Einfach Haydn

Es könnte doch alles ganz einfach sein. Braucht’s ein paar nette Klavierstücke, technisch möglichst nicht allzu anspruchsvoll und inhaltlich möglichst nicht allzu verstörend, dann greifen wir immer wieder gern zu Papa Haydns Gebrauchsmusik, die ja schließlich auch als Gebrauchsmusik geschrieben wurde. „Papa“ Haydn wurde er noch bis weit in das vorige Jahrhundert herablassend genannt, als wäre er lediglich der bürgerliche Provinz-Kapellmeister eines kunstliebenden Fürsten gewesen, emsig die ihm anbefohlenen Werke fertigend und rührend um die ihm anvertrauten Musiker besorgt. Dabei war Haydn weit mehr als bloß Kettenglied zwischen C. P. E. Bach und Beethoven, der bei ihm Stunden nahm, oder Mozart, dessen Genie zu Lebzeiten nur ein einziger, nämlich er, Haydn, erkannt hatte – und nicht etwa Salieri, wie uns Boulevardstück und Film vor Jahren weismachen wollten. Haydn hat Mozart überlebt und den eigenen europäischen Ruhm noch erlebt, der ihn spät erst einholte. Der französische Pianist Jean-Marc Luisada, 1958 in Tunesien geboren, macht es sich und uns Hörern ganz und gar nicht einfach. Und in wessen Ohren nicht ohnehin alles gleich nach vorklassischem Ringelpiez klingt, dem wollen die um 1760 komponierte frühe Klaviersonate Nr.13 in G-Dur (Hob.XVI.6), das Klavierkonzert in D-Dur von 1783 (Hob.XVIII-11), das vor 1789 komponierte Fantasie-Capriccio in C-Dur (Hob.XVII.4) und schließlich das Andante con variazioni in f-Moll von 1793 (Hob.XVII.6) dem ersten Vernehmen nach so recht nicht zueinanderpassen. Und doch hat sie ein und derselbe Mann komponiert, der freilich über die Jahre nicht derselbe bleiben konnte (BMG/RCA Read Seal 74321 911562). Luisada beläßt jedes der Stücke in seiner Zeit und läßt auch jedem seine Zeit. Die Läufe und Auszierungen schnurren ihm nicht einfach leer aus den Fingern. Mit weichem, niemals aufweichendem Anschlag gibt er jeder Wiederholung, sei es die eines Teils oder nur eines kleinen Motivs, ihre je eigene Farbe. Unter der Hand geraten ihm die drei Sätze der noch ganz in der Suitentradition stehenden frühen Sonate, die für das Cembalo geschrieben wurde, zu kleinen Charakterstücken für das Klavier. Hie und da darf sich eine Überleitung als kleine Durchführung erproben, doch sind Haupt- und Seitenthema noch gänzlich in Konversation statt in Kampf und Streite begriffen, in deren Ergebnis das Seitenthema selbstredend in die Tonart des Hauptthemas einschwenkt. Auch Luisadas Interpretationen des Klavierkonzerts, begleitet vom Orchestra di Padova e del Veneto unter Paul Meyer, und des Fantasie-Capriccios haben diese freundliche Selbstverständlichkeit, darüber hinaus aber auch jene gewisse Schlitzohrigkeit, noch in der kinderleichtesten Wendung die musikalische Neuerung zu verstecken, welche die Interpreten dem Hörer mit kühlem Humor unterjubeln, als wäre sie ihnen und dem Komponisten einfach so unterlaufen. Selbst in den späten Variationen in f-Moll, entstanden zwischen den beiden Englandreisen und gewiß unter dem Eindruck des Konzertbetriebs in der damaligen Hauptstadt der europäischen Musik, wahrt Luisada stets klassische Form. Und wenn die Ausdruckscharaktere noch so dringlich auf Frühromantik vorausweisen: Die Kunst des Interpreten besteht darin, mit Anstand traurig zu sein. Es ist dies eine Aufnahme, die intensiv, aber auch ganz naiv gehört werden will. Sie drängt sich nicht auf, läßt sich aber auch nicht verdrängen. Sie baut sich wie selbstverständlich ihr Nest im Ohr, als wäre sie im vorigen Jahr schon dagewesen und würde im nächsten garantiert wiederkommen. Es ist alles ganz einfach. Wenn man nur auf die Musik baut.

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