Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Jenseits des Wirtschaftsmenschen

Kann ein bedingungsloses Grundeinkommen die Krise des Wirtschaftslebens lösen helfen? Die Frage berührt ganz offenbar den Nerv der Zeit: Die bisher auf dem Forum publizierten Debattenbeiträge haben in der Leserschaft ein so lebhaftes wie kontroverses Echo hervorgerufen. Nach zwei ablehnenden Erörterungen bricht der Politikwissenschaftler Michael Böhm zum Abschluß der Serie noch einmal eine Lanze für ein Grundeinkommen, mit dem sich „ein Versprechen der Aufklärung erfüllen“ würde. (JF) Die Phantasielosigkeit war zu erwarten, und sie folgte auf dem Fuß: Kaum hat Götz Werner in dieser Zeitung (JF 29/08) mit seinem Beitrag zum Grundeinkommen einen interessanten Vorschlag zur Zukunft der Arbeitsgesellschaft unterbreitet, da regten sich nur altbekannte Reflexe. Beispielsweise die von Florian Wolfrum: „Kalter Kaffee“ sei all das, schreibt er, „eine lebensfremde Vorstellung“, zur Arbeit müßten die Menschen „gezwungen“ werden, und das notfalls durch Entzug „ihrer Früchte“ (JF 31-32/08) — aber kein Wort läßt der Bamberger Jurist davon verlauten, wo sie sich findet und wer sie bezahlt. Es ist wie in der großen Politik: „Arbeit schaffen!“ donnert es dort im Chor von links bis rechts, und es kümmert offenbar wenig, daß man oft genug nicht davon leben kann und selbst Ökonomen skeptisch sind ob der jüngsten Beschäftigungszahlen — es ist das dumpfe „Immer weiter voran“ früherer Zeiten, ein krampfhaftes Festhalten am Überkommenen, ohne Geist und Kreativität und ohne Gespür für historische Konstellationen. Das ist zu wenig für die Herausforderungen, vor denen diese Gesellschaft steht. Denn — was heißt eigentlich Arbeit? Und würde ein Grundgehalt tatsächlich die Freiheit bedrohen, so wie Wolfrum meint? Im alten Griechenland zumindest war genau das Gegenteil der Fall: Denn Arbeit galt zu diesem Zeitpunkt dem freien Mann als unwürdig. Sie war Sache von Sklaven oder anderen subalternen Existenzen. Da sie über nichts anderes als über ihre eigene Körperkraft verfügten, mußten sie schwere und gesundheitsschädigende Tätigkeiten verrichten. Zu arbeiten, das war Inbegriff antiken Elends und Ausgeliefertseins, ein fremdbestimmter, erbärmlicher Zustand, der zwangsläufig die Sehnsucht nach einem Besseren wecken mußte. Noch heute ist dieser ursprüngliche Sinn von Arbeit in den modernen Sprachen erkennbar: Das deutsche Wort Arbeit leitet sich aus dem germanischen arbaipi ab, was nichts anderes als Mühsal bedeutet, das französische travail ist dem lateinischen tripalium entlehnt und bezeichnet ein Folterwerkzeug, und im russischen работа (rabota) läßt sich noch ganz der рабъ (rab), also der Sklave erkennen. Gegen diese Vokabeln des Gefangenseins stand in den vormodernen Gesellschaften immer die Idee des Werkes. In ihr artikulierte sich das selbstbestimmte Schaffen des freien Menschen, der in seine Kreationen die mannigfaltigsten Entäußerungen seines Selbst einfließen ließ. Der Bürger „arbeitete“ in der antiken Welt im eigentlichen Sinne nicht, er schuf ein Werk. Es wäre jedoch falsch, in der antiken Verachtung gegenüber der Arbeit nur den zwangsläufigen Reflex einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft zu sehen, deren Wohlstand sich auf der Existenz von Sklaven gründete.  Vielmehr transportierte sie eine Idee, die auch heute noch einleuchtet: Freiheit kann niemals in der Sphäre der Notwendigkeit entstehen, sondern stets nur dort, wo diese überschritten wird: „Die Arbeit war des Bürgers unwürdig“, notierte denn auch der französische Philosoph André Gorz hierzu, „nicht weil sie Sklaven und Frauen vorbehalten war, sondern im Gegenteil, sie war ihnen zugedacht, weil Arbeit bedeutete, sich dem Notwendigen zu unterwerfen.“ Freiheit hieß in der Antike aus diesem Grunde auch immer ein Freisein von Arbeit, und dem entsprach in kongenialer Weise die antike Trennung zwischen polis und oiko-nomos, also zwischen politischer Gesellschaft und der auf häuslicher Wirtschaft angelegten Familiendomäne. Noch das Alte Rom war von diesem Geist bestimmt: In der ersten verwirklichte sich die Idee des freien Bürgers, dessen ōtium, also schöpferischer Müßiggang unter anderem Voraussetzung dafür war, an den kommunalen Angelegenheiten zu partizipieren — Freiheit war eine öffentliche Angelegenheit, und sie manifestierte sich auch in der demokratischen Wahl. Das zweite bedeutete hingegen die Verneinung