Nachwirkungen von 1789

Die Artikelserie auf dem Forum zum Konservatismus in europäischen Ländern und in Übersee eröffnete vor zwei Wochen ein Beitrag des Anglisten Heinz-Joachim Müllenbrock (JF 6/09). Die Serie wird heute fortgesetzt mit einem Beitrag von Alain de Benoist, der die von Deutschland auch begrifflich sehr verschiedenen Verhältnisse in Frankreich beschreibt. (JF)   Mit der ihm eigenen Derbheit scherzt der Volksmund in Frankreich, das Wort conservatisme fange schlecht an. (Das französische Schimpfwort con bezeichnet das Gesäß als Kraftausdruck.) Daran wird es wohl kaum liegen, aber tatsächlich ist hierzulande noch nie ein Politiker, eine Bewegung, eine Zeitung oder Zeitschrift auf die Idee gekommen, sich selber als „konservativ“ zu bezeichnen. Während in Deutschland, Großbritannien, den USA oder Kanada die Konservativen eine eigenständige politische Strömung bilden; während der Begriff dort breite Verwendung zur Bezeichnung einer politisch-kulturellen Grundhaltung findet, die in unterschiedlicher Gestalt daherkommt; während diese Denkströmung sich auf eine starke intellektuelle Tradition (im Falle der britischen Whigs von David Hume über Edmund Burke und Samuel Taylor Coleridge bis zu Michael Oakeshott) berufen kann, kommt „Konservatismus“ im politischen Vokabular Frankreichs so gut wie nicht vor. Selbstverständlich gibt es dieses Wort, aber es ist fast ausschließlich negativ besetzt. Ein conservateur ist zunächst einmal ein Reaktionär, der der Vergangenheit nachhängt, jeder Neuerung mit Feindschaft begegnet, gesellschaftliche Entwicklungen samt und sonders verhindern will – jemand also, der um jeden Preis den Status quo beibehalten möchte, sofern er nicht sogar von einer unmöglichen Restauration oder von einer „Rückkehr“ zu traditionellen Werten (dem Status quo ante) träumt, weil „früher alles besser war“. Bestenfalls gesteht man dem Konservatismus die Schönheit eines Museums zu – eines Museums aber, in dem nur leblose Objekte ausgestellt werden. Edmund Burke zumindest hätte einer solchen Definition keineswegs zugestimmt, befand er doch: „Ein Staat, der nicht die Mittel hat, die Zustände zu ändern, hat nicht die Mittel, sie zu erhalten“ („Betrachtungen über die französische Revolution“, 1790). Entsprechend hat die französische Linke rechtsgerichteten Menschen oder Bewegungen immer wieder „Konservatismus“ vorgeworfen und damit die Unfähigkeit gemeint, sich veränderten Sitten und Gebräuchen anzupassen und den Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit zu stellen. Die Rechte wiederum verwendet denselben Begriff in ihrer Kritik an der „archaischen“ Argumentation bestimmter stramm linker Gewerkschaften oder an der „Ewiggestrigkeit“ von Umweltschützern und Grünen. Allgemeiner gesprochen interpretiert die gesamte politische Klasse, egal welcher Couleur, den Widerwillen der Bevölkerung gegenüber notwendigen Reformen gerne als Ausdruck des „Konservatismus“. So kommentierte zum Beispiel vor einiger Zeit ein Journalist in Le Figaro die Schwierigkeiten der amtierenden Regierung, ihren Reformplänen (im Bildungs- und Medienwesen sowie in der Gesundheitsfürsorge und Rentenversicherung) Akzeptanz zu verschaffen, mit der Frage: „Der Konservatismus, Frankreichs Verhängnis?“ Was man in Deutschland „konservativ“ nennt, wird in Frankreich einfach als „rechts“ bezeichnet. Der Begriff „Konservatismus“ kommt im politischen Vokabular Frankreichs so gut wie nicht vor, und niemand würde sich selbst konservativ nennen. Einzig im Kontext der von Ronald Reagan und Margaret Thatcher vorangetriebenen „konservativen Revolution“ und dann wieder als Bekundung der Sympathie für die „Neokonservativen“ im Umfeld George W. Bushs war auf der französischen Rechten – genauer gesagt in bestimmten liberalen Kreisen – das Wort „Konservativismus“ mit beifälligem Zungenschlag zu vernehmen. Ebendiese Kreise stellten Nicolas Sarkozy, dessen Kandidatur sie bei den Präsidentschaftswahlen 2007 unterstützten, bisweilen als jemanden hin, dem zuzutrauen sei, nach dem Vorbild Reagans und Thatchers, aber auch José Maria Aznars in Spanien, John Howards in Australien oder Junichiro Koizumis in Japan eine „konservative Revolution auf französische Art“ in Gang zu setzen. In diesem Zusammenhang wurde „Konservatismus“ demnach schlicht und ergreifend in seiner angelsächsischen Bedeutung gebraucht. Indes ist Sarkozy selber stets bemüht gewesen, sich von diesem Etikett zu distanzieren, indem er etwa erklärte: „Die Macht der Konservativen ist nicht zu unterschätzen. Sie sind sicherlich imstande, einen Störfaktor zu bilden, aber ihre Kraft ist längst nicht so stark wie das natürliche Streben jeder Gesellschaft nach Veränderungen, nach Reform, nach Modernisierung.