Bombenstimmung am Balaton

Die Situation ist dramatisch: Trotz des schneereichen Winters hatte der ungarische Plattensee (Balaton) zu Beginn der Saison noch immer nicht seinen üblichen Wasserpegel erreicht. Und in der inzwischen herrschenden Sommerhitze verdunstet täglich ein Zentimeter Wasser. Statt der üblichen durchschnittlich drei bis 3,5 Meter Wassertiefe mißt Europas größter Binnensee nur noch durchschnittlich 2,8 Meter.

Kein allzugroßer Unterschied, könnte man meinen, wenn man den See nicht kennt. Aber da die tiefen Stellen am steilen Nordufer zu finden sind, heißt das für das bei Touristen besonders beliebte Südufer "Badespaß" im knietiefen Schlamm. Schon in der vergangenen Saison zeigten sich erste Sandbänke – sehr zum Ärger der Segler, die außerdem mit weiteren gefährlichen Untiefen rechnen mußten. Ungarns Tourismusbranche, für die der Plattensee eine der wichtigsten Einnahmequellen ist, hoffte daher auf einen niederschlagreichen Winter. Der kam dann sogar, aber seit der letzte Schnee in der Märzsonne schmolz, gab es kaum Regen. Statt dessen registrierte man einen Wärmerekord nach dem anderen, so daß in der Landwirtschaft rund 30 Prozent der Aussaat vertrocknete und die Wasserzufuhr für das "Ungarische Meer" immer spärlicher wurde.

Als wenn die extreme Trockenheit nicht schon Unglück genug wäre, kommt durch den extrem niedrigen Wasserstand ein ganz anderes Problem auf die Tagesordnung: In dem seichten Wasser herrscht Minengefahr! Der Plattensee war in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in seiner ganzen Länge Frontgebiet. In jener Zeit wurden nicht nur zahlreiche Kampfflugzeuge über dem Wasser abgeschossen, es bohrten sich auch etliche Granaten in den Grund, ohne zu explodieren. Wie tickende Zeitbomben liegen nun diese Kampfstoffe unmarkiert im Balatonsand und könnten eine blutige Katastrophe auslösen, wenn jetzt Tausende Füße dort herumtrampeln, wo vorher tiefes Wasser war. Zwar betonen Fachleute, die Bomben seien zu tief in der Erde, um explodieren zu können, aber hundertprozentige Sicherheiten können auch sie nicht geben. Davon abgesehen steht gar nicht fest, wer für die Entfernung der Granaten im See zuständig ist. Wenn mal eine gefunden wird, kommt der Kampfmittelräumdienst der Armee (Honvédség), aber zur aktiven Suche müßte der Balatonrat eine Privatfirma engagieren. Selbst wenn man den horrenden Preis, den so eine Säuberungsaktion mit sich bringen würde, nicht in Rechnung stellte, so könnte die Tourismusbranche dennoch sofort einpacken – Minensucher verlocken nicht zum ausgelassenen Plantschen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn das "Minenproblem" von allen Seiten nach Kräften verharmlost wird.

Angesichts der sich anbahnenden Trockenheit forderte der Rat zur Entwicklung des Balaton (BFT) eine Radikallösung. Da der Hauptzufluß des Balaton, die in der Nähe der slowenischen Grenze entspringende Zala, inzwischen zu wenig Wasser führt, überlegt man ernsthaft, über einen Kanal das Wasser der in Österreich entspringenden Raab (Rába) anzuzapfen. Die Raab, die bei der nordwestungarischen Stadt Györ (Raab) in die Donau mündet, entwässert vor allem nach der Schneeschmelze den Ostalpenraum und tritt daher im Frühling nicht selten über die – stellenweise nicht begradigten – Ufer.

Dann, so die ungarischen Fachleute, könnte man das überflüssige Naß in den Plattensee leiten. In der vorliegenden Machbarkeitsstudie der Vituki AG soll bei dem Städtchen Körmend die Raab über den Csömörc-Herpeny-Bach bis kurz vor Vasvár geleitet werden. Die dort befindliche Wasserscheide soll mit einem rund fünf Kilometer langen Kanal überwunden werden, so daß dann über die Bachlaufe von Hegyszentpéter und Sárvíz die Zala bei Zalaszentiván erreicht wäre. Bis zum Balaton wären es dann noch 72 Kilometer, in denen sich das "fremde" Wasser mit dem Zala-Wasser vermischen würde. Selbst die Fachleute geben zu, daß das Umweltrisiko dieser Fusion nicht abzuschätzen ist. Kein Mensch weiß, wie Flora und Fauna der Zala und des Plattensees auf das völlig anders zusammengesetzte Wasser der Raab reagieren würde. Nicht aus dem Auge gelassen werden kann auch die Finanzierung des Projekts.

Denn andere Vorschläge, die schon in den fünfziger Jahren den Plattensee mit der Mur (Mura) verbinden wollten, erwiesen sich als zu kostspielig. Auch die Strömungsumkehr des mit der Donau verbundenen Sió-Kanals bei der Touristenhochburg Siófok, dem "Ballermann am Balaton", wäre zu aufwendig und wird daher sicher nicht realisiert. Die Verbindung Raab – Balaton würde nur soviel kosten "wie 1,5 Kilometer Autobahn", also drei Milliarden Forint (etwa zwölf Millionen Euro), erklärte István Meyer, Chef der Vituki AG. Hinzu kämen jährliche Betriebskosten in Höhe von 80 Millionen Forint, die ebenfalls nicht ins Gewicht fallen, wenn dadurch die Goldgrube Balaton gerettet würde.

Wann mit dem Projekt begonnen wird, steht noch in den Sternen, denn inzwischen sind nicht nur die Umweltschützer aktiv geworden, sondern auch die Anrainer der Raab. Vor allem der Nationalpark Örség, durch den die Raab fließt, fürchtet um seine einzigartige Tierwelt, die auch deshalb dort zu finden ist, weil der Fluß zwischen der Staatsgrenze und Sárvár noch nicht begradigt ist. Flußauen und moorige Nebenarme der Raab könnten durch die Wasserentnahme auf Dauer austrocknen. Umweltschützer weisen darauf hin, daß der See immer natürlichen Schwankungen unterlag. In den Jahren 1867, 1921, 1949 und 1961 war der Wasserspiegel des Balaton sogar noch niedriger als jetzt – aber damals gab es nicht Millionen in- und ausländische Touristen, deren Zahl und Konsumfreude mit der Tiefe des Wassers zunimmt.

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