des ersten, das neg-ōtium, also die ökonomische Aktivität; auf lateinisch heißt es unter anderem Handel. Reichte dies nicht zum Leben oder war kein Besitz hierzu vorhanden, so gab es in der athenischen Demokratie des Perikles bereits das, was wir heute diskutieren: die mistoforia, eine Art Bürgergeld, das den Unterhalt garantierte und dem Freien erlaubte, seine Rechte als Bürger wahrzunehmen — das Grundeinkommen ist also keineswegs nur eine Idee, die auf die neuzeitliche Naturrechtslehre zurückgeht, wie Wolfrum meint, es war schon Realität in der klassischen Antike. Es war das Christentum, ursprünglich die Religion der Sklaven, das die antike Geringschätzung gegenüber der Arbeit veränderte. Indem es in seiner jenseitigen Orientierung den Letzten der sozialen Stufenleiter gleichsam zum ersten Heilsempfänger deklarierte, wertete es dessen gesamte irdische Existenz auf — und mit ihr die Arbeit. Hierdurch löste es den oiko-nomos aus der Sphäre purer Notwendigkeit heraus und vermengte ihn mit der polis zur Welt der Politischen Ökonomie. Hierdurch machte es aus der verachteten Bedarfsdeckung ein heiliges Prinzip beständigen Erwerbs, und hierdurch trat auch die moderne Progressionslogik in Kraft, jenes sture „Immer weiter voran“, das die Industriegesellschaften heute noch kennzeichnet: In der frühen Neuzeit erschien Arbeit zwar nach wie vor als eine Strafe Gottes, doch zugleich war sie auch eine weltliche Bewährungsprobe, die, einmal bestanden, Seligkeit im Himmelreich verhieß. Freiheit, das war nun die christliche Botschaft an alle Mühseligen und Beladenen, kann durch Arbeit erlangt werden. So ist ora et labora! — „Bete und arbeite!“ bis heute Wahlspruch katholischer Mönchsorden geblieben, so war für Martin Luther Arbeit ein göttlicher Dienst am Menschen, und so war für die Hugenotten ein Ausruhen von ihr sogar verwerflich: Kaum verwunderlich, daß Max Weber in der „protestantischen Arbeitsethik“ später den „Geist des Kapitalismus“ erkennen sollte. Freilich — das neue Ansehen, das die christliche Theologie der Arbeit verschaffte, war nicht unberechtigt: Seit der frühen Neuzeit drängten Handel und Industrie das Handwerk zurück, und durch bessere Arbeitsorganisation ließen sich immer mehr Waren produzieren und verkaufen. Das mehrte beständig den gesellschaftlichen Reichtum, wenngleich noch wenige an ihm teilhatten. Allerdings entsann man sich auch wieder zunehmend der althergebrachten Auffassung von Arbeit — vor allem seit der Renaissance, die in vielerlei Hinsicht an antike Vorbilder anknüpfte: 1494 erschien Sebastian Brants „Schlaraffenland“, in dem man sich vor allem sinnlichen Genüssen hingab, Weisheit herrschte und Arbeit als Sünde galt. Für den Straßburger Dichter war es eine ironische Kritik an den bestehenden Zuständen, für die Kirche war es ein Affront. Nicht ganz so radikal träumten die Sozialutopisten der Renaissance: In der „Utopia“ des Thomas Morus gab es zwar Arbeitspflicht für alle, doch war das Tagwerk leicht und sollte außerdem nicht mehr als sechs Stunden täglich beanspruchen, die restliche Zeit war der freien Ausbildung des Geistes vorbehalten, allein darin liege, so der englische Humanist, „das Glück des Lebens“. Gar nur vier Stunden pro Tag hatte man im „Sonnenstaat“ des kalabrischen Mönchs Tommaso Campanella zu malochen, danach gab es intellektuelle oder moralische Exerzitien, die den Menschen erst zum Menschen reifen lassen — wahre Freiheit stand also auch dort dem Kopf näher als der Hand. Die Aufklärung sollte die Träume von einer arbeitslosen Freiheit weiter beflügeln. Und mehr noch, in ihrer Tendenz, die Welt zu entzaubern, machte sie aus dem christlichen Glauben an eine himmlische Freiheit durch Arbeit ein Versprechen, das noch auf Erden eingelöst werden sollte. Obgleich liberale Denker wie John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Adam Smith und Immanuel Kant die Arbeit noch immer als gottgegebenen, mühevollen Weg zum Seelenheil angesehen haben, war es gerade diese Fortschrittsidee, die mit aller Macht das technische Denken ergriff. Wie sich der vernunftbegabte Mensch aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit, so verkündete man, werde sich auch die Technik vervollkommnen und die Grenzen des Möglichen beständig überschreiten. Bei Etiénne Cabet erledigen Maschinen alle schweren, widerwärtigen und gefährlichen Tätigkeiten. Immer neue Erfindungen würden an die Stelle der Arbeitenden treten, und immer