Das Reich der Mitte wird nervös

In der globalisierten Lebenswelt ist alles mit allem wirtschaftlich verknüpft; Nachrichten werden in Bruchteilen von Sekunden von einem Teil der Erde in jeden beliebig anderen gesendet. Was dabei in den letzten Jahren aus China nach Europa durchdrang, waren Bilder von Politikerbesuchen, bei denen die desolate Menschenrechtslage in der zentralistischen Republik angesprochen wurde, um dann in die Kameras zu lächeln und sich über die guten Wirtschaftsbeziehungen zu freuen. Neu und damit ungewohnt sind die Bilder von der Chemiekatastrophe eines Flusses im Nordosten der Volksrepublik. Hundert Tonnen Benzol liefen am 13. November in den Songhua. Das ist aber nur die Spitze eines Eisbergs. Denn China droht die ökologische Degeneration, wie Anfang des Jahres Vizepremier Huang Ju auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos bekanntgab. Die Zentralregierung in Peking nimmt das Problem, daß das wasserarme Reich der Mitte seine Flüsse in Kloaken verwandelt, durchaus ernst. Vor zehn Jahren wurde eigens ein großes Abwasserprogramm aufgelegt. Doch Recherchen des chinesischen Umweltschützers und früheren Journalisten Huo Dai Shan haben nach Angaben der Tagesschau vom 7. Dezember ergeben, daß zwei Drittel aller Maßnahmen nur auf dem Papier existieren. China bekam seine Umweltprobleme damit nicht annähernd in den Griff. War die Krebsrate in vielen Dörfern entlang verdreckter Flüsse schon länger augenfällig erhöht, wird die Lage nach der jüngsten Chemiekatastrophe von Aufständen begleitet. Millionen von Dorfbewohner sind schließlich betroffen. Berichterstattungen über vermehrte Krebsfälle scheinen da der Zentralregierung wenig gelegen zu kommen, so daß der Journalist Georg Blume von der Zeit am 9. Dezember mehrere Stunden lang verhört wurde, nachdem er hierzu Recherchen angestellt hatte. Industrialisierung für eine 1,3 Milliarden-Bevölkerung Die chinesische Regierung reagiert sichtlich nervös. Vertuschungsversuche von verseuchtem Trinkwasser prägten von Anfang an das Bild vom Umgang mit der Chemiekatastrophe. Zehn Tage lang wurde seitens der Behörden so getan, als bestünde nur eine kleine, vernachlässigenswerte Belastung für die menschliche Gesundheit, um später in der Millionenstadt Harbin tagelang das Wasser abzudrehen. Chinas Umweltminister Xie Zhenhua trat Anfang Dezember zurück, der Vizebürgermeister der Provinzhauptstadt Jilin, Wang Wie, der für Umwelt und Produktionssicherheit verantwortlich war, wurde wenige Tage später tot aufgefunden, angeblich erhängt, was Selbstmord als Todesursache wahrscheinlich macht. Vertuschung gibt es auch in nicht-kommunistischen Ländern. Das Ausmaß erinnert aber stark an den Umgang mit Umweltkatastrophen in der Sowjetunion der achtziger Jahre. Alle 2.972 Abgeordneten des Nationalen Volkskongresses Chinas gehören der Kommunistischen Staatspartei an. Man verzichtet damit sogar auf den Schein von Demokratie, versucht sich aber mit einer weltoffenen Wirtschaft. Der Kern des Problems ist allerdings keine Systemfrage, sondern eine der Industrialisierung für zivilisatorische Lebensansprüche eines 1,3 Milliarden Menschen zählenden Volkes – bei einem Bevölkerungswachstum von 0,6 Prozent. Douglas Mulhall, der in China Abwasser-Projekte leitete, spricht das deutlich aus. In seinem 1998 in der Zeit veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „Die Umweltbewegung ist gescheitert“ heißt es: „Die Entwicklungen in China, Indien, Lateinamerika und in den ehemaligen Sowjetrepubliken beschleunigen den Naturverbrauch und den Einsatz konventioneller Technik, die aus entwickelten Ländern exportiert wird.“ Nach Katastrophen wie jener in China steigt der Druck, Abwasserschutzprogramme ehrgeiziger zu verfolgen, statt auf Kosten der Umwelt billig zu produzieren. Doch das ändert nichts daran, daß Wirtschaftsexpansion Folgen für die Ökosysteme zeitigt. Sogar Europa und die USA haben trotz starker Umweltbewegungen einen Pro-Kopf-Umweltverbrauch, der den eines Chinesen in vielfacher Hinsicht in den Schatten stellt. Da nachhaltige Entwicklung vor allem auch Entwicklung der Wirtschaft bedeutet, bleibt Nachhaltigkeit in Staaten wie China auf der Strecke, lautet dann auch Mulhalls Erkenntnis. Daraus kann man verschiedene Folgerungen ziehen, aber keine einfache Lösung finden, nicht bei mehreren Milliarden Menschen. Fest steht, daß die Chemiekatastrophe in China nur einen Aspekt der ökologischen Auswirkungen der Entwicklung seiner Wirtschaft ins Bewußtsein ruft, den der immensen Umweltzerstörung. Das Ausmaß ist in Verknüpfung mit der katastrophalen Normalität beim Zustand der Wasserwirtschaft so groß, daß es sogar systemdestabilisierend wirken kann. Einiges wird sich durch Filteranlagen nach und nach einrenken lassen. Aber schleichende Zerstörungsprozesse bleiben auch dann, nämlich die Zurückdrängung ganzer Ökosysteme durch den Menschen. Der Energie- und Rohstoffhunger steigt mit dem rasanten Wirtschaftswachstum Chinas, Indiens und anderer bevölkerungsreicher Staaten Asiens und Lateinamerikas. Die Plünderung des Planeten kommt so erst richtig in Schwung.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles