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Mozart der Theologie

Cari fratelli e sorelle“ (geliebte Brüder und Schwestern), klingt es mikrophonverstärkt über das weite Rund des Petersplatzes, wo Tausende von Gläubigen aus aller Welt sich zur wöchentlichen Generalaudienz versammelt haben. Die Menge ist schlagartig still geworden, als sich die schmale weiße Gestalt dem Fenster hoch oben im Vatikanpalast nähert. Man vermeint, nur noch das Rauschen der Fontänen zu hören. Warm und guttural erklingt die Stimme von Benedikt XVI. Der Papst aus Bayern kann auch nach so vielen Jahren in Rom seine Heimatwurzeln nicht verleugnen. Der bayerische Dialekt schlägt immer wieder in seinen Ansprachen durch. Wie gebannt hängen die Menschen dann an seinen Worten. Es sind nicht priesterliche Routine-Ansprachen, sondern jede Woche – Mittwoch und am Sonntag um 12 Uhr zum Angelus-Gebet – wählt Papst Benedikt XVI. ein ganz besonderes Thema. Mal sind es die großen Kirchenväter, mal die Märtyrer wie Irenäus, wortreicher Verteidiger der Wahrheit und des Glaubens gegen die Irrlehren. Der Pontifex spricht in einer bestechend klaren und verständlichen Sprache. Behutsam wählt dieser wahrscheinlich größte katholische Theologe Europas seine Worte. Der Kölner Kardinal Meisner nannte Papst Benedikt XVI. einmal verzückt den „Mozart der Theologie“. Rom erlebt eine neue theologische Renaissance Um diese Papst-Ansprachen zu hören, eilen längst nicht nur Katholiken auf den Petersplatz, sondern kaum ein Rom-Besucher möchte sich diese gleichzeitig ausgefeilten und zu Herzen gehenden christlichen Diskurse entgehen lassen. Über den ganzen Erdball versammeln sich zu diesen Stunden Menschen am Radio und vor dem Fernsehschirm, um den Worten von Benedikt XVI. zu lauschen. Besonders in den Krankenhäusern herrscht während der Übertragung der päpstlichen Botschaften absolute Ruhe. „Es ist jedesmal nicht nur eine innerliche Erbauung, sondern auch eine theologische Vorlesung“, so ein Rom-Besucher. War sein verstorbener Vorgänger Johannes Paul II. ein Papst der Bilder, so ist Benedikt XVI. ein Papst des Wortes. Rom, Caput Mundi – die katholische Hauptstadt der Welt erlebt unter diesem Papst eine neue theologische Renaissance. Eine Woche nach der anstrengenden Karwoche und dem jubelnden Osterfest feiert am 16. April Papst Benedikt XVI. seinen 80. Geburtstag. Schon am Sonntag vorher erreichen die Festlichkeiten ihren ersten Höhepunkt: Eine eigens für den Papst komponierte Festmesse „Tu es Petrus“ vom Berliner Komponisten Wolfgang Seifen wird in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin uraufgeführt. Der lange Zeitbogen, der bis zu diesem Festtag führt, umspannt eine Priester-Karriere, die immer steil noch oben führte. Wer ist nun dieser Pontifex, der vor zwei Jahren die gesamte weltweite Kurie von immerhin 115 Kardinälen mit größter Mehrheit auf sich vereinigen konnte? Es war die kürzeste Papstwahl in der Geschichte. Schon nach dem vierten Wahlgang war man sich einig: Ausgerechnet Deutschland, das immer mehr zum Missionsland wird, stellt den Papst. Der ideale Gesprächspartner, der plötzlich Feuer fängt Benedikt XVI. ein Mann des Gegensatzes, wie die Medien immer noch rätseln? Denn da ist zum einen dieser sehr bescheiden wirkende Priester, der jeden Morgen die Messe in seiner Hauskapelle zelebriert, dann der hoch dogmatische Theologe, von dem seine Studenten noch Jahrzehnte später schwärmen, schließlich auch der junge Professor, der bereits früh als mutiger Konziltheologe des II. Vatikanums von sich reden machte. Schon mit knapp 50 Jahren wurde Ratzinger Erzbischof von München und Freising und nur wenige Wochen später bereits zum Kardinal ernannt. 