Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Hüter der Volkskultur

Es ist jedesmal ein farbenprächtiges Bild, wenn die Gebirgsschützen in überlieferten Trachten bei ihren Treffen aufmarschieren, um mit traditionellen Waffen eine symbolische Wehrhaftigkeit gegen den Werteverfall in unserer Gesellschaft zu demonstrieren. So trafen sich Mitte Juli im oberbayerischen Ohlstadt 180 Kompanien mit 7.000 Gebirgsschützen aus Bayern, Nord- und Südtirol einschließlich der Provinz Trient und bekannten sich zu den traditionellen abendländischen christlichen Werten. Der Aufmarsch zum Heldengedenken, wie die Schützen ihr Totengedenken nennen, konnte noch stattfinden. Der am nächten Tag vorgesehene Festzug fiel jedoch wegen des Dauerregens buchstäblich ins Wasser. Was aber der guten Stimmung beim Festgottesdienst und der anschließenden Feier im überfüllten Festzelt keinen Abbruch tat. Ein unvergessener Anblick, als die Partenkirchener Blasmusik die Bayernhymne, das Marschlied „Dem Tiroler Land die Treue“ und die Südtiroler Hymne aufspielten und sämtliche Schützen in ihren farbigen Uniformen aufstanden, um voller Überzeugung mitzusingen. Ganz im Sinne der Tiroler Gebirgsschützen und deren Leitspruch: „Die Treue zu Gott und dem Erbe der Väter, der Schutz von Heimat und Vaterland, die geistige und kulturelle Einheit des ganzen Landes, die Freiheit und Würde der Menschen, die Pflege des Schützenbrauches.“ In Bayern haben die Gebirgsschützen eine lange Tradition. 1369 erstmals in Reichenhall urkundlich erwähnt, wurden sie seit Ende des 15. Jahrhunderts immer wieder zu Musterungen für die Landesverteidigung aufgerufen. Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges mußten sie sich dann immer wieder bewähren. Aber auch in den folgenden Jahrzehnten traten sie in Erscheinung. Als der bayerische Kurfürst Max Emanuel, der an der Vertreibung der Türken vor Wien mitwirkte und aufgrund seiner blauen Uniform als „Blauer Kurfürst“ in die Geschichte eingegangen ist, seinen Traum als bayerischer König und für Sohn Karl Albrecht die Vermählung mit der Enkeltochter des Habsburgerkaisers Leopold durchsetzen wollte, lehnte dieser solche Forderungen ab. Daraufhin begann der Kurfürst einen Feldzug gegen Österreich und fiel 1701 in Tirol ein. Die Habsburger Bündnispolitik, die Bayern plötzlich von Frankreich abgeschnitt und die bayerische Angst – die noch bis ins 19. Jahrhundert andauern sollte -, von Österreich vereinnahmt zu werden, forcierten diesen Schritt. Doch die Tiroler schlugen zurück und fielen in Bayern ein. 1702 organisierten dann die bayrischen Klöster Benediktbeuern und Tegernsee den Schutz ihrer Grenzen nach Tirol. In den beiden Folgejahren wurden Mannschaften in der Grafschaft Werdenfels – heute weitgehend mit dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen identisch – sowie in allen anderen Herrschaftsbereichen und Landgerichten entlang der Grenze für die Landesverteidigung gebildet. Das Ende ist bekannt. Kurfürst Max Emanuel floh ins damals niederländische Exil nach Brüssel. Wirtschaftliche Ausbeutung, rücksichtslose Besatzungssoldaten und Zwangsrekrutierung für das kaiserliche Militär führten schließlich im Jahr 1705 bayernweit zu einer Volkserhebung. In Oberbayern wurde sie durch eine geheim organisierte „Landesdefension“ getragen, die als Vorläuferformation der Gebirgsschützen gilt. In der sogenannten Sendlinger Mordweihnacht brach der Aufstand zusammen. Sendling, damals ein Dorf, unmittelbar vor den Toren Münchens gelegen, sollte damals die blutige Wallstatt werden. Über 1.000 registrierte Gefallene waren zu verzeichnen, die durch die besser ausgerüsteten kaiserlichen Truppen gnadenlos niedergemetzelt wurden. Der letzte Kämpe war der legendäre Schmied von Kochel, der am Sendlinger Kircherl mit den Worten „Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben“ in den Tod gegangen sein soll. Die Figur des Schmieds ist zwar historisch nicht belegbar. Dies tut aber der Tradition in der Gebirgsschützenkompanie von Kochel keinen Abbruch, ihren „Balthes“ bei allen heutigen Umzügen als heldenhafte Figur auftreten zu lassen. 