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Metallischer Hunger in China steigt an

BMW rechnet nicht mit neuem Rekordgewinn“, meldeten im März die Agenturen. Doch nicht zu hohe Löhne, eine falsche Modellpolitik oder Managementfehler sind in München der Grund: Aufgrund der enorm gesteigerten Nachfrage vor allem in China klettern die Stahlpreise von einem Hoch zum anderen. Anlaß für die laufende Unruhe an den Stahlmärkten sind die aktuellen Preisabschlüsse der Stahlkonzerne mit den mächtigen Eisenerzlieferanten, welche Steigerungen von 71,5 Prozent beinhalteten. Dies war ein Preisschock für die Industrie, da die stahlverarbeitenden Unternehmen solche Preiserhöhungen weiterreichen müssen – ähnlich wie bei den Ölpreiserhöhungen. Ein seit Jahrzehnten unter notorischer Überkapazität leidender Markt hat nun mit Engpässen zu kämpfen. So dreht sich das Preiskarussell für Eisenerz bzw. Stahl an den Märkten stetig weiter. Die Preise für Betonstahl legten laut Statistischem Bundesamt von Jahresbeginn an bereits um über achtzig Prozent zu. Und der Stahlbedarf der weltgrößten Stahlnation China wächst weiter. Die chinesischen Eisenerz-Importe haben sich seit 2000 mehr als verdreifacht. Das Internationale Eisen- und Stahlinstitut in London rechnet damit, daß der Stahlverbrauch Chinas 2005 um weitere dreizehn Prozent im Vergleich zum abgelaufenen Jahr zulegen wird. Er liegt dann höher als der Gesamtverbrauch an Stahl in der EU und den USA zusammengerechnet. Im Reich der Mitte findet schon heute über ein Drittel der weltweiten Jahresstahlproduktion statt, und China kauft die Rohstoffmärkte (insbesondere Eisenerz) leer. Aber auch die Nachfrage in den USA und von Schwellenländern wie Indien und Brasilien steigt. Eisenerz (sowie Kohle und Koks) ist so teuer wie noch nie. Obgleich die Erdkruste über fünf Prozent an Eisenerz enthält, kann der durch die dramatische Nachfrageerhöhung entstandene Bedarf nicht befriedigt werden. In Erwartung weiterer Preissteigerungen berief der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) kürzlich einen „Kongreß zu Rohstoffsicherheit“ im Haus der deutschen Wirtschaft in Berlin ein. „Wir haben es in der Vergangenheit versäumt, uns früh genug Strategien zur Rohstoffsicherheit zu überlegen“, mußte dort Bundeskanzler Gerhard Schröder eingestehen. Hinzu kommt, daß beinahe drei Viertel des Eisenerzmarktes von lediglich drei Branchengiganten beherrscht werden. So verfügen diese marktbeherrschenden Unternehmen in ihrem Oligopol über eine Verhandlungsmacht, welche den Kunden nur wenig Spielraum läßt. Der größte japanische Stahlkonzern Nippon Steel traf mit dem weltweit zweitgrößten Minenkonzern Rio Tinto nun eine Übereinkunft zur Anhebung der Eisenerzpreise und mußte damit eine nochmalige Preiserhöhung von 71,5 Prozent akzeptieren, womit ab April der Preis kräftig steigt. Dies führt dazu, daß sich der Feinstahlpreis von knapp 36 Cent auf nahezu 62 Cent erhöhen wird. Mit dem größten Eisenerzproduzent CVRD (Companhia de Vale do Rio Doce, Brasilien) und dem Branchengiganten Rio Tinto hatten Stahlhersteller die Belieferung mit Eisenerz für die nächsten zwölf Monate vereinbart. Beide Branchengiganten drücken bei den Verhandlungen den Preisaufschlag von 71,5 Prozent durch. Auch der südkoreanische Stahlkonzern Posco sowie andere Stahlnachfrager wie JFE Holdings haben die über siebzigprozentigen Aufschläge der Oligopolisten bereits akzeptiert. Europäische Stahlkonzerne wollten die