1981 berief ihn Papst Johannes Paul II. zum Präfekten der Glaubenskongregation nach Rom. Es war das schwierigste und arbeitsreichste Amt, das im Vatikan zu vergeben ist. In diesem wichtigen Wächteramt, das er bis zu seiner Wahl im Frühjahr 2005 mit geradezu altmodischer Disziplin und Selbstkontrolle bis fast an die körperlichen Grenzen ausübte, ließ er immer wieder die gott- wie die technikgläubige Welt aufhorchen. Hier wachte der damalige Kardinal Ratzinger mit 50 Mitarbeitern über die Reinheit des Glaubens und wurde von den Medien zum stockkonservativen Kirchenmann und Hardliner abgestempelt – was er allerdings nie war. Und er war der engste Mitarbeiter des verstorbenen Papstes Johannes Paul II., der den Kardinal auch nach seinem 75. Lebensjahr nicht missen wollte. Die in Rom lebenden Deutschen erinnern sich zu gut an so manche persönliche Begegnungen mit dem heutigen Pontifex: So zum Beispiel in der Deutschen Botschaft zum Heiligen Stuhl oder im fein-distinguierten Club – dem Circolo degli Scacchi am römischen Corso. Unter den Würdenträgern und geladenen Gästen traf man auch manchmal Kardinal Ratzinger. Sofort bildete sich um ihn ein Kreis. Man spürte den Respekt, den die Anwesenden dem Kardinal entboten, wo immer er auftrat. Da stand er, diese kuriale, feingliedrige Gestalt mit dem schlohweißen Haar und dem Kardinalspurpur, inmitten der eleganten Gästeschar und blickte lächelnd in die Runde; dennoch schienen seine Augen weit zu gehen. Der Kardinal sprach immer leise und präzise. Nichts hatte er von der eloquenten Geschwätzigkeit vatikanischer Diplomaten. Er blieb vordergründig stets verschlossen und kühl. Erst später im kleinen Kreis lockerte sich die Atmosphäre um ihn. Zu Anfang eher nur bedächtig und zuhörend, wurde der Kardinal dann der aufmerksame, der ideale Gesprächspartner, der plötzlich Feuer fängt und zu diskutieren beginnt. Nun war er es, der im Gespräch die Linie vorgab, der durch seine präzise und klare Analysefähigkeit seine Hörer in Bann schlug und sie sprachlos machte. Nur manchmal huschten immer wieder Schatten über sein Gesicht, und dann wirkte er düster. Und ganz plötzlich brach er auf, eilte von dannen, eine schmale Gestalt verschwand in die Nacht, wo der Wagen mit dem Chauffeur auf ihn wartete. Geboren wurde Joseph Ratzinger, am 16. April 1927 im oberbayerischen Marktl am Inn. Sein Vater war Gendarmeriemeister, ein aktiver Katholik und überzeugter Gegner des Nationalsozialismus. Die Familie wurde öfter versetzt, lange Zeit lebte sie in Traunstein. In dem Buch „Salz der Erde“ – ein Gespräch mit dem Journalisten Peter Seewald – bekennt Ratzinger, hier „die Farben des Glaubens gewonnen zu haben, nämlich wo der Katholizismus sich wirklich mit der Lebenskultur dieses bayerischen Landes und mit seiner Geschichte tief verflochten hat“. Die überfällige Reform der Kurie in Gang gesetzt Hier in seiner bayerischen Heimat liegen die Wurzeln seines tiefen Glaubens, aber auch seiner Einsamkeit und Sehnsucht, wie er einmal bekannte. Denn nie hat der frühere Kardinal Ratzinger nach einem hohen Amt gedrängt; er wollte immer „nur“ der lehrende Theologe bleiben, der die Menschen dem Glauben wieder näherbringt. Schon in seiner ersten Ansprache als neuer Papst rief er der versammelten Menge auf dem Peterplatz zu: „Die Kardinäle haben mich gewählt, einen einfachen und demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Und weiter, „mich tröstet die Tatsache, daß der Herr weiß, wie man mit unzulänglichen Werkzeugen arbeitet; doch vor allem brauche ich euer Gebet“. Was diesen Papst damals wie heute umtreibt, ist die Angst, daß sich die Identität des Katholischen verflüchtigt und daß das Einzelne nicht mehr im großen Zusammenhang gesehen wird. Seit der Wahl Benedikts XVI. sind zwei Jahre vergangen, und im Vatikan hat sich viel verändert. Die lange überfällige Reform der Kurie wurde in Gang gesetzt. Vieles wurde verschlankt, die Zahl der päpstlichen Kommissionen und Räte zusammengestrichen und entscheidende Ämter neu besetzt. Audienzen wurden demokratisiert und Überflüssiges abgeschafft. Auch