Investor George Soros: Erwirtschaftete 32 Milliarden Dollar für seine Stiftungen Foto: dpa
Investor George Soros: Erwirtschaftete 32 Milliarden Dollar für seine Stiftungen Foto: dpa
Investoren-Legende George Soros wird 90

„Starke messianische Phantasien“

Amazon-Gründer Jeff Bezos ist laut dem US-Magazin Forbesmit einem Gesamtvermögen von über 188,7 Milliarden Dollar momentan der reichste Mann der Welt. Bis 2017 war das der langjährige Microsoft-Chef Bill Gates (aktuell: 113,6 Milliarden Dollar), der aber immer noch der weltgrößte Stifter ist. Auf Rang drei liegt Bernard Arnault, Mehrheitseigner der Luxusgüter-Konzerne Christian Dior und Moët Hennessy-Louis Vuitton (LVMH), mit umgerechnet 105,9 Milliarden Dollar. Es folgen Mark Zuckerberg (Facebook/96,7 Milliarden Dollar) und der 89 Jahre alte US-Investor Warren Buffett (Berkshire Hathaway) mit 80,3 Milliarden Dollar.

Mindestens ebenso bekannt ist aber der Investor George Soros, der am heutigen Mittwoch 90 Jahre alt wird. Doch Soros liegt laut aktueller „Reichenliste“ von Forbesmit einem Vermögen von 8,6 Milliarden Dollar global nur noch auf Rang 213 – knapp vor der deutschen Strüngmann-Familie, Gründer des Pharmaunternehmens Hexal. Denn 2018 stiftete Soros weitere 18 Milliarden Dollar von seinem Vermögen an seine 1993 gegründete Open Society Foundations (OSF). Und die OSF ist damit die zweitgrößte und wohl politisch engagierteste US-Stiftung: „Um ehrlich zu sein, hatte ich von Kindheit an einige ziemlich starke messianische Phantasien in mir“, bekannte der als György Schwartz in Budapest geborene schon vor drei Jahrzehnten in seinem Buch „Underwriting Democracy“.

Zusammen mit ihren 1979 etablierten Vorläufern gaben die Soros-Stiftungen daher bislang weltweit 15,2 Milliarden Dollar aus. In diesem Jahr werden es 1,2 Milliarden Dollar sein – allerdings mit dem neuen Schwerpunkt USA, wo das Budget von 109,8 auf 261,1 Millionen Dollar steigt. Das Geld solle unter anderem schwarze Gemeinden stärken, „mutige neue antirassistische Maßnahmen in US-Städten fördern“ und „Aktivisten dabei zu helfen, sich zu engagieren“, wie die OSF auf ihrer Internetseite freimütig bekennt. Das hat Tradition, begann sein philanthropisches Engagement doch vor 41 Jahren – neben der Hilfe für Ostblock-Dissidenten – mit der Unterstützung schwarzer Studenten an der Uni Kapstadt in Südafrika.

Investor Soros sorgte bei europäischen Unternehmen für kritische Blicke

Doch bis dahin war es ein langer Weg. Soros stammt zwar wie der 25 Jahre jüngere Gates aus einer gutsituierten Rechtsanwaltsfamilie, doch seine Kindheit und Jugend war von den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Seine jüdische Familie entging der Deportation nur mit gefälschten Dokumenten und der Hilfe mutiger Ungarn. 1947 blieb er nach einem Esperanto-Kongreß in England, wo er die renommierte London School of Economics mit einem Master-Abschluß in Philosophie absolvierte. Das Berufsleben des späteren Meisterspekulanten begann allerdings unspektakulär: Als Vertreter tingelte er durch Wales, was er in einem seiner Bücher als Tiefpunkt seiner Karriere bezeichnet. Nach dem Wechsel zu einem Wertpapierhaus stieg Soros zum Händler in der Arbitrageabteilung auf – einen Karriereschritt, den er mit vielen anderen einflußreichen Finanziers teilt.

Auf Empfehlung seines Chefs zog er 1956 nach New York, wo er seinen Vater wiedertraf und 1963 bis 1973 bei Arnhold & S. Bleichroeder für europäische Aktien zuständig war. Auch diese Firma war durch europäische Kriege geprägt: das Bankhaus Bleichröder finanzierte Preußens Könige als Konkurrent der heute bekannteren Rothschilds und Warburgs. Durch die Arisierung der Dresdner Bank übernahmen Exilanten aus der Familie Arnhold einen Teil der New Yorker Filiale.

