Pankraz, Stephenie Meyer und die Schweinegrippe

Panik entsteht meistens durch Nichtwissen. Deshalb der Schrecken der Seuchen, wie jetzt der „Schweinegrippe“. Über ihre Verursacher, die Viren, wissen wir faktisch nichts. Selbst die einschlägige medizinische Wissenschaft, die Virologie, ist zu mindestens neunzig Prozent auf bloße Vermutungen angewiesen. Zu jeder ihrer Thesen gibt es eine gleichwertige Gegenthese, denn der Forschungsgegenstand selbst, eben das Virus, ist ein Proteus, er verändert sich gewissermaßen von Semester zu Semester, so daß man keinen Haltepunkt gewinnen kann.

Wer sind die Viren überhaupt? Sie kommen scheinbar höchst lebendig daher, schwirren überall herum, dringen überall in Lebewesen ein, entfalten dort ihr Programm, bauen die von ihnen besetzten Zellen unheilvoll um. Trotzdem sind es keine Lebewesen, sondern bloße Moleküle, Nukleinsäuren. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel, sie müssen sich, um sich vermehren zu können, an den Stoffwechsel des von ihnen besetzten Organismus anschließen, den sie damit aber aufs höchste gefährten. Es sind richtige Zombies, Untote, Vampire; Stephenie Meyer müßte ihre helle Freude an ihnen haben.

Tiere und Bakterien leben von Toten und vom Töten, sie müssen tote, erlegte oder gefundene tote Organismen essen oder aufsaugen, um selber leben zu können. Die Viren aber töten nicht, sondern sie „sind“ der Tod. Das unterscheidet sie von den Bakterien.

Diese, den Viren habituell ähnlich und die andere große Fraktion mikrologischer Beweger und Aufreger, greifen überall an, wo etwas mit einem lebendigen Körper nicht stimmt, und signalisieren so Krankheit und bevorstehenden Untergang. Auch sie sind dauernd unterwegs, um irgendwo einzudringen und parasitisch aktiv zu werden. Auch ihretwegen müssen die Tiere und Pflanzen in ihrem Inneren und auf ihrer Oberfläche ganze Armeen von Abwehrkräften unterhalten, Immunisatoren, „Antikörper“.

Andererseits könnte keine einzige Pflanze, kein einziges Tier ohne Bakterien oder ohne die mit ihnen verwandten Pilze leben. Sie bilden die „Darmfauna“ in den tierischen Verdauungsorganen, die den Stoffwechsel erst möglich macht. Sie sorgen unterirdisch dafür, daß den Wurzeln der Pflanzen Nährstoffe zugeführt werden. Jeder Wald, jeder Feldrain ist gebunden an eine spezifische Bakterienkultur: allein sie läßt sie blühen und gedeihen.

Von alledem kann bei den Viren nicht die Rede sein. Sie bereiten weder Genuß, noch lassen sie irgend etwas blühen und gedeihen. Doch sie töten eben auch nicht, jedenfalls nicht in direkter Aktionslinie. Sie sind im Gegenteil daran interessiert, daß ihr „Wirt“ am Leben bleibt, weil sie ja seinen Stoffwechsel zum eigenen Dasein brauchen. Krankheit und Tod  sind gleichsam „ungewollte“ Nebeneffekte. Durch ihr Eindringen in die Zelle vergiften sie diese regelrecht. Das Wort „Virus“ bedeutet nichts anderes als Gift.

Wo kommen diese notorischen Krankheitserreger eigentlich her, wie sieht ihr Stammbaum aus? Einige Forscher sagen, es seien „Vorläufer des Lebens“, Zwischenglieder zwischer toter und belebter Materie. Aber wieso brauchen sie dann, um existieren zu können, echt lebendige Organismen? Was haben sie vorher gemacht, als es das Leben noch gar nicht gab? Viel wahrscheinlicher dünkt Pankraz die These, daß sie in Wirklichkeit Abfallprodukte des Lebens sind, aus irgendwelchen Gründen degenerierte Gene, die eines Tages von der Zelle regelrecht ausgespuckt wurden.

Da sie jedoch keine richtigen Lebewesen waren, konnten sie  auch nicht richtig sterben. Sie blieben (in Form von „Virionen“, wie die Forschung sagt) beweglich und setzten alles daran, um wieder in die Zelle hineinzukommen und sich an deren Stoffwechsel anzuschließen. Daher wohl auch ihre ungeheure, schier märchenhafte Anpassungsfähigkeit. Kein Immunsystem vermag dauerhaft etwas gegen sie auszurichten.

Im Handumdrehen haben sie ihren Typ gewechselt, die Abwehrstrategie des Organismus gleichsam durchschaut und die eigene Strategie entsprechend umgestellt. Hat man sie beim „Hauptwirt“ Mensch hinausgeschmissen, so gehen sie eben zum „Nebenwirt“ oder zum „Reservewirt“, greifen Schweine an oder Gänse. Und sie erschließen sich immer neue Angriffsfelder, unter anderem auch wieder den Menschen, dessen Immunsystem noch ganz auf die alten Typen eingestellt ist und sich nun zunächst hilflos den frisch Maskierten ausgesetzt sieht.

Es gibt kaum lebensweltlich-natürliche Methoden, das Eindringen der Viren zu verhindern. Der Wind weht sie uns zu, der Regen (Tröpfcheninfektion), beim Essen oder beim Verdauen sind sie mit von der Partie (Schmiereninfektion), auch beim Küssen und in der Liebe (Infektion beim Austausch von Körperflüssigkeiten). Jeder Waldspaziergang setzt uns eventuellem Virenbefall aus (Infektion über blutsaugende Insekten), jedes Streicheln der Katze (Infektion durch Haustiere).

Trost spendet letztlich einzig die Einsicht, daß auch Viren pazifiziert werden können (oder besser: sich selber pazifizieren). Sie bleiben natürlich Feinde, leisten dem Leben nie Hilfsdienste wie die Bakterien.  Aber sie halten unter Umständen lange Zeit still. Das Windpocken-Virus etwa verharrt nach Ende der Krankheit lebenslang in sensiblen Nervenzellen, ohne je wieder gewalttätig zu werden; höchstens schickt es einmal eine böse Gürtelrose.

Größten Eindruck macht auf Pankraz da die neue Forschungsdisziplin „Virologische Therapie“, die seit einiger Zeit von sich reden macht. Sie will nicht nur die Virenveteranen dauerhaft ruhig stellen, sondern sie sogar für neuartige Strategien bei der Krebs- und Tumorbekämpfung einsatzfähig machen. Der Zerstörungsdrang der Viren soll ausgenutzt werden, indem man sie in bösartige Tumore einpflanzt und sie irgendwie dazu bringt, sich dort zu vermehren und so den Tumor (und allein diesen) zu zerstören.

Das wäre wirklich eine wunderbare Pointe der Medizingeschichte: Viren, die Dämonen der Seuchen und Pandemien,  als Lebensretter bei Krebs! Gott möge helfen.

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