die Reiselust im Vatikan wurde erheblich eingeschränkt. Und kein Schreiben geht heute aus dem Vatikan, das nicht über den Schreibtisch des Papstes gelaufen ist. Während der Pole Johannes Paul II. universal seinen Kampf gegen den Kommunismus führte, ist der Deutsche Benedikt XVI. ein zutiefst europäischer Papst. Er pocht auf die christlichen Wurzeln des Abendlandes. Seine Mission sieht er vor allem darin, Europa wieder christlich zu machen. Unvergessen bleiben die Bilder, als dieser Papst per Schiff in Köln von Tausenden und Abertausenden von Jungen jubelnd zum Weltjugendtag empfangen wurde. In ihnen mag er so etwas wie die neue Hoffnung für Europa gespürt haben. Auf seiner ersten Reise nach Spanien las der Papst der sozialistischen Regierung die Leviten in Sachen Familienpolitik. Und in Polen konnte er die noch feste Kraft des Glaubens dieses Volkes bewundern. Seine bisher schönste und sicher wehmütigste Reise ging nach Bayern, wo er in der Gnadenkapelle von Alt­ötting – dem Herzen Bayerns – kniete. Selbst seine hochakademische Regensburger Vorlesung über Glaube und Vernunft (JF 6/07), in der der Papst die Botschaft des Propheten Mohammed zur Gewalt und modernen Welt erwähnte und damit eine Woge der Empörung und des Zorns in vielen Teilen der islamischen Welt auslöste, konnte diese Erinnerung nicht eintrüben. Persönliche Einsamkeit hoch über dem Petersplatz Ausgerechnet diesem Papst, der sich von Beginn an immer um den Dialog der Kulturen bemüht hat, schlug der aus der islamischen Welt geballter Haß entgegen. Es schien, als wenn der Kampf zwischen Christen und Muslimen nun voll ausbrechen würde. Daß Papst Benedikt XVI. dennoch dann in die Türkei reiste, schien zudem vielen Angst zu machen. Doch der Sturm scheint sich vorerst gelegt zu haben. Denn wie anders ist es zu verstehen, wenn der Präsident des Diyanet, der Behörde des türkischen Staates für religiöse Angelegenheiten, Ali Bardakoglu, jetzt zum päpstlichen Geburtstag in seiner Grußbotschaft schreibt: „Unsere Bevölkerung ist davon überzeugt, daß die moralischen und religiösen Werte das Fundament weltweiten Friedens sind. Aus diesem Grund wünsche ich, daß der verehrte Papst und in seiner Person die gesamte christliche Welt die Schaffung einer lebenswerten Welt von morgen bezeugen werden.“ Viel, sehr viel hat dieser Papst in sehr kurzer Zeit bewegt. Doch während die Massen ihm begeistert zujubeln, an seinen Lippen hängen, er längst in die Herzen aller eingezogen ist, werden ihm selbst in seiner Papstwohnung hoch über dem Petersplatz nur Bücher und Musik über die persönliche Einsamkeit hinwegtrösten. Papst Benedikt XVI. ist ein großer Musikkenner und -liebhaber und ein besonderer Verehrer von Mozart. „Mozart“, sagte er einmal, „ist so leuchtend und doch zugleich so tief, er rührt mich bis ins Innerste an.“ Stichwort: Festschrift für Papst Benedikt XVI. Anläßlich des 80. Geburtstages von Papst Benedikt XVI. erscheint eine ihm gewidmete Festschrift. Herausgeber ist die in Hamburg ansässige Gesellschaft zur Förderung öffentlicher Verantwortung e.V. unter dem Vorsitz von Rechtsanwalt Roger Zorb. Ehrenherausgeber ist der Papst-Bruder Georg Ratzinger. Zu den Autoren gehören unter anderem Otto von Habsburg, der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis, der Vier-Sterne-General a.D. Günter Kießling, die Jugendpsychotherapeutin und Bestsellerautorin Christa Meves, der Publizist Caspar von Schrenck-Notzing, die Patres Eberhard von Gemmingen SJ und Lothar Groppe SJ sowie Abt Gregor Ulrich Henckel Donnersmarck. Die Festschrift für das Oberhaupt der Katholischen Kirche (224 Seiten, Ganzleder in Fadenheftung, Goldprägung auf dem Umschlag) erscheint in der VRZ Verlag GmbH, Hamburg, und kostet 49,90 Euro. Foto: Papst Benedikt XVI., Oberhaupt der Katholischen Kirche: Leise Stimme, starke Botschaft

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