Die Schwächsten unterliegen

Der Naturschutz ist dabei, seine Unschuld zu verlieren. In den sechziger Jahren siedelten sowjetische Forscher die aus dem Pazifik stammende metergroße Kamtschatka-Krabbe im Murmansker Fjord an, um sich Devisen zu erfischen. Inzwischen ist die Krabbe im Norden so verbreitet, daß sie viele kleinere Meerestiere mit dem Aussterben bedroht. Die Norweger sind jetzt entschlossen, den unerwünscht gewordenen „Gastarbeiter“ wieder dorthin zurückzudrängen, „wo er hingehört“. Das häßliche „Ausländer raus!“ beginnt nicht nur in Norwegen den ethisch bisher unangreifbaren Umwelt- und Naturschutzgedanken zu vergiften. Australien hat schon seit über hundert Jahren ein Zuwanderungsproblem, dem inzwischen mit einem rigorosen Programm begegnet wird. Da der Kontinent über Millionen von Jahren abgeschnitten lag, haben sich dort viele Tierarten entwickelt, die es nirgendwo anders gibt. Die meisten davon sind Beuteltiere wie das bekannte Känguruh und ähnlich schlecht gegen aggressive Freßfeinde gerüstet. Raubtiere gab es nämlich in Australien ursprünglich kaum. Als aber der Mensch mit seinen obligatorischen Hausgenossen Ratte, Maus, Katze – die „schrecklichen Drei“ – dort landete, wurden die einheimischen Tiere nicht bloß gejagt, man raubte ihnen durch die Einfuhr von nimmersatten Kaninchen und Ziegen auch die Nahrungsquellen. Der Bestand schrumpfte immer schneller. Die Gefahr durch „Bioinvasoren“ im Gefolge von Zivilisation und Globalisierung ergibt sich vor allem daraus, daß bisher harmlose Eigenschaften am neuen Wohnort zu Verheerungen führen. Auch hier läßt sich die politische Parallele zur Einwanderung kaum übersehen. Die islamische Kultur hat jahrhundertelang wunderbar funktioniert. Erst wenn sie auf westliche Ansprüche stößt, entstehen Gefahren. Doch kann es sich nur um eine Analogie handeln. Denn bei den Tier- und Pflanzenarten steckt die Eigenheit vorwiegend in den Genen; bei den Migrationsbewegungen der Menschen, die alle derselben Art angehören, werden kulturelle Merkmale – „Morpheme“, wie sie Richard Dawkins genannt hat – in einen neuen Boden verpflanzt. Im Unterschied zu den Genen lassen sie sich individuell verändern. Beim Ochsenfrosch hingegen, einer fußballgroßen, äußerst vermehrungsfreudigen Spezies, wären Integrationsbemühungen vergeblich. Da hilft nur der Ratschlag des amerikanischen Biologen Daniel Simberloff: „Erst schießen, dann fragen!“ Eine humanere Weise der Ausrottung plant man für die hochgiftige Aga-Kröte. In australischen Laboratorien wird an einem genmanipulierten Virus gearbeitet, der das Wachstum der Kaulquappe stoppen soll – eine Zwangsabtreibung. Allerdings könnte der Teufel hier mit Beelzebub ausgetrieben und der Virus zum neuen Problem werden. Eine solche Erfahrung machte man mit dem indischen Mungo. Um der Rattenplage auf den Westindischen Inseln und auf Hawaii Herr zu werden, wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts Mungos aus dem Vorderen Orient importiert. Die fraßen aber lieber die einheimischen, langsameren und wehrloseren Tiere. Ein transgener Virus könnte entgleiten und statt die Aga-Kröten die ganze Menschheit bedrohen. Aber wäre das wirklich so schlimm? Schließlich ist der Mensch der schlimmste Bioinvasor. So richtig profitieren von seiner Anwesenheit eigentlich nur Schädlinge und Parasiten. Zunehmend begreifen dies Wildtiere wie Fuchs, Waschbär, Wildschwein oder das graue Eichhörnchen. Statt in immer kleiner werdenden Revieren nach Nahrung zu suchen, nehmen sie sich die Ratten zum Vorbild, halten sich in der Nähe von menschlichen Siedlungen auf und leben von Abfällen und Diebstählen. Gelegentlich teilt auch ein Schulkind sein Pausenbrot mit einem hübschen Frischling. Bei der guten Verpflegung werden die Würfe immer größer. Die Bioinvasion verläuft ebenso chaotisch und rasant wie die Globalisierung. Manchmal sind es direkte menschliche Interessen, die zu den Verwerfungen führen, häufiger noch sind es die Folgen von Naturzerstörung oder bloße Zufälle, wie wenn Insekten oder Pflanzensamen als blinde Passagiere in Schiff oder Flugzeug mitgenommen werden. Nur die Richtung der Bewegung scheint eindeutig: Immer weniger Arten bevölkern immer größere Teile der Welt. Diese Tatsache allein ist aber für den Menschen nicht bedrohlich. Wie der Soziobiologe Edward Wilson feststellt, könnte die Menschen mit wenigen hundert Tier- und Pflanzenarten auskommen. Doch ist das Überleben wirklich unser einziges Kriterium? Wilson hat die „Biophilie“ als selbständigen Wert zu etablieren versucht. Die Artenvielfalt – „Biodiversität“ – wäre demnach ebenso uneigennützig zu verteidigen wie das „Weltkulturerbe“. Doch darf das bis zu Mord und Totschlag führen? Das Gefühl spricht eher für den Tierschutz – Befreiung von Hühnern, Kälbern und geprügelten Hunden – als im Sinne der Artenpflege. Und schon gar nicht wollen wir uns da im Einzelfall entscheiden müssen. Die Hauskatze mag man gern von den Singvögel fernhalten, solange es Dosenfutter gibt. Anders sähe es schon aus, wenn sie aus Rücksicht auf Vögel und Nager verhungern müßte. Die Einwanderer – wieder bietet sich die politische Parallele an – können nichts dafür, daß die neue Nachbarschaft mit ihnen Probleme hat. Sie wollen „nur leben“. Nicht immer ist das übrigens der Fall, meist verlaufen Tier- und Pflanzenmigrationen völlig problemlos und stellen tatsächlich eine Bereicherung der heimischen Flora- und Fauna dar. Aber wer beurteilt das und vor allem wann? Denn wie Simberloff betont: Je früher die Bekämpfung beginnt, desto größer ist die Erfolgschance. Den Waschbären beispielsweise wird man sicher nicht ganz loswerden, so hat er sich inzwischen in Europa etabliert. Da der Urzustand sich ohnehin nicht wiederherstellen läßt und überdies Kosten zu berücksichtigen sind, gerät der Mensch schon hier – und nicht erst bei der Gentechnik – in die Lage, „Gott spielen“ zu müssen. Bei sehr vielen Arten entscheidet der Mensch schon heute, ob sie ein Existenzrecht haben oder nicht: ob es sich „lohnt“, für sie Opfer zu bringen, oder ihre Ausbeutung weiter betrieben wird, bis auch das letzte Exemplar zum Nutzen des Menschen „verarbeitet“ wurde. Zunächst geht man nach dem Niedlichkeitsfaktor vor – nicht umsonst ist der Panda Symbol des WWF und nicht die seltene Vogelspinne. Bei manchen meint man auch, daß sich ihr Verschwinden ökologisch irgendwie rächen könnte. Das Bekenntnis „Ich mag Tiere“ reicht leider genauso wenig wie eine wohlfeile Humanität. Der wahre Tierfreund kann auch „nein“ sagen. Und hier ist die Parallele zur Politik wirklich erlaubt.

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