Schuld ist immer die Gesellschaft

Als Konservativer leidet man an der Gesellschaft. Überall finden sich Desorganisation, Kulturverfall, geringe oder völlig fehlende soziale Ordnung: Die evolutionären Errungenschaften der Zivilgesellschaft stehen auf dem Spiel. In dieser Attitüde und Haltung des Leidens ähnelt die konservative Betrachtungsweise der Gesellschaft dem Ausgangspunkt der Soziologie als eigenständiger Wissenschaft, wie sie im Übergang von der ständisch-feudalen zur bürgerlichen und industriellen Gesellschaft entstanden ist. Die Soziologie entstand als Krisenwissenschaft, die die Umwälzungen hin zur Industriegesellschaft in den Blick nahm, das Leiden dieser Zeit identifizierte und therapeutische Vorschläge machte. Sie war als Wissenschaft plötzlich gefragt, weil die überlieferten Ordnungen der alten „Societas“ in Frage gestellt, die Wertvorstellungen der hergebrachten Ordnung fragwürdig wurden. Die Gesellschaft wurde als „krank“ erachtet, und so verstanden sich auch viele Soziologen im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert als Ärzte, die nicht den Leib des Menschen, sondern seinen „Sozialkörper“ als Interventionsraum entdeckten. Am deutlichsten ist dieser Gedanke von Paul von Lilienfeld vertreten worden, der 1896 in seiner „La pathologie sociale“ die Auffassung vertrat, die Regierung habe die Funktion eines Arztes zu übernehmen, um die Erkrankung des Sozialkörpers zu therapieren. Selbst dort, wo ein solch krasser Organizismus abgelehnt wurde, blieb das Bild von der Soziologie als „therapeutischer Wissenschaft“ erhalten. Die Pioniere der Soziologie, von Saint-Simon zu Auguste Comte, über Emile Durkheim zu Franz Oppenheimer und Edward Alsworth Ross, waren von der Idee fasziniert, den gesellschaftlichen Leiden mit den rationalen Mitteln der jungen soziologischen Wissenschaft zu Leibe zu rücken. „Was hier also versucht werden soll“, schrieb Franz Müller-Lyer noch 1914 in seiner „Soziologie der Leiden“, „ist eine größere Medizin, die die gesamten Leiden und Übel, denen die menschliche Gesellschaft und das Individuum unterworfen sind, der wissenschaftlichen Bearbeitung unterziehen will.“ Zwei Veränderungen in der Gesellschaftsauffassung sind es, die das Leiden an der Gesellschaft bis zur heutigen Zeit zum Modethema machten: Zum einen entdeckte man mit der Heraufkunft der bürgerlichen Gesellschaft das Individuum als eigenes Kraftzentrum und als eigenen Empfindungsraum. War in vorbürgerlichen Gesellschaften das Individuum als Vertreter eines Standes lediglich Träger einer kollektiven Signatur und somit in seiner Individualität gesellschaftlich unerheblich, so wurde es im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft als „Bedürfniswesen“ mit eigener Dignität ausgestattet, es wurde, unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung, „selbstwertig“. Nur in dieser neu entstandenen Polarität von Individuum auf der einen und Gesellschaft auf der anderen Seite konnte die Metapher vom Leiden an der Gesellschaft greifen. Zum anderen wurde Gesellschaft als kollektiver Zusammenhang entdeckt, der durch die Interaktionen des Individuums nicht beeinflußbar war. Die Gesellschaft wird zum nicht-intendierten Resultat der Interaktionen aller, der gesellschaftliche Zusammenhang stellt sich gewissermaßen hinter dem Rücken der Akteure her. Die Gesellschaft entzieht sich jeder intentionalen Steuerung durch Verhalten, da als Resultat der vielen (auch gegenläufigen) Interaktionen die gesellschaftliche Entwicklung eine Richtung einnimmt, die von niemandem geplant oder intendiert werden kann. Aus dem „Wimmeln von Willkür“ (Adam Smith) auf der Interaktionsebene entsteht ein von niemandem geplantes Ganzes, das als anonyme Macht schicksalsträchtig den individuellen Karrieren seinen Stempel aufdrückt. Die Gesellschaft erweist sich als eine eigene Realitätssphäre, die, wenn auch durch individuelles Verhalten, biologische und psychologische Prozesse fundiert, ihre eigenen Gesetze hat. Gegenüber jedem politischen Idyllismus steht für eine konservative Gesellschaftsauffassung fest, daß alle Gesellschaftsformationen von Entfremdungserscheinungen geprägt sind, ja, daß sie sich über Entfremdung erst konstituieren. Das bürgerliche Subjekt leidet an dieser Gesellschaft, eben weil es diese nicht für seine Interessen, Bedürfnisse und Aspirationen dienstbar machen kann. Karl Marx nannte dieses Phänomen in seiner idealistisch geprägten Frühphase „Entfremdung“ und war naiv genug zu glauben, daß Entfremdung lediglich ein Merkmal einer historischen Gesellschaftsformation sei (des Kapitalismus) und durch den Kommunismus überwunden und aufgehoben werden könnte. Gegenüber diesem politischen Idyllismus steht für eine konservative Gesellschaftsauffassung fest, daß alle Gesellschaftsformationen von Entfremdungserscheinungen geprägt sind, ja, daß sie sich über Entfremdung erst konstituieren. So schreibt Arnold Gehlen in seinem letzten Werk „Moral und Hypermoral“: „Wenn man sagt, der Dienst an Institutionen sei die Entfremdung, so ist das ganz richtig, aber diese Entfremdung ist die Freiheit, nämlich die Distanz zu sich selbst.