Joachim Kuhs

 

Rationierung der Ärzte

Das Durchschnittsalter niedergelassener Ärzte ist zwischen 1993 und 2006 von 46,6 auf 51,6 Jahre gestiegen. Jede zweite Klinik in den neuen Bundesländern kann offene Stellen nicht mehr besetzen, in den alten Ländern jede vierte Klinik. Die Diskussion um den vorhersehbaren Ärztemangel in Deutschland ist so alt wie einfältig. Dies zeigt erneut die Diagnose des Direktors des Kölner Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE), Karl Lauterbach. Der SPD-Bundestagsabgeordnete streitet ab, daß es einen Ärztemangel gibt – sie sind für ihn nur „ungerecht“ verteilt. Ihm schwebt wohl eine Art Landverschickung seiner Arztkollegen vor. Die Ungleichverteilung ist so alt wie die Bedarfsplanung für die ambulante Versorgung in Deutschland. Sie ist als Verteilungsinstrument der Ärzte falsch, wenn die Voraussetzung für die ärztliche Tätigkeit nahezu jeden Reiz verloren hat.

Ärzte haben eine 50-bis-60- Stundenwoche. Fast die Hälfte davon dient der Erfüllung bürokratischer Auflagen und nicht der Gesundheitsversorgung. Die andere Hälfte ist für die Einhaltung der politisch vorgegebenen Rationierung medizinischer Leistungen aufzuwenden. Die Politik tut alles, eine Niederlassung für junge Ärzte zum Vabanquespiel werden zu lassen. Es kann keinen Jungarzt reizen, eine Vertragspraxis von einem abgabewilligen Arzt zu übernehmen, wenn die Öffnung der Kliniken für die ambulante Behandlung den niedergelassenen Ärzten die Basis ihrer Existenz entzieht. Die Auswanderungsstatistik zeigt, daß Deutschland bei allen Jungakademikern an Anziehungskraft verliert. Auch viele Jungärzte suchen im wahrsten Sinn des Wortes das Weite. Nur tut das bei Physikern oder Mathematikern nicht unmittelbar weh – bei den Ärzten schon.

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