Aufschläge in dieser Höhe zunächst nicht akzeptieren. Thyssen-Krupp-Vorstandschef Karl-Ulrich Köhler bezeichnete sie als „völlig unakzeptabel“. Doch inzwischen haben die Deutschen genauso wie Arcelor und die italienischen Hersteller Ilva SpA und Lucchini SpA die Preise hingenommen. Im Preispoker stellen sich die Eisenerzlieferanten deutlich besser als die Stahlkonzerne. Dies zeigt sich auch deutlich an den Aktienkursen von Erzförderungsunternehmen wie Rio Tinto (Börsenkürzel RTP). Aber auch die Aktienkurse von Salzgitter Stahl oder dem US-Stahlunternehmen Lone Star (LSS) sind steil angestiegen. Denn auch bei den Stahlproduzenten sprudeln trotz der gestiegenen Rohstoffkosten die Gewinne: Ähnlich wie beim steigenden Ölpreis die Ölmultis haben auch die Stahlfirmen die gestiegenen Rohstoffkosten direkt weitergereicht. Die Kunden können nicht ausweichen – sonst kann die Nachfrage nicht befriedigt werden. So meldete Thyssen-Krupp einen von einer Milliarde Euro auf über 1,5 Milliarden Euro gestiegenen Vorsteuergewinn. Nachdem der Stahlmarkt jahrzehntelang mit notorischer Überkapazität zu kämpfen hatte, arbeiten die Stahlkocher nun auf Hochtouren und befinden sich aufgrund der explosionsartig gestiegenen Nachfrage an der Auslastungsgrenze. Viele Aktienanalytiker hatten – wie so oft – die Situation vollkommen falsch eingeschätzt und sogar vor Stahlaktien gewarnt. Nun meldete BHP Billiton als weltgrößter Bergbaukonzern einen um über 110 Prozent gestiegenen Gewinn für das zweite Halbjahr 2004, der Eisenerzriese Rio Tinto einen um 87 Prozent angestiegenen Gewinn für 2004 und viele andere Unternehmen aus der Branche ähnlich glänzende Zahlen. „Die Preiserhöhung spiegelt eine noch nie dagewesene Nachfrage nach unseren Produkten wider“, äußerte Sam Welsh, Leiter des Erzabbaus des Rio-Tinto-Konzernes. Auch der britisch-südafrikanische Konzern Anglo-American meldete im Februar einen von 2,7 Milliarden auf über 4,6 Milliarden Dollar gestiegenen Gewinn vor Steuern – die Liste solcher Meldungen ließe sich weit fortsetzen. Festzuhalten ist, daß die Preiserhöhungen sich nicht überall gleich auswirken. Metalle werden fast ausschließlich in Dollar gehandelt, und viele Währungen sind gegenüber dem Dollar sehr stark angestiegen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl rechnet mit weiter steigenden Stahlpreisen. Der Kostendruck in der Branche wird nach Ansicht von Verbandspräsident Dieter Ameling zu weiteren Fusionen führen. Noch mindestens in den kommenden fünf oder sechs Jahren rechnet Ameling mit einem Anhalten des Stahl-Booms in China. Mit gewaltigen Infrastrukturprojekten bereite sich China auf die Olympischen Spiele vor. Während in China der Pro-Kopf-Verbrauch an Stahl bei zirka 150 Kilogramm im Jahr liegt, verbraucht ein Deutscher im Jahr annähernd die doppelte Menge. Für China besteht ergo noch erheblicher Nachholbedarf. Die fünf größten chinesischen Hersteller Anshan, Shougang, Baosteel, Wuhan und Benxi, auf die aber nur gut ein Drittel der chinesischen Stahlproduktion entfällt, wurden daher bei der letzten Weltstahltagung in den Verband Internationales Eisen- und Stahlinstitut (IISI) aufgenommen. Und laut dem US-Magazin Forbes ist der reichste Nicht-Amerikaner nicht mehr einer der Aldi-Brüder, sondern ein Inder: Lakshimi Mittal. Der Stahlmagnat (Konzern Mittal) brachte es fertig, sein Vermögen von 6,2 Milliarden auf über 25 Milliarden Dollar auszubauen.

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