Joachim Kuhs

 

Stiche ins Wespennest

Klammheimlich würde man auch gern ein, zwei Dinge gegen Eva Herman äußern. Nichts Despektierliches, etwas sachliche Kritik und ein sanfter Hieb vielleicht gegen diverse Posen, die ihre Thesen konterkarieren. Man verkneift es sich, weil es eine Gemeinheit wäre im doppelten Wortsinne. Die Empörungswogen über das antifeministische „Eva-Prinzip“ der ehemaligen Nachrichtensprecherin sind kaum abgeflaut, da brandet die Flut der Schreihälse erneut auf. Herman hat nämlich gewagt, was zig Autoren vor ihr taten, die mit ihren Thesen ebenfalls für Zündstoff sorgten: Sie hat etliche der Zuschriften – es waren bei Drucklegung der Neuerscheinung über 5.000 – in einem weiteren Buch versammelt. Nach Meinung derjenigen, die im „Eva-Prinzip“ bereits einen schweren, weil gegenemanzipatorischen Sündenfall erkannten, soll die Autorin spätestens jetzt in der Hölle schmoren. Altbackenes Weibchenschema, so Hermans böser Ruch, und Widerstandgeist: Das paßt nicht recht zusammen und treibt die Horde der entfesselten Spötter nun so recht auf die Barrikaden. Selten, daß sich wenigstens der Moderator neutral gab Eva Herman hatte in ungezählten Talkshows und anderen Meinungsrunden einen harten Kampf zu fechten. Selten, daß sich wenigstens der Moderator solcher Diskussionen neutral gab. Zuletzt sollte ihr bei einem Auftritt in Bern durch ein grölendes Feministinnenrudel gar tatkräftig das Wort abgeschnitten werden. Einmal mehr durfte man da Hermans Gelassenheit gegenüber dem hysterisierten Mob bestaunen: „Schreien Sie sich alles von der Seele“, besänftigte sie die Aufgebrachten, „und gehen Sie dann ganz ruhig nach Hause.“ Das geplagte Wort vom „Wespennest“ trifft die Sache auf den Kopf. Die Fernsehfrau hat es beherzt aufgemischt. Wo die Journalistenzunft ihre inhaltliche Blöße – wer hätte sich denn mal sachlich auf die Tiefen von Hermans Argumentation eingelassen? – oft (auch hier zählen Schläge unter die Gürtellinie als probates Mittel) mit dem smarten Gewand des Zynismus bedeckt, geht es auf Leserbriefseiten und erst recht im ungefilterten Raum der Internetforen deutlich derber zur Sache. Kostproben gefällig? Eine Schreiberin vermutet, Herman müsse „bei der Entbindung ihres Kindes nicht nur die Nachgeburt verloren haben, sondern auch die winzige Menge Flüssigkeit, die man Hirn nennt“. Eva Herman sei „die Vorbotin einer Ära der Dummen“, eine aufmerksamkeitsgeile „Rampensau“, „dumm wie Brot“ sowieso. Wer wirklich das Gros von „Volkes Meinung“ vertritt, die Autorin oder die Masse ihrer journalistisch tätigen Feinde – von etlichen Kollegen, schreibt Herman, werde sie nicht mehr gegrüßt -, ist nicht ganz einfach zu beurteilen. Nach eigenen Angaben signalisierten etwa 95 Prozent der erhaltenen Zuschriften Zustimmung. Ein Blick in Hermans lesenswertes Netztagebuch bestätigt dies. Die Briefsammlung „Liebe Eva Herman“ berücksichtigt anteilsgerecht auch kritische Stimmen, etwa jener Leserinnen, die bekunden, sich „nie als Frau, immer als Mensch“ gefühlt zu haben. Die Mehrzahl der hier versammelten Zuschriften, thematisch gegliedert, bietet einen größtenteils frohgemuten Seelenbalsam für alle, die ihr eigenes Lebensmodell als Hausfrauen oder „klassische“ Familienväter bislang wenig (oder schmählich) in der veröffentlichten Meinung berücksichtigt fanden. Darunter auch nicht abgedruckte Leserbriefe an Zeitungen – mag sein, daß mancher Redakteur die „Anti-Herman“-Zuschriften als wohlfeile Rückendeckung vorzog. Auch außerhalb Deutschlands stößt das „Eva-Prinzip“ auf reges Interesse. Wie Eva Herman stolz schreibt, werde ihr Buch derzeit in verschiedene Sprachen übersetzt: Gerade habe Korea einen Vertrag unterschrieben. Eine beliebte Schmähungen ihrer Gegner zieht in bezug auf Hermans Neuveröffentlichung schon gar nicht: daß sie hier mit einem bloßen Aufguß erneut abkassieren wolle. Den Verkaufserlös von „Liebe Eva Herman“ stellt die Autorin dem Netzwerk Familie e.V. zur Verfügung. Diese rührige Initiative (www.familie-ist-zukunft.de) setzt sich für eine Familienpolitik ein, die sich am Schutz der Familie und Wohl der Kinder orientiert – „und sich nicht einseitig an Wünschen und Vorstellungen der Eltern ausrichtet“. Die 47jährige Zeit-Redakteurin Iris Radisch hat das 330. Buch zur Geschlechterdebatte – in diesem Jahrtausend und Sprachraum, versteht sich – geschrieben. Die sich anbietende, den Überblick erleichternde Zäsur vor/nach Eva Herman zieht hier nicht wirklich. Allenfalls auf den ersten Blick scheint sich Radisch dem Jargon der Hyänen einzuordnen: Wenn sie von der Frauenunterdrückung der „letzten paar tausend Jahre“ schreibt und von der demographischen Katastrophe als „männlicher Propagandaschlacht“. Von der erforderlichen Verweiblichung der Männer. Oder, Kinderkrippe: ja bitte, und zwar noch im Säuglingsalter, Vollzeit, danach zur Tages (richtiger: Abend-)mutter. Wäre dies das alleinige Substrat, aus dem Radisch – fraglos ein Alpha-Weibchen wie aus dem Baukasten der Familienministerin – schöpft: Nein, selbst dann bräuchte man ihr Buch – es ist ihr erstes in einer jahrzehntelangen Karriere als Journalistin – nicht fix aus der Hand zu legen. Radischs Stil ist brillant, ihre Gedanken graben jenseits ausgefahrener Wege. Selbst wenn sie nur als Reibungsfläche dienten, allein die sprachliche Fixierung des Problemkreises bedeutet Lesegenuß. Daneben, besser: in der Hauptsache entzieht sich „Die Schule der Frauen“ dem festgefahrenen Gegensatz zwischen vollemanzipierter und häuslicher Frau. Schade eigentlich, daß die televisionären Hennenrennen der letzten Wochen gelegentlich ausgerechnet zwischen Herman und Radisch ausgetragen werden mußten. 328 Kontrahenten um die Oberhand im Küche/Karriere-Krieg hätten sich dieser wie jener Duellantin mindestens ebensogut angeboten. So aber mußte der – fraglos breite – Graben künstlich vertieft werden. Sei’s drum: Radischs lebenskluges und weitgehend rezeptfreies – soll man das bedauern? – Buch markiert eine ganz eigene Klasse. Uns geht es eigentlich gut, stellt Radisch fest, wir haben uns nett eingerichtet in unserer Wohlstandswelt. Wir leben länger, gebildeter, komfortabler. „Aber auf eine Frage wissen wir keine Antwort: wozu es gut ist, immer nur mehr und noch mehr vom selben zu haben. Mit dieser Frage bleiben wir im Büro allein. Seitdem wir diese Frage nicht mehr loswerden, fällt uns ein, daß nach dem Büro noch etwas kommen müßte.“ Es geht um die Sinnkrise der beruflich agilen Mittdreißiger, die eigentlich alles haben. „Alles, aber keine Kinder. Meistens nicht. Je gebildeter, desto weniger. Je besser verdienender, desto noch weniger. Je gleichberechtigter, desto überhaupt nicht mehr. Kinder sind nüchtern, und das heißt statistisch betrachtet, etwas für die niederen Stände.“ Wir – die Intelligenz gewissermaßen – lassen heute gebären, genau wie wir putzen lassen, pflegen lassen. In diesem Sinne sei Immigration auch Einwanderung in die alte weibliche Welt. Der populäre Kollektivton der Dreifachmutter Radisch ist kein solidaritätsheischender Trick. Sie selbst lebte 36 Jahre ein Leben als, Zitat, „staatlich geförderter Bildungszombie“ mit all den Annehmlich- wie Fragwürdigkeiten, die ein solches kinder-, also zukunftsloses Dasein mit sich bringt. Als Mutter hat sich die Perspektive der Autorin verschoben, ihr Alltag aber nur geringfügig. Ohne in ihrem großstädtischen Milieu je mit dem Vorwurf der Rabenmutterschaft konfrontiert worden zu sein – Radisch hält dies für einen fragwürdigen Umstand -, hat sie ihre Töchter Krippen und Tagesmüttern überantwortet. Die Autorin warnt die strebsamen Erfolgsmütter davor, sich hier in die eigene Tasche zu lügen. Selbst noch so ausgefeilte Betreuungsangebote könnten das Problem – die Konfrontation von Elternschaft mit den Arbeitsbedingungen und Lebenswünschen der Moderne – nicht lösen. Den gordischen Knoten sieht Radisch in der „Liebeskatastrophe“. Für gleichberechtigte, erfolgreiche Frauen – der Weg in patriarchale Rollenmuster ist für sie illusorisch – konstatiert sie ein völliges Fehlen geglückter Ehevorbilder. Das zu richten, müsse Schwerpunkt aller Bemühungen sein. Hier glänzt die Analyse der Autorin. Zu kritisieren, zu hinterfragen ist daran vieles, unterm Strich hinterläßt die Lektüre einen immensen Gewinn. Ihren eigenen Namen als mustergültiges Prinzip zu verkaufen, dürfte einer Frau wie Iris Radisch denkbar fernliegen. Dabei: Die Iris des griechischen Olymps fungierte als Götterbotin, vor allem diente sie dabei Hera – unter deren Schutz bekanntlich die Familie stand. In der Argonautensage finden wir Iris als kluge Mittlerin im Kampf ihrer Schwestern. Eine Rolle, der gegenüber sich Urmutter Eva eher eindimensional ausweist. Die botanische Iris wiederum ist ein sogenannter Frostkeimer: Deutliche Kälte muß vorherrschen, damit sie ihre schönen Blüten treiben kann. In diesem Sinne möchte man „Die Schule der Frauen“ als hoffnungsfrohes Frühlingsgewächs begreifen.
Eva Herman: Liebe Eva Herman. Briefe an die Autorin des Eva-Prinzips. Pendo-Verlag, München 2007, broschiert, 200 Seiten, 14,90 Euro Iris Radisch: Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden. DVA, München 2007, gebunden, 192 Seiten, 14,95 Euro

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