Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Zeiten ändern sich

Die Zeiten sind schwierig geworden. Die Wirtschaft lahmt, die Arbeitslosenziffern steigen, das Volk murrt, nichts läuft mehr. Nichts? Nein, nicht ganz. Wenigstens ein Gewerbe boomt wie nie zuvor, und zwar das älteste der Welt. Ein Blick in die Kleinanzeigen einer beliebigen Lokalzeitung macht auch dem Unbedarftesten klar, was man sich unter einer Dienstleistungsgesellschaft vorzustellen hat. Denn hier, gleich nach den Rubriken für Gebrauchtfahrzeuge und Geburtstagsgrüße, bietet mittlerweile die eine Hälfte der Gesellschaft der anderen Hälfte höchst interessante Dienste an, und das offenbar nicht ohne Erfolg. Wie gut, daß der deutsche Gesetzgeber unlängst gerade diesen Erwerbszweig, der – läßt man das Spitzenmanagement einmal beiseite – als einziger noch etwas abwirft, aus seinem Schmuddeldasein am Rande der Rechtsordnung herausgeholt hat. In einem Gesetz, das den unschönen Namen „Prostituiertengesetz“ trägt (man sollte sich dringend etwas anderes dafür ausdenken), hat er die horizontale Tätigkeit moralisch aufgerichtet und sinngemäß für sittenkonform erklärt. Das war allerhöchste Zeit. Wie konnten frühere Generationen auch nur so spießig sein, die ökonomisch erfolgreiche Vermarktung allseits nachgefragter Dienste für anrüchig zu halten? Das Gegenteil ist der Fall. Wie unsere erleuchteten Bevölkerungsvertreter im Bundestag erkannt haben, geht es dabei um einen echten Beruf, nicht anders als Krankenschwester, Friseuse oder Sozialarbeiter, noch dazu mit dem großen Vorzug, daß sich dem natürlichen Alterungsprozeß hier leicht ein Schnippchen schlagen läßt: Wer nicht mehr ganz frisch ist, haucht seine Dienste einfach ins Telefon. In der modernen Medienwelt läuft auch dies wie geschmiert. Niemand muß hier mehr arbeitslos sein, wenn er oder sie nur ein wenig guten Willen zeigt. Natürlich kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben. Auf dem Spiegel-online-Forum zu Hartz IV (in diesem Fall will sich die Bundesregierung tatsächlich bereits einen anderen Namen ausdenken) berichtete kürzlich ein Teilnehmer folgendes: „Meine Schwester ist seit drei Jahren arbeitslos. Letzte Woche wurden ihr von der zuständigen ‚Agentur für Arbeit‘ zwei Angebote gemacht, die sie sofort ablehnte. Es handelte sich um Stellenangebote als ‚Animierdame‘ in einem bekannten Betrieb des horizontalen Gewerbes sowie um eine entsprechende Stelle in einem Saunaclub. Der Kommentar des zuständigen ‚Agenten für Arbeit‘: Hunderttausende junge und ältere Frauen gehen diesem Job nach und verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Wenn diese Tätigkeit einigen hunderttausend Frauen zuzumuten ist, dann ist sie auch für Sie zumutbar. Ab 1. Januar 2005 gibt’s dann eben kein Geld mehr.“ Genau. Nachdem die Freizeitgesellschaft die öffentlichen Kassen ruiniert hat, wird die Dienstleistungsgesellschaft sie wieder sanieren. In einem Punkt war der Sachbearbeiter der Agentur allerdings nicht ganz auf dem laufenden: Man muß keineswegs eine Frau sein, um auf diesem Arbeitsmarkt sein Auskommen zu finden. Längst schon hat sich die Gleichberechtigung auch hier Platz geschaffen. Erst damit zeichnet sich am Horizont der Sozialstaat neuen Typs ab, der Sozialstaat der Anständigen und der Ich-AGs: Arbeit für alle, Stütze für keinen. Gewiß ist das alles noch ein wenig gewöhnungsbedürftig, und vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn man den Be­griffsstutzigen in unserem Lande mit einem Sozialstaatsmodernisierungs­gesetz auf die Sprünge helfen würde. Früher oder später jedoch werden alle Bürgerinnen und Bürger einsehen, daß in einer Periode des gesellschaftlichen Fortschritts, in der buchstäblich alles anders wird, auch dieses interessante Rechtsgebiet nicht so bleiben kann, wie es früher einmal war. Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

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