Joachim Kuhs

 

„Der gefährlichste Mann des Irak“

Mal taucht er ab wie ein Phantom, mal steht er – wie jetzt – plötzlich wieder mitten auf der politischen Bühne. Seit dem Sturz Saddam Husseins im Frühjahr 2003 irrlichtert Muktada al-Sadr durch die irakische Politik. Schlagzeilen machte er erstmals im Juni 2003, als er aus seinen schiitischen Privatmilizen die Mahdi-Armee aufstellte, den bewaffneten Arm der „Sadr-Front“, seiner radikalen islamischen Bewegung. Geschickt gab er ihr den Namen „Mahdi“, einer mythischen Figur, die im schiitischen Glauben eine zentrale Rolle spielt: Der Mahdi ist ein als Jugendlicher „verschwundener“ Imam, der irgendwann als „Messias“ wiederkehren und die Welt retten wird. Nicht zuletzt mit dieser Namenswahl kann sich der Zulauf zur Mahdi-Armee erklären. Die Angaben über deren Stärke schwanken allerdings erheblich. Höchste Schätzungen reichen bis zu 60.000 Mann. Vordergründig erklärte Muktada die Aufstellung seiner Armee mit der Notwendigkeit, die heiligen Stätten der Schiiten in der Stadt Nadschaf vor den „Ungläubigen“ zu schützen. Aus seiner Gegnerschaft zu den USA und der von Washington eingesetzten Interimsregierung machte er von Anfang an keinen Hehl. Er machte sich damit zu einem Gegenpol zu Großajatollah Ali as-Sistani, der als die wichtigste schiitische religiöse Autorität im Irak eher moderat agiert. Im Februar 2004 drohte Muktada mit einer irakischen Intifada gegen die US-geführten Besatzungstruppen. Folgerichtig kam es zum Zusammenstoß mit den Amerikanern, die im April 2004 eine Großoffensive gegen die Mahdi-Milizen starteten. US-Truppen rückten gegen die Sadr-Hochburg Kufa vor. Doch den entscheidenden Schlag zu führen, wagten sie nicht, da sich Sadr im Schutzraum einer Moschee verschanzt hielt. Ein knappes halbes Jahr später hatten die Amerikaner Sadr und mehrere hundert Kämpfer in der Altstadt von Nadschaf in die Enge getrieben und mußten erneut aufgeben, weil sich die Mahdi-Truppe in die Grabesmoschee des Imams Ali, des Schwiegersohns des Propheten und Begründers des schiitischen Glaubens, zurückgezogen hatte. Der damals 30jährige Muktada, der es in der Wahrnehmung der schiitischen Massen den Amerikanern „so richtig gezeigt hatte“, wurde immer populärer. 2005 und 2006 setzte er deswegen wieder auf die politische Karte. Bei den Parlamentswahlen war seine Sadr-Fraktion erfolgreich. Sie eroberte 32 der 275 Sitze und stellte mehrere Minister. Die Sadristen waren es auch, die den Ausschlag für die Wahl des Schiiten Nuri al-Maliki zum Regierungschef gaben. Im Frühjahr 2007 zerfiel Malikis Regierungskoalition. Als er sich dann weigerte, die USA auf einen festen Plan für den Abzug ihrer Besatzungstruppen zu verpflichten, zog auch Sadr seine Minister ab. Er warf Maliki noch an den Kopf, er sei „ein Lakai des Weißen Hauses“, und verschwand wieder mal von der politischen Bühne. Seiner Miliz befahl er einen sechsmonatigen Waffenstillstand mit den Amerikanern, den er nach Ablauf um ein weiteres Intervall verlängerte. Zug um Zug erwarb sich Muktada al-Sadr mit solchen Aktionen den Ruf, ein geistlich-geistiger Führer der Schiiten und zugleich irakischer Nationalist zu sein, ein entschlossener Kämpfer und zugleich ein gewiefter Taktiker, der weiß, wann es besser ist, dem Gegner das Schwert zu zeigen, und wann den Ölzweig. Von den politischen Schlagzeilen abgesehen, weiß die Öffentlichkeit über das Leben Muktada al-Sadrs nur wenig. Sein Geburtsjahr wird mit 1973 oder 1974 angegeben. Seine Gegner behaupten, er mache sich gern älter, um sich in der irakischen Gesellschaft mehr Respekt zu verschaffen. Es war sicher nicht sein Rednertalent, das ihn groß machte. Bei seinen Auftritten