1742 vertrieben dann Isarwinkler Schützen die berüchtigten Trenckschen Panduren aus dem Umland von Bad Tölz, und in den Napoleonischen Kriegen wurden Gebirgsschützen zur Verteidigung der bayrischen Zivilbevölkerung – diesmal gegen die Tiroler Schützen – aufgeboten. Später waren sie beim Wittelsbacher Königshaus gerngesehene Gäste, und nach dem Ersten Weltkrieg spendete Kronprinz Rupprecht die Landeschützenfahne, die 1951 Bundesfahne wurde. Heute bekennen sich 12.000 bayrische Gebirgsschützen in 47 Kompanien zur Tradition. Auch die Ursprünge der Tiroler Schützen reichen bis ins Mittelalter zurück. 1323 legte der Tiroler Landtag in der ständischen Verfassung die Landesverteidigung so fest, daß alle wehrhaften Männer aufgeboten werden konnten. Als 1416 der Adel in Tirol die Vorherrschaft verlor, trugen Bürger und Bauern das Hauptgewicht der Verteidigung. In der wechselhaften Geschichte des Landes, in der sie immer wieder Bayern (Volksaufstand 1809) zum Gegner hatten, entwickelten sich die Tiroler Schützen zu einer bedeutenden Truppeneinheit. Aus ihnen gingen die Kaiserjäger hervor. Der Verteidigungskampf gegen Italien im Ersten Weltkrieg bewahrte das Land trotz aller Tapferkeit seiner Schützen nicht davor, daß Südtirol 1919 Italien zugeschlagen wurde. Trotzdem blieben sie mit Ende des Ersten Weltkrieges als nichtstaatliche Schützenvereinigung bestehen, bis sie 1922 in Südtirol durch die Faschisten und 1938 in Nord- und Osttirol durch die Nationalsozialisten verboten wurden. 1946 kam es zur Reaktivierung der Schützenkompanien im Bundesland Tirol. Auch jenseits des Brenners entstanden wieder Südtiroler und Trentiner Schützenkompanien, wobei allerdings der Südtiroler Schützenbund (SSB) wegen des 1961 aufflammenden Autonomiekampfes wiederum verboten wurde. Erst 1968 durfte der SSB seine Tätigkeit wieder aufnehmen – allerdings war das Tragen historischer Waffen bis ins Jahr 2000 verboten. 1982 entstand in Anlehnung an die historische Bezeichnung Welschtirol der Welschtiroler Schützenbund. Heute ist das Tiroler Schützenwesen im Bundesland Tirol mit 15.000 Mitgliedern in 233 Schützenkompanien auf die vier Regionen Oberland, Tirol Mitte, Unterland und Osttirol aufgeteilt. Jenseits des Brenners verfügen die Schützen über 138 Kompanien mit rund 5.000 Mitgliedern. Im Jahr 1975 kam es zur Proklamation der „Alpenregion der Schützen“ in Innsbruck durch den Bund Bayerischer Gebirgsschützen-Kompanien, den Bund der Tiroler Schützenkompanien und den Südtiroler Schützenbund. Seither findet das jährliche Alpenregionstreffen wechselweise in Bayern, Nord- und Südtirol statt. Die bayerischen Schützen haben sich unter den Schutz der Gottesmutter Maria gestellt, die schon seit Jahrhunderten als „Patrona Bavariae“ gilt. Ein Höhepunkt war daher auch für sie 2006 eine Einladung von Papst Benedikt XVI. nach Rom, wo sie im Mai den Papst – seit 2002 selbst Ehrenmitglied der Tegernseer Schützen – besuchten und nach einem Festgottesdienst zu Ehren ihrer Schutzpatronin gemeinsam mit der Garde des Vatikans ein Ehrenspalier bildeten. Daß die Gebirgsschützen fernab der Tradition vor allem aber auch ein Garant für ländliches Wählerpotential sind, war bereits Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber bewußt. Gern ließen sie sich zu Ehrenoffizieren ernennen, um dann mit ihren Auftritten bei offiziellen Staatsanlässen konservative bayerische Wähler positiv auf die CSU einzustimmen. Ob nun allerdings Ministerpräsident Günther Beckstein in seiner Eigenschaft als Schirmherr der Ohlstädter Veranstaltung mit seiner doch etwas umständlich wirkenden Ansprache das konservative Wählerpotential motivieren konnte, in der kommenden Landtagswahl zur absoluten Mehrheit beizutragen, bleibt angesichts der Politikverdrossenheit vieler traditioneller CSU-Wähler abzuwarten. Weitere Informationen: www.gebirgsschuetzen.org (Bund der Bayerischen Gebirgsschützen-Kompanien); www.tiroler-schuetzen.at ; www.schuetzen.com (Südtiroler Schützenbund) Foto: Trachtenjugend und bayerische Gebirgsschützen nach dem Ohlstädter Heldengedenken: Trotz Dauerregens guter Dinge

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