Der schmutzige Krieg geht weiter

Ende März verkündete Jon Stewart in der beliebten Nachrichten-Satire „The Daily Show“, Barack Obamas Operation „Redifinition Accomplished“ sei in vollem Gang. Zur Beruhigung der Bürger habe die neue Regierung eine politisch korrektere Version des Orwellschen Vokabulars erfunden, das ihre Vorgänger pflegten. Doch wie Peter Baker in der New York Times festhält, „so sehr sich die Worte gewandelt haben, hat Obama bislang den größten Teil von Bushs Infrastruktur zur Verteidigung der nationalen Sicherheit intakt erhalten“.

Draußen in der Wirklichkeit bekommen Afghanen und Paschtunen den fortgesetzten Krieg gegen Zivilisten (JF 09/07) zu spüren. Doch die US-Amerikaner kriegen davon kaum etwas mit, haben sie sich doch von Wahlkampf-Slogans wie „Yes, We Can“ und „Change We Can Believe In“ beeinflussen lassen. Eine Google-Suche offenbart daß Obamas Wortschatz keine „zivilen Opfer“ des Konflikts kennt. Die toten Afghanen und Paschtunen existieren ganz einfach nicht.

Im Zuge von Obamas afghanischer Aufstockungsstrategie in Afghanistan („surge“) wird es mit Gewißheit verstärkt zu Kämpfen und zivilen Todesopfern kommen (und zu erneuten Bemühungen seitens der USA, diese umzudefinieren, zu verheimlichen und die Berichterstattung darüber zu unterdrücken): Der Luftangriff vom 6. Mai, bei dem laut Medienberichten 147 Zivilisten ums Leben kamen, die Taliban-Kämpfer als Schutzschilde benutzt hatten, wird sicherlich nicht der letzte bleiben. Die US-Regierung bestreitet diese hohe Zahl, hat aber – wohl als Konsequenz aus der weltweiten Kritik auch von seiten des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai – ausgerechnet den Kommandeur der Internationalen Sicherheitstruppe und Architekten der „neuen Strategie“, General David McKiernan, von seinem Posten enthoben.

Bei aller Kontinuität zur Bush-Politik hat die neue Regierung doch einige opportunistische Änderungen in der Kriegführung vorgenommen. Zumeist folgen sie der Maßgabe, der US-Bevölkerung den „guten Krieg“ besser verkaufen zu können. Beispielsweise verüben die Streitkräfte der Nato und USA mittlerweile weniger Luftangriffe, die vier- bis zehnmal so viele Zivilisten töten wie Bodenangriffe. Folglich ist die monatliche Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung leicht zurückgegangen, während die der gefallenen Besatzungssoldaten gestiegen ist. Der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) zufolge töteten „Militante“ im Januar und Februar sechzig Menschen, die Besatzungstruppen hundert.

Überhaupt ist es für die ausländischen Streitkräfte weitaus gefährlicher, den afghanischen Widerstand mit Einsätzen der Bodentruppen statt aus der Luft zu bekämpfen.

Der Anstieg der Gefallenenzahlen wiederum heizt zu Hause die Opposition gegen den Krieg an. Als etwa im August 2008 zwölf französische Soldaten fielen und weitere 21 verwundet wurden, regten sich heftige Zweifel an Frankreichs Rolle in Afghanistan. Zwei Drittel der französischen Bevölkerung lehnten daraufhin jegliche Beteiligung ihres Landes an dem Konflikt ab.

Nachdem es den USA 2004 gelang, anderen Nato-Mitgliedern die Kriegslast in Teilen Afghanistans aufzubürden – den Briten in der Provinz Helmand, den Kanadiern in Kandahar, den Niederländern und Australiern in Uruzgan –, nahmen die Opferzahlen der nicht-amerikanischen Besatzungsstreitkräfte sowohl in relativen wie in absoluten Zahlen drastisch zu.