spricht er mal klassisches Hocharabisch, mal den Dialekt der babylonischen Provinz. Seine, wie man sagt, theologisch nicht relevanten, dafür aber politisch brisanten Predigten liest er meist monoton vom Blatt ab. Als ein „Hodschatolislam“ (übersetzt: „Beweis des Islam“) bekleidet er keinen bedeutenden geistlichen Rang. Der Titel zeigt an, daß sein Träger eine theologische Fakultät besucht hat und eigenständig religiöse Themen bearbeiten kann, ist aber in der Hierarchie weit unter dem Ajatollah angesiedelt. Immer wieder hört man, mit seinen häufigen Aufenthalten in der heiligen Stadt Ghom wolle sich Muktada für den angestrebten höheren geistlichen Rang qualifizieren. Das politische Gewicht, das er von Anfang an entfaltete, bezieht er aus seiner Herkunft. Allein schon sein Name verschaffte ihm bei der schiitischen Bevölkerung Aufmerksamkeit und Ansehen. Sein Vater Mohammed Sadik al-Sadr war ein renommierter Ajatollah, der sich dem Saddam-Regime entzogen hatte. Er galt als bedeutender Theologe und als solcher sogar als Rivale des Großajatollahs Ali al-Sistani. Saddam Hussein ließ ihn 1999 ermorden. Auch die beiden älteren Brüder Muktadas und sein Onkel, Ajatollah Mohammed Bakr al-Sadr, wurden umgebracht. Nicht nur vom Ruf seines Vaters konnte Muktada profitieren. Er konnte auch dessen Netzwerk wohltätiger Stiftungen übernehmen. Damit kann er bei den ärmeren schiitischen Massen punkten. Auch deswegen fand er seine Machtbasis nicht nur in der heiligen Stadt Nadschaf, sondern auch in der Bagdader Zwei-Millionen-Vorstadt Sadr-City. Nach Saddams Sturz hatte man diese „schiitische Metropole der Armen“ zu Ehren seines Vaters umbe­nannt. Hier hat Muktada ein dichtes Netz von Sozialeinrichtungen, Moscheen, Privat-Milizen, und Parallel-Verwaltungen. Von dort kommen seine Anhänger oft nach Kufa, eine Nachbarstadt von Nadschaf, um ihn predigen zu hören. Kein Politiker dieses Landes bekam so viele Etiketten verpaßt wie er: Vielen gilt Muktada al-Sadr als der „gefährlichste Mann des Irak“, anderen als „religiöser Spinner“ und „Haßprediger“. Auch als „Tribun des Proletariats“, „Erfüllungsgehilfen Irans“, als einen großen Taktiker, aber auch als „unreifen, hilflosen Milizenführer“, der seine Truppe nicht zusammenhalten kann, hat man ihn etikettiert. Keines dieser Urteile ist wirklich erhärtet, keines davon ist ganz falsch. Alle voreiligen Abgesänge auf ihn haben sich nicht bestätigt. Er ist ein entscheidender Machtfaktor in der gärenden politisch-militärischen Gemengelage des Irak geblieben, der seit dem Start seiner politischen Karriere über beeindruckende Mobilisierungskraft verfügt. Seine unsichtbare Macht reichte sogar bis in den Raum, in dem Saddam Hussein gehängt wurde. Er war präsent, ohne anwesend zu sein: Sein Name war der letzte, den der sterbende Saddam zu hören bekam. Wie andere irakische Schiiten-Politiker steht auch Muktada al-Sadr in der Normalität der engen Verbindungen, die es zwischen den schiitischen Glaubensbrüdern in Iran und im Irak schon immer gegeben hat. Sie wurden spätestens 1991, nach der Befreiung Kuweits durch die Amerikaner, noch intensiviert. Teheran unterstützte systematisch die Schiiten im Nachbarland, nachdem diese sich auf Zuraten der USA gegen Saddam erhoben hatten und dann im Stich gelassen worden waren. Sadr hat sich seit je häufig im Iran aufgehalten. In den vergangenen Jahren, in denen er zwischen seinen politischen Auftritten für Wochen und Monate in „das Reich der Verborgenheit“ verschwunden war, wußten ihn Eingeweihte in Teheran oder in Ghom. Von seinem Hauptquartier in Kufa ist es nicht weit ins Nachbarland, und sein Clan dort ist weitverzweigt. Daher gilt Sadr auch persönlich