“ Was man in Deutschland „konservativ“ nennt, wird in Frankreich einfach als „rechts“ bezeichnet. Allerdings sind die beiden Begriffe nicht exakt deckungsgleich. Traditionell gibt es in Frankreich die Unterscheidung zwischen drei großen rechtsgerichteten Strömungen: die konterrevolutionäre Rechte, die im 19. Jahrhundert großes politisches Gewicht hatte (zu einer Zeit also, als die Königstreuen noch eine bedeutende Kraft darstellten und bevor die republikanischen Institutionen sich endgültig durchgesetzt hatten); die bonapartistische Rechte, deren Impulse sich bei der revolutionären Rechten genauso wiederfinden wie bei Faschisten und Gaullisten; und schließlich die „orleanistische“, das heißt liberale Rechte, der heute bei weitem die größte Bedeutung zukommt. Ein „nationalliberales“ oder freiheitliches Lager, wie man es in Deutschland und einigen anderen europäischen Staaten findet, existiert in Frankreich unter dieser Bezeichnung nicht mehr. Allenfalls spricht man einfach von „Rechtsliberalen“. Weiterhin muß man bedenken, daß in Frankreich das Wort „rechts“ ein sehr viel breiteres politisches Spektrum bezeichnet als in Deutschland – zumal „rechte“ Politiker heutzutage keine Bedenken mehr haben, sich als solche zu präsentieren. Vor zwanzig Jahren verhielt es sich noch ganz anders (und in Deutschland sieht es bis heute anders aus). In seinem 2007 veröffentlichten Buch „Das konservative Minimum“ hat Karlheinz Weißmann einen äußerst intelligenten Versuch unternommen, die Konturen vorzuzeichnen, die ein zeitgenössischer deutscher Neokonservatismus annehmen müßte. Die Definition, die er dort gibt (politischer Realismus; Bereitschaft, die Vielfalt organischer Formen des natürlichen und gesellschaftlichen Lebens zu respektieren; Absage an jedwede Utopie; Verwurzelung im Konkreten; die Notwendigkeit, dem Menschen durch stabile überindividuelle Institutionen einen Halt zu bieten), würde sicherlich bei vielen französischen Rechten auf Zustimmung stoßen. Mit derselben Gewißheit kann jedoch davon ausgegangen werden, daß diese ihre entsprechenden Bestrebungen nicht als „konservativ“ bezeichnen würden. Die erste Frage, die sie den deutschen Konservativen stellen würden, wäre zweifellos: Mais que voulez-vous exactement conserver? – Aber was genau wollen Sie denn bewahren? Was die Konservative Revolution angeht, deren Geschichte Armin Mohler als einer der ersten geschrieben hat, so betrachtet man sie nicht ohne Grund als eine spezifisch deutsche Bewegung, deren verschiedene Stränge (Nationalrevolutionäre, Jungkonservative, Bündische, Völkische etc.) sich nur sehr schlecht auf französische Verhältnisse übertragen lassen. Wie läßt sich das Fehlen eines genuinen „Konservatismus“ in der politischen Landschaft Frankreichs erklären? Ebendiesem Rätsel geht ein junger französischer Essayist namens François Huguenin in seinem jüngst erschienenen Buch „Le conservatisme impossible. Libéraux und réactionnaires en France depuis 1789“ auf den Grund. Huguenin liefert eine historische Erklärung für die in seinem Titel behauptete „Unmöglichkeit“ eines französischen Konservatismus: In Deutschland ebenso wie in den angelsächsischen Ländern befänden sich unter den Konservativen sowohl „national“ als auch „liberal“ Gesinnte. Ein derartiges Bündnis sei in Frankreich durch die Revolution von 1789 undenkbar geworden, so Huguenin. Denn diese habe unwiderruflich einen Keil getrieben zwischen diejenigen, die das revolutionäre Gedankengut kategorisch ablehnten (von Joseph de