De facto lag die relative Sterblichkeit (die Zahl der Gefallenen pro 1.000 im Kriegsgebiet stationierte Soldaten) für Besatzungssoldaten aus anderen Nato-Staaten 2006 zwei- bis dreimal höher als für US-Soldaten: zwischen 5,0 und 12,9 gegenüber 4,45 bei den Amerikanern. (In den 1980er Jahren verzeichneten die Sowjets eine Sterblichkeitsrate von 12 Gefallenen pro 1.000 Soldaten.) Die Franzosen durchschauten damals das Spiel und beschlossen, ihre etwa 200 Mann starken Spezialeinheiten bis Ende 2006 aus dem Süden und Osten Afghanistans abzuziehen, wo sie seit Juli 2003 stationiert waren.

Freilich liegt die tatsächliche Sterblichkeitsrate der US-Besatzungsstreitkräfte weit höher, als diese Statistik suggeriert. Schuld daran ist das sogenannte long-tail phenomenon, der lange Troß an nicht an den Kampfhandlungen beteiligtem Personal, der zur Unterstützung und Versorgung der Truppen notwendig ist. Durch die Verträge, die das US-Militär mit privaten Sicherheitsfirmen wie Halliburton-KBR, DynCorp, Triple Canopy oder Blackwater, Executive Outcomes abschloß, ist dieser Troß nur noch länger geworden.

Bezüglich der zivilen Opferzahlen ist eine fatale Augenwischerei im Gang. Zwar werden weniger Luftangriffe mit sehr hohen Opferzahlen geflogen, dafür nehmen die Bodenangriffe zu. Seit Jahresbeginn kam es im Januar zu 11, im Februar zu 28 und im März zu 31 Vorfällen, bei denen US- oder Nato-Truppen insgesamt zwischen 194 und 202 afghanische Zivilisten töteten. Diese Zahlen werden mit Beginn der Kampfsaison im Frühjahr und Sommer – zumal durch die Verdopplung der US-Truppenstärke im Rahmen von Obamas neuer Strategie – steigen.

Tatsächlich dürfte die Zahl der Todesfälle noch höher liegen, da zum einen Luftangriffe in entfernten Regionen wie Kunar und Nuristan nicht gemeldet werden und zum anderen die Besatzungsstreitkräfte auch seit dem Regierungswechsel in Washington an ihrer Praxis festhalten, zivile Opfer ihrer Bilanz getöteter Widerständler zuzuschlagen, wie der Politikanalyst Waheed Muzhda berichtet. Selbst afghanische Amtsträger bis hin zu Karzai hätten wiederholt den Angaben der ausländischen Streitkräfte widersprochen, so Muzhda.

Der schwere Schaden, den die ausländischen Streitkräfte in Afghanistan anrichten, indem sie Zivilisten töten, in Wohnsiedlungen eindringen, Einheimische prügeln und entführen oder Gefangene mißhandeln, heizt den afghanischen Widerstand nur weiter an. Die Nachtangriffe der Besatzungstruppen sorgen in der Bevölkerung beinahe für genausoviel Entrüstung wie die Luftangriffe, obwohl letztere mehr Todesopfer fordern. Bei dem Angriff vom 24. Januar 2009, vier Tage nach Obamas Amtseinführung, in der Provinz Laghman kamen 22 Zivilisten ums Leben (18 Kinder, zwei Frauen und zwei Männer). Ein Geheimdienstoffizier der afghanischen Armee namens Ghazi Gul verlor bei dem Angriff der US-Truppen auf die Ortschaft Garoch beide Eltern, zwei Brüder und vier weitere Angehörige. Am 18. Februar sagte Gul gegenüber der Chicago Tribune: „Was die Amerikaner angeht, sie sind meine Feinde. Und wenn ich kann, werde ich ihnen wehtun.“

In seinem wichtigen jüngsten Aufsatz über den Krieg stellt der französische Wissenschaftler Gilles Dorronsoro unmißverständlich fest: „Die bloße Präsenz ausländischer Soldaten, die in Afghanistan Krieg führen, ist wahrscheinlich der wichtigste Faktor für das Wiedererstarken der Taliban.“ Die höchsten Verluste unter der Zivilbevölkerung gab es vom 1. Januar bis 9. April 2009 in Laghman (53), den Grenzgebieten zu Pakistan (zwischen 23 bis 27 und 152), Helmand (19), Kapisa (zwischen 15 und 19) und Herat (16). Amerikas Afghanistan-Krieg wütet demnach in den Provinzen nahe der Hauptstadt Kabul, den Grenzregionen, wo CIA-Drohnen kreisen, sowie in den südlichen Provinzen.

