Erst am Anfang der Revolution

Mittlerweile widerspricht niemand mehr, wenn man die Entwicklung des Internet mit der Erfindung des Buchdrucks vergleicht. Beides sind technische Neuerungen, die eine geistige Revolution entfesselten. Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnete der französische Journalist Antoine de Rivarol die Druckerkunst als „die Artillerie der Idee“. Die erste Probe auf ihre Sprengkraft besteht die Buchdruckkunst, als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlicht. Die wuchtigen Hammerschläge, mit denen er seine Forderungen an die Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen haben soll: Sie wären nur ein paar Straßenecken weit zu hören gewesen. Als gedruckte Flugschrift tausendfach vervielfältigt, verbreitete sich sein Widerspruch wie ein Lauffeuer. Und sorgte für den Umsturz der alten Ordnung.

Vergangene Woche feierte man am Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz den 20. Geburtstag des WorldWideWeb (WWW). Der am CERN beschäftigte britische Informatiker Tim Berners-Lee hatte dort im März 1989 die Idee für eine neue technische Form des Informationsaustauschs zwischen verschiedenen vernetzten Rechnern entwickelt. Berners-Lee ist als Entwickler des HTML-Codes der Gutenberg des digitalen Zeitalters. Ab 1993 wurde das WWW öffentlich zugänglich, und die Zahl der Netzteilnehmer vervielfachte sich epidemisch. Heute nutzen weltweit über eine Milliarde Menschen das digitale Netz.

Wo früher im Brockhaus nachgeschlagen wurde, wird jetzt gegoogelt und bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia recherchiert. Nach einer ARD/ZDF-Onlinestudie explodierte die Zahl der Internetnutzer in Deutschland von 4,1 (1997) auf aktuell 42,7 Millionen. Mit über 93 Prozent ist die Durchdringung bei den unter 30jährigen total, doch auch die „Silver-Surfer“ sind im Kommen: Über 25 Prozent der über 60jährigen sind online.

Immer mehr soziale Kontakte spielen sich digital ab: Facebook, Xing oder StudiVZ sind die Plattformen, in denen Freunde und Gruppen gefunden werden. Alternative Nachrichten werden auch als Video über Youtube oder Kurznachricht mit Twitter verbreitet. Der letzte US-Präsidentschaftswahlkampf soll im Internet entschieden worden sein.

Wie schon bei der Verbreitung von Druckschriften durch den modernen Buchdruck zeigt sich auch am Internet die Janusköpfigkeit der Technik, die stets Gutem und Bösem dienen kann. Ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt, dient es heute als Basis asymmetrischer Auseinandersetzung: Von minderjährigen Amokläufern bis zu islamischen Terroristen – das Internet ist die Plattform, um ein Milliardenpublikum in Echtzeit rund um den Erdball zu erreichen. Es ist Quelle einer planetarischen Verpestung mit Informationsmüll, Gewalt und Pornographie.

Im besten Fall aber ist das Internet von Rivarolscher Sprengkraft und Ausgangspunkt zum Sturz von politischen und medialen Monopolen, zur Durchsetzung des Rechts auf freie Meinung. Deshalb auch der Drang der Regierungen nach Überwachung dieses Mediums. Es ist nicht mehr zu stoppen. Wir stehen erst am Anfang dieser epochalen Revolution.

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