mehr werde dadurch der Staat den täglichen Turnus verringern können und Menschenkraft überflüssig werden. Schon Jahre zuvor hatte Charles Fourier die tägliche Fron unter das Lustprinzip gestellt. Arbeit sollte Ausdruck von Sex, Erotik und Liebe sein. Später sah Karl Marx gar ein „Reich der Freiheit“ kommen, in dem Arbeit, bestimmt durch Not und äußere Zwecke, gänzlich aufhöre. Es gehört zu den Besonderheiten der Aufklärung, daß sich unter ihren Versprechungen gerade dieses nicht als leer herausgestellt hat. Viele der hochfahrenden Versicherungen der Lumières — etwa, daß Ratio Gewalt und Unterdrückung beendet — wurden durch die zivilisatorischen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts ad absurdum geführt. Aber seit dem Beginn der Industrialisierung ging die freiheitsberaubende Lohnarbeitsgesellschaft tatsächlich ihrem Ende entgegen, und heute ist es greifbar nahe: Dank neuer Technologien produzieren die westlichen Industriegesellschaften mit immer weniger Menschen in immer weniger Zeit immer mehr Güter und Dienstleistungen. Nach den Abenteuern von Eisenbahnbau und Elektrifizierung im 19. Jahrhundert, nach der Ära des Automobils im 20. sind es seit 40 Jahren die Computer, die Arbeit erleichtern oder sie gänzlich erledigen: Vollautomatische Fabriken gibt es bereits seit den 1980er Jahren, ebenso den „fahrerlosen“ Transport im öffentlichen Verkehr, und in jüngster Zeit machte neuartige Software ganze Verwaltungsetagen beschäftigungslos. Aber dennoch ist der Wohlstand beständig gestiegen, und die Arbeitszeit ging kontinuierlich zurück: Vor knapp 200 Jahren arbeitete man im Durchschnitt noch etwa 82 Stunden wöchentlich, und das ohne Krankenversicherung und Lohnersatz; heute ist es nicht einmal mehr die Hälfte davon, und nach wie vor ist ein dichtes soziales Netz gespannt. Freilich — all das war und ist auch problematisch: Der Reichtum wuchs auf Kosten der Natur und intakter sozialer Beziehungen, ganz zu schweigen von der Politik, die sich immer mehr der Wirtschaft fügte. Wäre nicht auch aus diesem Grund ein Bürgergeld vonnöten? Denn es würde nicht nur den fälligen Ausstieg aus der Lohnarbeit bedeuten, sondern zweifellos auch Mentalitäten verändern; so könnte sich zumindest die Chance ergeben, auch das „Immer weiter“ der Arbeitsideologie hinter sich zu lassen, die Wirtschaft zurück in den Dienst des Menschen zu stellen und wieder ein freies Leben zu führen, jenseits des homo oeconomicus: ohne den Raubbau an natürlichen Ressourcen, ohne zu Ortlosigkeit verdammte „Jobnomaden“ und ohne die ökonomischen Sachzwänge der Politik. Aber — das wäre eine Aufgabe für die Zukunft, und die ist bekanntlich immer offen. Vorerst gilt es die arbeitende Unfreiheit zu sichern, denn wenn wir weiter in den überholten Prämissen der Arbeits­ideologie denken, riskieren wir die Spaltung der Gesellschaft in eine hyperaktive Minderheit von Beschäftigten und eine Mehrheit von Ausgeschlossenen. Der soziale Frieden wäre damit bedroht — der Einführung des Bürgergeldes dürfte daher dieselbe Bedeutung zukommen wie vor über 100 Jahren der des Sozialstaats. Wir dürfen nicht vergessen, daß in den westlichen Industriegesellschaften noch immer die bestausgebildeten Menschen leben, in ihnen schlummert ein unermeßlich kreatives Potential. Es wäre fatal, das der sterbenden Lohnarbeitsgesellschaft zu opfern samt ihrem ergrauten emanzipatorischen Nimbus. Statt dessen sollte man allen Menschen die Möglichkeit zurückgeben, sich einem Werk zu widmen: einer freien, eigenverantwortlichen Tätigkeit, die dem Willen des Individuums entspringt — erziehen sollten wir in Zukunft vor allem dazu. Der „Wohlstand der Nationen“ muß sich künftig nicht mehr nur auf Arbeit gründen, er kann auch auf dem Werk entstehen; Technologien wie das Internet und die zunehmend lockere Produktionsorganisation haben schon jetzt den Weg dazu bereitet. Ein erster Schritt darauf könnte das Bürgergeld sein. Es wäre ein nötiger — und für die Aufklärung wäre das endlich mehr als nur ein Pyrrhussieg.   Dr. Michael Böhm, Jahrgang 1969, studierte Politikwissenschaften in Berlin und Lille und promovierte über den französischen Philosophen Alain de Benoist. Er arbeitet heute als freier Publizist. Foto: Automatisierte Fahrzeug-fabrik, Maler an seinem Werk: Der Einführung des Bürgergeldes dürfte dieselbe Bedeutung zukommen wie vor über 100 Jahren der des Sozialstaates

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