Die Angriffe von CIA-Drohnen auf pakistanisches Staatsgebiet gehen unter Obama weiter. Von sechzig solchen Missionen zwischen dem 14. Januar 2006 und dem 8. April 2009 trafen laut einem Zeitungsbericht der englischsprachigen pakistanischen zeitung The News International „nur zehn ihr eigentliches Ziel und töteten 14 al-Qaida-Führer. Ansonsten kamen dabei 687 unschuldige pakistanische Zivilisten um“. In den ersten achtzig Tagen seiner Amtszeit ist es Obama gelungen, die monatliche Tötungsquote seines Vorgängers von 32 im Vorjahr auf 45 im Februar/März 2009 zu erhöhen. In den US-Medien wird darüber wenig oder irreführend berichtet.

Seit Obamas Amtsantritt waren 63 Prozent der von US- und Nato-Truppen getöteten identifizierbaren Opfer Frauen (15 Tote) und Kinder (56 Tote). Im Zeitraum zwischen Januar und August 2008 lag diese Zahl bei 72 Prozent. Mit anderen Worten, erst Bush und nun Obama haben gemeinsam mit ihren Nato-Verbündeten in Afghanistan doppelt so viele Frauen und Kinder wie männliche Zivilisten getötet. Dieser hohe Prozentsatz ist darauf zurückzuführen, daß die Besatzungsstreitkräfte nicht vor Angriffen auf Wohnhäuser zurückschrecken.

Angeblich soll die Truppenaufstockung „helfen, das Vordringen der Taliban zu bekämpfen, ihnen Zufluchtsorte zu verweigern und Sicherheit für afghanische Zivilisten zu schaffen“, wie die Los Angeles Times vom 18. Februar 2009 ein hochrangiges Regierungsmitglied zitiert, dessen Name nicht genannt werden durfte, da die Person nicht befugt war, sich öffentlich zum Thema zu äußern.

Nach einem Bodenangriff der US-Truppen am 19. März in der Provinz Nangarhar, bei dem zwei Zivilisten ums Leben kamen, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Anwohner: „Es ist besser, sich der Taliban anzuschließen, als neutral zu bleiben und sich zum Opfer zu machen. Die ausländischen Streitkräfte sind nicht zu unserer Sicherheit hier; sie nehmen Zivilisten mitten in der Nacht gefangen und töten sie. Die Regierung ist nutzlos, und wir werden keine Erwartungen an sie stellen. Wir können uns selber rächen.“

Der afghanische Botschafter in den USA, Said Jawad, hat kein Verständnis für solche Äußerungen. Vor kurzem sagte er, die USA brauchten sich lediglich zu entschuldigen, wenn sie afghanische Zivilisten töteten, und damit wäre alles gut. Von seinem sicheren und komfortablen Amtssitz in Washington aus belehrte Jawad seine Landsleute in der Heimat: „Diesen Preis müssen wir zahlen, wenn wir Sicherheit und Stabilität in Afghanistan, der Region und der Welt wollen.“

Prof. Dr. Marc W. Herold, ist Ökonom und Politikwissenschaftler an der Universität von New Hampshire/USA. Er sammelt seit Beginn des US-Feldzuges in Afghanistan alle Informationen über zivile Opfer, die er im Internet unter folgender Adresse veröffentlicht: http://pubpages.unh.edu/~mwherold.

Foto:  US-Kriegseinsatz in Afghanistan (Provinz Vardak, nahe Kabul, am 8. Mai 2009): Vom Helikop­ter gesichert, präsentiert sich Verteidigungsminister Robert M. Gates den Medien und Soldaten

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