Maistre oder Louis de Bonald bis hin zu Charles Maurras), und solche Rechten, die es im Grundsatz für richtig, aber das Vorgehen der Revolutionäre für falsch hielten (von Alexis de Tocqueville und Benjamin Constant bis hin zu Raymond Aron und Bertrand de Jouvenel). Zwar waren sich beide Gruppen weitgehend einig in ihrer Kritik an dem Gleichheitswahn und der Religion der Volkssouveränität, wie sie Jean-Jacques Rousseau verfocht. Dabei unterschieden sich ihre Ausgangspunkte jedoch grundlegend voneinander. Die Liberalen begriffen die Forderungen der Revolution stets als emanzipatorische Anliegen, getragen vom Streben nach Freiheit. Gleichzeitig verurteilten sie aber die kriegerischen und quasi-totalitären Aspekte der Bewegung, die im Völkermord in der Vendée und in der Einsetzung des Terrors zum Ausdruck kamen. Die Revolution von 1789 hat unwiderruflich einen Keil getrieben zwischen diejenigen, die das revolutionäre Gedankengut kategorisch ablehnten, und solche Rechten, die es im Grundsatz für richtig, aber das Vorgehen der Revolutionäre für falsch hielten. „Das Volk, das alles tun darf, ist gefährlicher als ein Tyrann“, sagte Benjamin Constant. Die Konterrevolutionäre hingegen sahen die Revolution als unauflösbaren „Block“, dessen Anliegen sie samt und sonders verdammten. So entstand eine auch später nicht mehr zu überwindende Kluft zwischen beiden Lagern, die einen wie auch immer gearteten „Konservatismus“ seither unmöglich gemacht hat. Das gesamte 19. und 20. Jahrhundert hindurch hat die liberale Rechte mit ihrem Glauben an die Ideologie des Fortschritts und den Primat des Individuums gegenüber der Gemeinschaft und ihrem Mißtrauen gegenüber der politischen Macht unaufhörlich Front gemacht gegen eine Rechte, die – teils traditionalistisch ausgerichtet, teils nicht – sich dagegen vorrangig für die Vorrechte des Staats, den Begriff des „Gemeinwohls“ und eine organische, kommunitaristische Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenleben stark machte. Noch komplizierter gestaltet sich die Lage dadurch, daß neben der konterrevolutionären und der liberalen (oder „orleanistischen“) Rechten bald eine dritte, „bonapartistische“ entstand. Diese zeichnet sich aus durch eine positivere Bewertung der Revolution, eine ausdrückliche Parteinahme für das Volk (und die unteren Schichten), eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen, eine vorbehaltlose Bejahung der republikanischen Grundsätze sowie eine Präferenz für autoritäre oder plebiszitäre Regierungsformen. Huguenin, der diese Situation beklagt, äußert die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung beider Strömungen innerhalb einer breiten „konservativen“ Bewegung. Von den Liberalen würde dies eine Abkehr von ihrem moralischen Idealismus erfordern, der die Rechte des Individuums in den Mittelpunkt stellt. Das gleiche gilt für ihre Neigung, schon das Prinzip politischer Autorität im Namen der Vorrechte der Wirtschaft und des Marktes in Abrede zu stellen. Statt dessen, so Huguenin, sei ein „positiver Machtbegriff“ vonnöten. An die Erben der Konterrevolutionäre hingegen appelliert er, ihr absolutistisches Verständnis von Souveränität und ihre Widerstände gegen die Demokratie und den Freiheitsgedanken als solchen aufzugeben. Abgesehen von einigen Kommentaren (in der monarchistischen Zeitschrift Les Epées war sogar zu lesen, der Konservatismus sei eine „avantgardistische Idee“) hat Huguenins These freilich keine sichtbare Wirkung gezeitigt. Der englische Politologe R. J. White schrieb 1950: „Den Konservatismus in Flaschen abzufüllen und zu etikettieren, ist, als verflüssige man die Atmosphäre (…) Die Schwierigkeit liegt in der Natur der Sache begriffen. Der Konservatismus ist weniger politische Doktrin als vielmehr geistige Gewohnheit, eine Form, Ressentiments zu pflegen, eine Lebensweise.“   Alain de Benoist ist Herausgeber der französischen Kulturzeitschrift „Nouvelle Ecole“. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb der Rechtsintellektuelle zuletzt „Freiheit braucht Gemeinschaft“ (JF 5/04).

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