankten COVID-19 Patienten wegen fehlender Beatmungsgeräte auf Intensivstationen nicht standhalten könne.  Deshalb muß bei möglichen neuen Corona-bedingten Einschränkungen die Beherrschbarkeit des medizinischen Verlaufs Schwersterkrankter und die Zahl der intensivmedizinisch behandelten COVID-Patienten zum Maßstab gemacht werden.

Infektionszahlen sprechen derzeit gegen zweite Welle

Aufklärung über die Lage schwer an COVID-19 Erkrankter gibt es über die nackten Zahlen aus relevanten Primärquellen. Im DIVI Intensiv Register (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V.)  wird bundesweit mit 1.267 meldenden Krankenhaus-Standorten die intensivmedizinische Versorgung von Patienten mit COVID-19 erfaßt. Von bundesweit momentan 230 Patienten auf Intensivstationen wird ungefähr die Hälfte beatmet. Von insgesamt seit Beginn der Pandemie fast 16.000 intensivmedizinisch behandelten Patienten verstarb rund ein Viertel.

Ein Drittel der gesamtdeutschen Kapazität der Intensivbetten liegt momentan ungenutzt brach. Die Zahl der COVID-19 Todesfälle ist weiter rückläufig und liegt bei täglich vier bis fünf Patienten bei durchschnittlich in Deutschland 2.500 täglich versterbenden Menschen. Eine bedrohliche Lage mit explodierenden Zahlen, wie sie die Brandenburger Gesundheitsministerin Ursula Nonnenmacher (Grüne) kürzlich diagnostiziert hat, ist aus diesen Zahlen nicht abzuleiten.

Unter einer zweiten Welle wären exponentiell zunehmende Zahlen von infizierten Patienten und die massive Überforderung der intensivmedizinischen Kapazitäten zu verstehen. Da nun ein Drittel der Intensivbetten noch freigehalten wird, die Ärzte immer erfahrener im Umgang  mit schwerstkranken Corona-Kranken werden und mit Remdesivir und Kortison zwei therapeutische Optionen zur Verfügung stehen, ist momentan von einer zweiten Welle der Dimension des Frühjahrs nicht auszugehen.

Fachleute sehen keine besondere Gefahr in Schulen

Gleichwohl sollten das Tragen von Schutzmasken in bestimmten Bereichen, soziale Distanzierung und das Einhalten von Hygienemaßnahmen aufrechterhalten werden, um die wirklich Gefährdeten, also ältere Menschen mit Grunderkrankungen, gezielt zu schützen. Die aufflackernden Diskussionen zur Wiedereröffnung von Großveranstaltungen sind ökonomisch verständlich, aus infektiologischer Sicht kontraproduktiv, da von Großveranstaltungen im Frühjahr die Pandemie maßgeblich verstärkt wurde.

Vielerorts gehen die Ferien zu Ende, der Schulunterricht soll wieder beginnen und mögliche Corona-Schutzmaßnahmen werden heiß diskutiert. In einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt wird, gemessen an den Ergebnissen internationaler Studien, das Infektions- und Erkrankungsrisiko von Kindern als sehr gering eingestuft. Auch eine großangelegte Corona-Studie in Sachsen von der Leipziger Universität konnte kein größeres Corona-Risiko an Grundschulen und weiterführenden Schulen in Leipzig, Dresden, Zwickau sowie Borna und Werdau feststellen.

„Die akute Ansteckung lag bei null“, erläuterte Professor Wieland Kiess vom Leipziger Universitätsklinikum. Auch die TU Dresden stellte in einer vergleichbaren Studie fest, daß sächsische Schulen nach der Wiedereröffnung keineswegs Brutstätten für Corona-Infektionen waren.

Schweden geht seinen eigenen Weg

Über Schwedens Sonderweg in der Epidemie wurde in deutschen öffentlich-rechtlichen Medien überwiegend negativ berichtet. Es entstand der Eindruck, daß für Schwedens Staats-Epidemiologen Anders Tegnell keinerlei ethischen Aspekte eine Rolle spielten und fahrlässig  Menschenleben aufs Spiel gesetzt wurden. Tegnell setzt auf Selbstverantwortung statt auf Bevormundung, auf den gesunden Menschenverstand und weniger auf eine Straf- und Verbotskultur.

Die These war, das Virus sei nicht aufzuhalten, aber so unter Kontrolle zu bringen, damit die Krankenhäuser nicht überlastet werden. Um eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen blieben Schulen, Kindertagesstätten und Restaurants geöffnet.

Mit mehr als  5.700 mit COVID-19 in Verbindung gebrachten Todesfällen allerdings liegt Schweden in Nordeuropa an der Spitze, worauf Tegnell in einem Interview einmal äußerte, der Schutz vor einer Ansteckung der Älteren in schwedischen Senioreneinrichtungen sei gescheitert. Aber trotz weltweit steigender Zahlen sinkt in Schweden seit Juli die Zahl der Infizierten, der Intensivpatienten und auch die Zahl der Corona-Todesfälle. Falls Tegnells Strategie mittelfristig doch aufgeht, primär nur Risikogruppen zu schützen, dabei Distanz zu wahren und die Hygienemaßnahmen zu berücksichtigen und dennoch einen normalen Alltag zu leben, könnte dies wegweisend für andere Länder in der Corona-Krise sein.

Altmaier will Pharmaindustrie wieder nach Deutschland holen

Durch den Corona-Lockdown wurden in den deutschen Krankenhäusern deutlich weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Krebserkrankungen behandelt und die Bundesregierung schließt nicht aus, daß dies auch zu zahlreichen vermeidbaren Todesfällen geführt habe, wie aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervorgeht. „Menschen trauten und trauen sich offenbar aus Angst vor Corona nicht, sich trotz Symptomen in ärztliche Behandlung zu begeben. Dies ist lebensgefährlich“, so der stellvertretende FDP-Fraktionschef Michael Theurer. Offensichtlich haben sich die kritischen Analysen des brisanten „Fehlalarm“-Papiers aus dem Bundesinnenministerium doch bewahrheitet.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will die Pharmaindustrie wieder nach Deutschland holen, eine Aussage, die ähnlich realistisch wirkt wie seine Ankündigung, durch die Corona-Krise werde kein Arbeitsplatz verloren gehen. Die seit Jahren zunehmenden Lieferstörungen bei lebenswichtigen Arzneimitteln und auch Impfstoffen aus dem Ausland sollen durch eine inländische Produktion sobald wie möglich behoben werden. Dem Bundesminister ist wohl entgangen, daß durch systematische, gezielte politische Eingriffe große Teile der Entwicklungs – aber auch Produktionskapazitäten von der Bundesrepublik in den vergangenen 30 Jahren ins Ausland abgewandert sind und der Standort für Neu- oder Rückansiedelungen viel zu teuer, zu bürokratisch und steuerlich unattraktiv geworden ist.

Doch auch die US-Amerikaner werden die Produktion von generischen Arzneimittelinhaltsstoffen nicht mehr in ihr Land zurückholen können, so CEO Kare Schulz vom weltweit größten Generikahersteller Teva. Eastman Kodak, bekannt als untergegangenes Unternehmen für den Fotobedarf, hatte von der US-Regierung ein Darlehen von 756 Millionen Dollar erhalten, um die Basismedikamente wieder in Amerika produzieren zu können. Der Chef von Teva erläuterte daraufhin,  daß ein fettes Darlehen allein die Produktion von Arzneimittelgrundstoffen in den USA aufgrund der Sicherheits-, Umwelt-, Compliance- und Arbeitskosten nicht attraktiv machen werde.

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