Sehnsucht nach Autorität

Zu einer bemerkenswerten Erfolgsserie im Privatfernsehen entwickelt sich derzeit eine Sendung namens „Super Nanny“. RTL hat dieses Format aus Großbritannien kopiert. Fünf Millionen Zuschauer sahen in der vergangenen Woche wieder zu, wie die 33jährige Berliner Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank eine Familie auf Vordermann brachte, in der es bei der Erziehung drunter und drüber ging. Besonders scheint die Zuschauer – oft selbst mit Kindern gesegnet – daran zu fesseln, wie schnell die „Nanny“ im Familienchaos aufräumt. Natürlich hat der Fernsehsender Familien ausgesucht, in denen es besonders hoch hergeht, um den Nervenkitzel zu steigern. Da rennen Kinder über Tische, schlagen den Hund und spucken die Mutter an. Die Monster sind nur nach stundenlangem Kampf ins Bett zu bringen, essen, wann sie wollen, und werden nachts mit mehreren Saft-Nuckelflaschen ruhiggestellt. Innerhalb kürzester Zeit gelingt es nun der strengen, aber sympathischen Pädagogin, durch Schulung der Eltern und Aufstellung klarer Regeln den himmelschreienden Augias-Stall in eine friedliche Idylle zu verwandeln. Zum großen Teil wenigstens. Das simple Rezept, das Gebrüll, Rangeleien und Chaos beendet, ist schlicht Autorität. Ganz einfach. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß es häufig endlose Laxheit und Unentschiedenheit ist, die in Gewalttätigkeit von Kindern und Eltern umschlägt – dies zeigen die Sendungen. In letzter Not werden Kinder roh durch die Wohnung geschleift, entnervte Mütter balgen sich mit ihrem amoklaufenden Nachwuchs, und es wird gebrüllt, daß die Wände wackeln. Alles aber im Zeichen einer „Alles kann, nichts muß“-Gleichgültigkeit. Die Eltern haben selbst oft nicht erfahren, was Konsequenz bedeutet, und kommen mit dem eigenen Leben nicht zu Rande. Da über den Ausnahmezustand dann aber doch irgendwann die Eltern entscheiden müssen und die Kinder nie wissen, wo eigentlich die Grenzen sind, schlägt dieser Pazifismus in permanenten innerfamiliären Bürgerkrieg um. Es ist faszinierend zu beobachten, wie dankbar Kinder nun reagieren, wenn ihnen endlich eine Autorität sagt, wann wo wie was geregelt ist, was zu tun und was zu lassen ist, und ein Vorbild abgibt: nicht pedantisch, aber entschieden. Plötzlich fügt sich alles. Die Eltern werden gelassener, stellen sich aber auch ihrer Verantwortung. Kein Wunder, daß 68er-Pädagogen über die neue Begeisterung für autoritäre Erziehung klagen. Wer aber Elternzeitschriften und Erziehungsratgeber aufmerksam liest, findet immer deutlichere Hinweise darauf, daß das Laissez-faire der siebziger Jahre längst als gescheitert abgehakt ist. Autorität ist in. Katharina Saalfrank, der RTL-„Super Nanny“, nimmt man ihre Erziehungskompetenz ab. Sie ist Mutter von vier Söhnen zwischen fünf und zehn Jahren, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann erzieht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Wertewandel auch gesellschaftspolitisch durchschlägt. Denn nicht nur in Kinderzimmern, sondern auch in der Politik geht es drunter und drüber.

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