Die grüne Lunge bleibt krank

Das Ganze gleicht inzwischen einem pseudoreligiösen Ritual: die Veröffentlichung des alljährlichen Waldschadensberichts. Der Kronenzustand der Waldbäume wird seit 1984 jährlich erfaßt, er gibt – so die Überzeugung der Fachleute – Auskunft über die gesundheitliche Verfassung der Bäume.

Leider ist das Ergebnis jedes Jahr fast gleich. Denn es mag naß oder trocken gewesen sein, es mögen viele verreist sein oder auch nicht, es können Grüne mit am Kabinettstisch sitzen oder nicht – das spielt keine Rolle, der Wald wird immer kränker. Vor einem Jahr lamentierte der Bundesgeschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Gerhard Timm, über die nachlassende Wirkung der biologischen Krankmeldung: "Der Waldschadensbericht darf nicht zu einem jährlichen Ritual ohne Folgen verkommen. Die erneute Zunahme der Schäden zeigt, daß Bund und Länder dringend Gegenmaßnahmen einleiten müssen. Vor allem in der Verkehrspolitik müssen die Versäumnisse ausgebügelt werden. Kranke Wälder sind kein Schicksal, sie können mit einer guten Therapie auch wieder gesund werden."

Von wegen. Der letzte Woche in Berlin vorgestellte Waldschadensbericht 2004 zeigt, daß sich der Kronenzustand der Waldbäume in den letzten zwölf Monaten weiter verschlechtert hat. Doch es gibt auch winzige Lichtblicke. So nahm der Anteil der Bäume ohne Kronenverlichtung um drei Prozentpunkte ab und hat mit 28 Prozent den auf Bundesebene bisher tiefsten Stand erreicht. Zurückgegangen ist auch der Anteil der Warnstufe "schwache Verlichtung". Er ging um fünf Prozentpunkte zurück und liegt nun bei 41 Prozent. Doch der Anteil der Waldflächen mit deutlichen Kronenverlichtungen (Schadstufen zwei bis vier) stieg um acht auf 31 Prozent. Dies ist auf Bundesebene die bisher im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr größte Zunahme und gleichzeitig auch der höchste Stand seit Beginn der Erfassung in Westdeutschland 1984. Bundesweit lassen sich Regionen ausmachen, die besonders schwer betroffen sind. Zu ihnen gehört Bayern (plus 15 Prozent) Baden-Württemberg (plus elf Prozent) sowie Schleswig-Holstein (plus 18 Prozent) und Berlin (plus 16 Prozent). Betroffen sind zudem alle Baumarten, die forstwirtschaftlich relevant sind, wie etwa Fichte, Kiefer oder Buche.

Der Wald hat ein langes ökologisches Gedächtnis

Die deutliche Verschlechterung des Kronenzustands 2004 wird auf eine Kombinationswirkung verschiedener Umweltfaktoren zurückgeführt. Die außergewöhnlichen Witterungsbedingungen des Jahres 2003 und die damit verbundenen Spätfolgen dürften daran einen wesentlichen Anteil haben. Denn der letzte Sommer war besonders heiß, und die Überprüfung der Bäume erfolgt ausgerechnet in den Sommermonaten.

Der Bericht stellt daher fest, daß Trockenstreß und hohe Ozonwerte 2003 auf die Waldökosysteme trafen, die infolge lang anhaltender Säure- und Stoffeinträge aus der Luft erheblich vorbelastet sind. Die Auswirkungen konnten letztes Jahr noch nicht voll zum Tragen kommen, schlagen dafür aber für 2004 besonders deutlich zu Buche. Die genannten Belastungen werden zusätzlich durch weitere Faktoren verstärkt: In den letzten 18 Monaten kam es witterungsbedingt zu einer Massenvermehrung der Borkenkäfer, die beispielsweise bei der Fichte zu hohen "Ausfällen" führte.

Nahezu alle Baumarten haben durch den "Jahrhundertsommer" 2003 und die damit verbundenen Spätfolgen erheblich an Lebenskraft eingebüßt. Die Pflanzen können sich von diesen Schäden durchaus innerhalb einiger Jahre erholen, aber eine ganz entscheidende Voraussetzung ist, daß es in absehbarer Zeit nicht erneut zu einer Trockenperiode kommt.

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist allerdings recht hoch. Vergessen darf man auch nicht, daß der Wald ein langes Gedächtnis hat. In den Waldböden sind die Stoff- und Säureeinträge von Jahrzehnten gespeichert (etwa Schwefel, Stickstoff, Schwermetalle) und werden noch für Jahre Nährstoffversorgung, Wurzelbildung und Nährstoffaufnahme der Pflanzen beeinträchtigen.

Neben zahlreichen Fakten und weiteren Hinweisen, die der Waldschadensbericht mit seinen 90 Seiten aufweist, fällt vor allem eine gewisse Resignation der Verfasser auf. So kommt es zu den Gemeinplätzen wie etwa diesen: "Waldforschung muß das Handlungswissen für die Stärkung des Waldes und seiner Leistungen vertiefen und verbleibende Kenntnislücken bezüglich der Ursache-Wirkungsbeziehungen schließen." Forschung soll also Kenntnislücken schließen – so furchtbar neu ist diese Feststellung nicht.

Erstmals ins Auge gefaßt wird auch die Notwendigkeit, den Wald durch andere Bäume zu ersetzen, die mit den veränderten Standortbedingungen besser klarkommen. Das wird zwar nicht konkret gefordert, aber die Hinweise häufen sich. Die heute vorhandenen Waldökosysteme sind das Ergebnis von Entwicklungen und Anpassungsprozessen, die über sehr lange Zeiträume unter relativ konstanten Umweltbedingungen stattgefunden haben.

Doch das Klima und der Boden ändern sich schnell, der Anpassungsdruck wird zum lebensgefährlichen Streß. Da nicht abzusehen ist, wie diese schädlichen Veränderungen schnell abgestellt werden können, wird man sich zwangsläufig Gedanken über zähere, eventuell gentechnisch "verbesserte", Baumsorten machen müssen.

Ein Kapitel des Waldschadensberichts beschäftigt sich auch mit den "Errungenschaften" zum Schutz des Waldes. Darin sind zahlreiche Vereinbarungen, Gesetze und internationale Verträge aufgeführt, wie etwa das Kyoto-Protokoll, das am 16. Februar 2005 in Kraft treten wird. Sie alle sollen erreichen, was seit zwanzig Jahren vergeblich versucht wird: die Rettung des Waldes. Man muß kein Prophet sein, um vorauszusehen, daß es im Dezember 2005 erneut heißt, "der Kronenzustand der Waldbäume hat sich erheblich verschlechtert".

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles