Aus einer Idee wird ein Staat

Jubel und Trauer liegen in der Geschichte selten so eng beisammen wie in diesen Tagen im Nahen Osten. Im Mai 1948 wurde Israel gegründet. Zusammen mit ihren Verbündeten und Freunden feiern die Israelis dieser Tage den 60. Geburtstag ihres Staates. Am 15. Mai gedenken die Palästinenser ihrer „Nakba“, der Katastrophe ihrer Vertreibung, die mit der jüdischen Landnahme in Palästina einherging. Israelis sind stolz, daß es ihnen gelungen ist, sich in einer feindlich gebliebenen Umwelt bis heute zu behaupten. Mit seinen nur sieben Millionen Staatsbürgern und nicht größer als Hessen ist Israel heute ein leistungsfähiger Industriestaat. Wissenschaft und Forschung stehen auf hohem Niveau. Der Kleinstaat gehört zu den stärksten Militärmächten der Welt und ist mit den USA verbündet. Dennoch ist seine Zukunft so unsicher wie zu jeder Zeit in den nun sechs Jahrzehnten seiner Geschichte. Die Deutungsmuster der Entstehung und Legitimierung des Judenstaats sind denkbar unterschiedlich. Für die politische Selbstsicht der Israelis spielten und spielen die Traumata, die aus der Verfolgung des jüdischen Volkes insbesondere im Zweiten Weltkrieg entstanden, eine zentrale Rolle. Bei den Arabern werden die Israelis in erster Linie als Kolonialisten wahrgenommen, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf einem Stück arabischen Bodens niedergelassen und einen Großteil der ursprünglichen Bewohner von dort vertrieben haben. Speziell deutsche Philosemiten – Angela Merkels Besuch hat das jüngst unterstrichen – wollen durch ihr Verhalten zeigen, daß sie durch die „Lehren der Geschichte“ geläutert worden sind. Folgerichtig erscheinen ihnen die Israelis vor allem als Juden, die grundsätzlich ihrer Sympathie bedürfen und die sie hauptsächlich als überlebende Opfer des Holocaust wahrnehmen. In nüchterner Betrachtungsweise zeigt sich aber, daß sich die Legitimität des Judenstaats nur bedingt aus der jüdischen Leidensgeschichte und dem Holocaust ableiten läßt, sondern daß sie aus einer politischen Bewegung erwachsen ist, die bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert die Gründung eines jüdischen Nationalstaats anstrebte. Auslöser dafür war 1896 das Buch des österreichisch-jüdischen Juristen Theodor Herzl mit dem programmatischen Titel „Der Judenstaat“. Es propagierte die These, daß die Gründung eines jüdischen Nationalstaats notwendig und durchführbar sei. Ursprünglich hatte Herzl eine ambivalente Haltung zu seinem „Jüdischsein“ eingenommen. Zunehmende antisemitische Tendenzen in Europa brachten ihn aber zu der Auffassung, daß nicht Assimilation, sondern ein eigener Staat der Weg sei, den das Judentum gehen müsse. Diese Erkenntnis begründete den Zionismus. „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, versprach er seinen Anhängern. Im August 1897 verabschiedete der Erste Zionistische Weltkongreß in Basel ein breites Programm mit dem Ziel, eine „Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina zu schaffen. Mit dieser Forderung, die damals noch ohne greifbaren Erfolg blieb, war eine wesentliche Voraussetzung für die Gründung des Staates Israel geschaffen. „Solang noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, das Auge nach Zion blickt, so lange ist unsere Hoffnung nicht verloren …“ Dieses Lied beschrieb die Sehnsucht der Zionisten. Als „HaTikvah“, hebräisch für „die Hoffnung“, wurde es 1948 zur Nationalhymne Israels. Wie in anderen Ländern Europas war mit dem Auftreten der Zionisten auch in Deutschland die Judenheit in konkurrierende politische Lager gespalten: Das größte Lager machten jene Juden aus, die sich anpassen und je nach Land Franzosen, Italiener oder Deutsche sein oder werden wollten. Die Zionisten hielten das für einen Irrweg: Als Alternative entwickelten sie ein jüdisches Korrelat zum europäischen, vor allem zum deutschen Nationalismus. Judentum war ihnen weniger Religion als Volkszugehörigkeit. Die Assimilation der Juden in das deutsche oder andere Völker Europas kam ihnen wie ein Verrat am jüdischen vor. Wie andere Völker sollten sich nach dem Willen der Zionisten die Juden in einem eigenen jüdischen Nationalstaat politisch verwirklichen – am besten dort, von wo das jüdische Volk vor zweitausend Jahren ausgezogen war: in Palästina. „Ein Land ohne Volk für das Volk ohne Land“, hieß Herzls Programm. Doch die Realitäten in Palästina sahen damals anders aus: Die jüdische Einwanderung traf auf ein fast ausschließlich von Arabern besiedeltes Gebiet. Seit Jahrhunderten und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte das Gebiet zum Osmanischen Reich. Danach wurde es britisches Mandatsgebiet. 1881 lebten rund 460.000 Menschen in Palästina. 400.000 waren Muslime, 40.000 waren – meist griechisch-orthodoxe – Christen und kaum 20.000 waren Juden. Die erste Masseneinwanderung (Alija) von 30.000 Juden nach Palästina erfolgte in den Jahren bis 1903, meist als Reaktion auf Unterdrückung und Pogrome, vor allem in Rußland. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erfolgte die zweite Alija. Bereits 1909 wurde mit Tel Aviv die erste moderne jüdische Stadt gegründet. Zwischen 1924 und 1932 kam es zur nächsten Immigrationswelle, von 1933 bis 1939 kam die zahlenmäßig stärkste. Die jüdische Bevölkerung in Palästina wuchs. Wenn auch mit dem Entstehen der zionistischen Bewegung das Ziel der Gründung eines Judenstaats entschieden war, war doch das „Wie“ von Anfang an fragwürdig, auch weil die Rückkehr eines Volkes nach zwei Jahrtausenden ohne Beispiel war. Nahum Goldmann, Gründer und langjähriger Präsident des Jüdischen Weltkongresses, kritisierte aus der Rückschau: „Hätte Herzl das jüdische Problem in seiner ganzen Komplexität begriffen, hätte er den ‚Judenstaat‘ nicht geschrieben.“ Aber ohne Herzls Idee hätte es das zionistische Konzept und damit Israel nie gegeben. In seinen Augen sollte Israel wie ein europäischer Staat werden. Herzl hatte den Begriff des souveränen Staates von Hegel übernommen und auf die alte Idee der Rückkehr nach Zion übertragen. Im übrigen dachte er nicht daran, daß Hebräisch die nationale Sprache werden könnte, sondern glaubte, daß es das Deutsche werden würde. Es hat etwas Symbolisches an sich, daß Herzl nur einmal in seinem Leben, nämlich 1904, in Palästina war. Dort konnte er nur mit einem einzigen Politiker sprechen – dem deutschen Kaiser Wilhelm II., der sich gerade auf seiner berühmten Orientreise befand. Weitsichtigen jüdischen Wortführern war klar, welche Spannungen die Masseneinwanderung von Juden in das arabisch besiedelte Gebiet der politischen Tektonik des Nahen Ostens zumutete. „Stellen Sie sich vor“, schrieb Goldmann später, „was geschehen würde, wenn alle Völker der Welt die Gebiete zurückverlangten, die ihnen zweitausend Jahre zuvor gehört hatten!“ Er sah nur eine dauerhafte Überlebenschance für Israel, wenn es bereit sei, eine Teilung des Gebiets und damit „das historische Recht der Palästinenser zu akzeptieren“. Die Zionisten blieben eine Minderheit innerhalb des Judentums, zumindest bis zur Machtergreifung Hitlers. Selbst in der Phase der Entrechtung und Vertreibung, die die NS-Judenpolitik bis 1939 bestimmte, gingen die meisten, die auswandern konnten, in alle möglichen Länder und nicht nach Palästina, wo die Zionisten gerade gegen die britische Mandatsmacht bombten. Über die Haltung der Zionisten zur NS-Herrschaft wird heute weder in Deutschland noch in Israel gern gesprochen, war sie doch mehr von pragmatischen Momenten der Zusammenarbeit als denen der politischen Ablehnung geprägt. Zionistische Kampforganisationen wie die Irgun arbeiteten beim Transport auswanderungswilliger Juden nach Palästina eng mit der SS zusammen, die in diesen Jahren mit der „Lösung der Judenfrage durch Auswanderung“ beauftragt war. Wollten die NS-Stellen einen „judenreinen“ Staat, arbeiteten die Zionisten auf einen „rein jüdischen“ Staat in Palästina hin. Bis 1939 kamen so 100.000 Juden aus Deutschland ins künftige Israel. Auch ideologisch war man sich nicht fern: Nationalsozialisten wie Zionisten trafen sich im Glauben an Kategorien wie Volkstum und Rasse, beide waren nationalistisch und wollten völkische Exklusivität. Der Krieg und die dann kommenden Formen der „Endlösung“, die man unter dem Begriff „Auschwitz“ subsumiert, schufen ein anderes Klima. Den Überlebenden des Holocaust ließ sich das jüdische Nationalstaatsprojekt leichter als vor dem Krieg als alternativlos darstellen. Und gegen alle Widerstände der britischen Mandatsmacht und der Araber ließ sich die jüdische Einwanderung nach Israel vorantreiben. In den letzten Kriegsjahren hatten sich zionistische Politiker um Unterstützung durch die USA bemüht, die sie als neuen Machtfaktor im Nahen Osten aufsteigen sahen. Amerika sollte zur Teilung Palästinas verhelfen. Das war schwierig, weil die Mehrheit im State Department damals antizionistisch eingestellt war. „Wäre Roosevelt nicht gestorben, hätte es vielleicht keinen jüdischen Staat gegeben“, denn er „war davon überzeugt, daß die Araber ihn eines Tages zerstören würden“, erinnerte sich Goldmann. Als Harry S. Truman mit Außenminister Dean Acheson die Führung der USA übernahm, kamen die Zionisten ihrem Ziel jedoch näher, obwohl Acheson prophezeite, was sich bewahrheitet hat: „Jahrzehntelang werden Sie keinen Frieden haben, und Sie riskieren die Katastrophe, denn die Amerikaner werden Sie nicht ewig gegen die Araber unterstützen können.“ Als sich – auf US-Druck hin – die UN-Vollversammlung im November 1947 für eine Teilung Palästinas aussprach, stimmten die jüdischen Repräsentanten zu. „Später können wir dann größere Gebiete erobern“, schrieb David Ben Gurion seinem Sohn. Die Araber lehnten ab. Die Entscheidung fiel mit 33 zu 13 Stimmen für den Teilungsplan und eine Internationalisierung Jerusalems unter Verwaltung der Uno. Der Gründung des Staates Israel stand nun nichts mehr entgegen – außer dem Widerstand der Araber. Da das britische Mandat für Palästina am 14. Mai 1948 um Mitternacht enden sollte, versammelte sich der Jüdische Nationalrat im Stadtmuseum von Tel Aviv um 16 Uhr noch vor Sonnenuntergang und damit vor Beginn des Sabbat. Unter einem Porträt Herzls verlas Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung. Die Errichtung des Staates Israel erfolge demnach kraft des „natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes und aufgrund des Beschlusses der Uno-Vollversammlung“. Elf Minuten später erkannten die USA den neuen Staat an, die Sowjetunion folgte am 16. Mai. Foto: Illegale jüdische Einwanderung (1947): Landung der „United States“ mit jüdischen Einwanderern aus Mitteleuropa bei Nahariya (Palästina) Stichwort: Staat Israel 1882 bis 1903: Erste Einwanderungswelle (Alija): Als Reaktion auf Unterdrückung und Pogrome in Rußland kommen 30.000 Juden nach Palästina. 1896: Theodor Herzl veröffentlicht „Der Judenstaat“. August 1897: Der Erste Zionistenkongreß in Basel fordert eine „gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina. November 1917: Die britische Regierung sichert den Zionisten ihre Unterstützung bei der Schaffung einer „jüdischen Heimstätte“ in Palästina zu (Balfour-Deklaration). 1918 bis 1947: Britisches Mandat in Palästina 1932 bis 1938: Im Zuge der fünften Alija kommen als Reaktion auf Verfolgung in Europa mehr als 250.000 jüdische Einwanderer nach Palästina. 1936 bis 1939: Arabische Aufstände gegen die britische Mandatspolitik und die zionistische Kolonisation in Palästina 1939 bis 1945: Judenverfolgungen in Deutschland und anderen Staaten Europas November 1947: UN-Vollversammlung beschließt die Teilung Palästinas, die Gründung eines jüdischen und eines arabisch-palästinensischen Staates und die Internationalisierung Jerusalems. Die Briten ziehen ab. 14. Mai 1948 (5. Ijar 5708): Proklamation des Staates Israel (der 60. Jahrestag fällt auf den 8. Mai 2008)

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