als wichtiges Scharnier zwischen iranischen und irakischen Schiiten. US-Stellen haben ihn beschuldigt, im Irak das Geschäft Teherans zu betreiben und die guten Kontakte zu den iranischen Revolutionsgarden auch zur militärischen Ausstattung seiner Mahdi-Truppe zu nutzen. Den Herrschenden in Bagdad ist er unheimlich. Einen aktuellen Beweis für sein Talent, zur richtigen Zeit – gleich einer Inkarnation des legendären Mahdi – aus der „Verborgenheit“ wieder aufzutauchen, hat er vor zwei Wochen geliefert. Aus den Gefechten, die es Ende März in Basra und anderen Schiiten-Hochburgen zwischen der irakischen Armee und Schiiten-Milizen gegeben hat, ist er als strahlender Friedensstifter wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt. Premier Nuri al-Maliki hatte sich mit Ministern und Generälen nach Basra begeben, um die militärischen Operationen persönlich zu leiten – ein verständlicher Entschluß. Wenn schon das Gewaltmonopol des Staates in anderen Teilen des Irak eine Illusion ist, versuchte er es wenigstens im ölreichen, schiitischen Süden durchzusetzen. Denn Basra ist der Ölschwerpunkt und damit das wirtschaftliche Herz des Irak: Zwei Drittel des irakischen Öls werden dort gefördert, es wird in Basra verladen und verschifft. Dort wird das Geld gemacht, das Bagdad braucht und von dem örtliche Schiiten-Clans, Schmugglerbanden und Milizen möglichst viel zur Seite schaffen wollen. Zu den streitenden Parteien gehören auch örtliche Gruppen der Mahdi-Armee. Was von Maliki als kurze Polizeiaktion gedacht war, wuchs sich aber zu einem eskalierenden Desaster aus. Viele schiitische Soldaten weigerten sich, gegen ihre Glaubensbrüder zu kämpfen, der Widerstand versteifte sich; kleinlaut mußte Maliki um Unterstützung durch die US-Luftwaffe bitten. Während in Basra die Kämpfe eskalierten, knüpfte Muktada al-Sadr im Iran diskret die Fäden für eine Beendigung des Konflikts: Neben Sprechern seiner Sadr-Front brachte er Vertreter der beiden schiitischen Regierungsparteien Dawa und Oberster Islamischer Rat an den Verhandlungstisch. Als Moderator hatte er den von George W. Bush als Oberschurken bezeichneten Brigadegeneral Quassim Suleimani gewonnen, den Kommandeur der geheimnisumwitterten „Quds-Brigaden“ der iranischen Revolutionsgarden. „Irans Rolle in der Region wird wichtiger“, kommentierte USA Today hinterher erstaunt. US-Militärs in Bagdad hatten spekuliert, Sadrs Milizen seien ihm „entglitten“, doch sein Aufruf zur Waffenruhe wurde gehorsam befolgt. Malikis Militäraktion hatte die Stärke der Bagdader Zentralregierung demonstrieren sollen. Statt dessen trat erneut die ungebrochene Bedeutung al-Sadrs als politischer Faktor zutage. Sollte er nicht wie so viele aus seiner Familie einem Attentat zum Opfer fallen, wird er weiterhin eine entscheidende Figur der irakischen Politik bleiben: präsent, auch wenn er nicht vor Ort ist. Stichwort: Multikultureller Irak Aus den Trümmern des Osmanischen Reiches und dem britischen Mandat Mesopotamien entstand 1921 der Irak. 1958 wurde die pro-britische Monarchie gestürzt und eine arabisch-linksnationale Republik proklamiert. 1979 kam Saddam Hussein an die Macht, der als Sunnit schiitische und kurdische Autonomieforderungen brutal unterdrückte. Etwa drei Viertel der irakischen Bevölkerung sind Araber, 15 bis 20 Prozent Kurden. Über 60 Prozent der Iraker sind Schiiten, etwa ein Drittel Sunniten, der Rest sind Christen und andere. Foto: Muktada al-Sadr bei einer Rede vor seinen schiitischen Anhängern in Basra: Seine unsichtbare Macht reichte sogar bis in den Raum, in dem der irakische Ex-Präsident Saddam Hussein gehängt wurde

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