Internationale Finanzanlagen waren nach zwei Weltkriegen und Kapitalverkehrskontrollen weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Gründung der Montanunion 1951 erweckte den Appetit der Amerikaner an Anlagen im verarmten Kontinentaleuropa. Soros war der richtige Analyst, Bleichroeder eine renommierte Adresse. Soros wandte die noch neue Disziplin der Wertpapieranalyse auf europäische Konzerne an, womit er in Europa auf wenig Verständnis stieß. In der „Deutschland AG“ der 1960er und 1970er Jahre war man nicht erfreut, als ein neugieriger Amerikaner Einzelheiten über die Beteiligungen deutscher Aktiengesellschaften aneinander erfahren wollte: Betriebsgeheimnis. Daß ein Aktionär Auskunft verlangt, war damals eine Zumutung.

Stets kurzfristige und spekulative Anlagen

Dennoch konnte Soros gewinnbringend für seinen Arbeitgeber wirtschaften. Der durfte nach damaligen Vorschriften seinem besten Angestellten keine Gewinnbeteiligung auszahlen. Deshalb gründeten Soros und Bleichroeder 1969 zunächst den Hedgefonds First Eagle, im Folgejahr den Quantum Fund, zu dem Soros 1973 komplett wechselte. Heutigen Kritikern von Banker-Boni sollte dies eine Lehre sein. Quantum war nicht der erste Hedgefonds, aber der erste in einem Steuerparadies, um internationalen Kunden Anlagen weltweit ohne Restriktionen zu ermöglichen. Von 1969 bis 2000 erzielte der Fonds eine Durchschnittsrendite von 32 Prozent. Aus 1.000 Dollar wurden vier Millionen.

Soros’ Stil war stets kurzfristig und spekulativ: durch Einsatz von Fremdkapital von starken Kursbewegungen profitieren. Quantum-Mitgründer Jim Rogers ging 1980 im Alter von nur 38 Jahren in den Ruhestand. Alle Beteiligten schweigen bis heute zu den Hintergründen. Rogers ist inzwischen zu einem André Kostolany der englischsprachigen Welt geworden. Weitere prominente Anleger entstammen dem Dunstkreis von Soros. Zu nennen wären: Armínio Fraga Neto, Brasiliens ehemaliger Finanzminister und Zentralbankchef, dessen Arbeit lange vor seiner politischen Laufbahn für Quantum antikapitalistischen Kritikern ein Dorn im Auge ist.

Victor Niederhoffer verwaltete die Währungs- und Anleiheinvestitionen bis 1990 und ist laut Soros sein einziger Manager, der ohne große Verluste freiwillig abtrat, als seine Anlagestrategie nicht mehr funktionierte. Öffentlich bekannt wurde Niederhoffer als libertärer Aktivist und durch den nie ins Deutsche übersetzten Bestseller „The Education of a Speculator“ von 1998.

32 Milliarden Dollar für seine Stiftungen

Stanley Druckenmiller übernahm Soros’ Währungsanlagen von Niederhoffer. Unter seine Verantwortung fielen die Spekulation gegen das Europäische Währungssystem (EWS) und das Britische Pfund 1992, durch die Soros als der Mann, der die Bank von England in die Knie zwang, Schlagzeilen machte. Soros verdiente eine Milliarde am EWS-Austritt des Pfunds, Druckenmiller bekam daran einen Anteil von 100 Millionen Dollar. Diese Währungsspekulation gilt als Beispiel für Reflexivität, die Soros von seinem Londoner Philosophieprofessor Karl Popper auf Finanzmärkte übertrug. Bei der Lektüre seines Buchs „Die Alchemie der Finanzen“ (1987) wird klar, daß Soros ein verhinderter Philosoph ist. Anlagen dienen darin als Echtzeitexperiment für seine Philosophie.

Seit Druckenmiller zu Spitzenkursen in die Internetblase investierte und seinen Hut nehmen mußte, wurde es ruhig um Soros’ Anlagen. In der Finanzkrise 2008 scheffelte eine jüngere Generation Milliarden. Heute verwaltet Soros’ Firma nur noch sein eigenes Kapital mit Vermögenserhalt als Ziel. 2011 zahlte er alle Kunden aus, weil die Fondsverwaltung zu stark reguliert wird. Restriktive Vorschriften, denen er einst durch Gründung von Quantum entkam, hatten ihn eingeholt. Aber was soll’s? In seinem langen Investorenleben hat es George Soros geschafft, insgesamt 32 Milliarden Dollar nur für seine Stiftungen zu erwirtschaften.

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