“ Subjektive Willkür soll aufgehen in Institutionen und innerhalb deren Spielregeln sich verwandelt entfalten: „Verengung der Möglichkeiten, aber gemeinsamer Halt und gemeinsame Abstützung, Entlastung zu beweglicher Freiheit, aber innerhalb begrenzter Gefüge“. Die Entfremdung, die „Entlastung durch die Verlagerung der Antriebsmomente in den Gegenstand“, ermöglicht so nach Gehlen erst Subjektivität. Erst in der Bearbeitung des in Institutionen verfestigten und entäußerten Produktes menschlicher Handlungen entsteht wahre Freiheit. Durch unmittelbare, unvermittelte Freiheit ohne Repression (ohne Regeln und Gesetze) wird nicht Humanität, sondern Aggressivität freigesetzt. Gehlen unterscheidet dabei scharf zwischen Institution und Organisation. Die Institutionen als „Mehr-Zweck-Institute“ „müssen nicht nur im nächsten, praktischen Sinne zweckmäßig und nützlich sein, sie müssen auch Anknüpfungspunkt und Verhaltens-Unterstützung höherer Interessen sein, ja den anspruchvollsten und edelsten Motivationen noch Daseinsrecht und Daseinschancen geben“. Dieses Mehrzweckhafte, diese Anknüpfungspunkte für höhere Motivationen verlieren Organisationen. Sie sind Gebilde in alleiniger funktionaler und instrumenteller Ausrichtung, sie sind Apparaturen eingeschränkter, arbeitsteiliger Leistungen und erzeugen „Schnittpunktexistenzen“ und „Funktionsträger“. Sie führen zu Superstrukturen, die keine Vermittlung von Subjekt und Objekt mehr zulassen, sie erlauben kein Andocken von subjektiven Motiven mehr, sie sind Objektivationen des Geistes ohne Rückbezug zur Motivationslage des Individuums. Erst unter den Bedingungen der industriellen Massengesellschaft tritt nach Gehlen Entfremdung im pathetischen Sinne ein. Den Menschen verbleibt als Verhaltensmuster unter der Vorherrschaft der Superstrukturen nur noch Mimesis und Anpassung. So wird Gesellschaft insgesamt als „ärgerliche Tatsache“ (Ralf Dahrendorf) erfahren, Melancholie wird zur Ausdrucksform der Subjektivität (Wolf Lepenies), da die subjektiven Ansprüche an den sozialen Realitäten wie an Betonmauern abprallen. In der Melancholie wird das Subjekt auf sich selbst zurückgeworfen, es beschäftigt sich allenthalben mit sich selbst und seiner Ohnmacht. Allein aus dem Gegensatz von Wunsch und Wirklichkeit in Melancholie und Weltschmerz das subjektive Leiden an den versteinerten Verhältnissen zu kultivieren, wäre infantil. Nach Ansicht des französischen Philosophen Pascal Bruckner bedeutet Erwachsensein idealerweise, bestimmte Opfer hinzunehmen, auf übertriebene Ansprüche zu verzichten, zu lernen, daß es besser ist, seine Wünsche als die Weltordnung zu besiegen. Zum Erwachsensein gehöre aber auch die Entdeckung, daß Hindernisse nicht Leugnung, sondern Bedingung der Freiheit sind und daß diese, wenn sie nicht auf Widerstand stößt, nur ein Phantom ist, eine eitle Laune – und daß Freiheit nur existieren kann, wenn alle sie genießen können. Es bedeute anzuerkennen, daß man sich selbst nie ganz gehört, daß man in gewisser Weise auch den anderen verpflichtet ist, die unseren Anspruch auf Hegemonie erschüttern. Infantiler Individualismus sei dementsprechend das Gegenteil dieser Einsicht, nämlich „die Utopie, auf das Verzichten verzichten zu können“. Moderne Individualität beruhe in weiten Teilen auf dieser infantilen Regression. Dieser Infantilismus paart sich nach Bruckner mit einer Viktimisierung, der Übernahme einer „Opferrolle“. Da die subjektiven Allmachtsphantasien real nur begrenzt ausgelebt werden können, das „Realitätsprinzip“ das „Lustprinzip“ konterkariert, flüchtet man sich in Konsumismus und Zerstreuung und wird so als Subjekt zum ideal sozialisierten Klienten einer extensiven Konsum- und Mediengesellschaft. Konsum und Zerstreuung sind Kompensationsgeschäfte des Individuums, das sich permanent durch die gesellschaftliche Ordnung verletzt fühlt. Auch in den Sphären des Konsums und der Zerstreuung bleibt man ein „selbsternannter Märtyrer“, dessen Gier, permanent versorgt zu werden, ohne selbst die kleinsten Pflichten übernehmen zu müssen, nur partiell befriedigt wird. Das moderne Individuum, so Bruckner, tritt dabei in der Doppelgestalt des „Dissidenten und Kleinkindes“ auf. Die Opferrolle ist eine besonders perfide Form der „Selbstinszenierung“, weil Opfer hofiert und versorgt werden müssen – von Nietzsche wurde dies als „Erhöhung der Verworfenen“ bezeichnet. Die Opferrolle garantiert mediale Aufmerksamkeit. Sind intime Gefühle zunächst gesellschaftlich uninteressant, so werden sie zu einem medialen Spektakel, wenn sie mit der Opfer- und Leidensrolle verknüpft werden, hier leidet jemand als Dissident, als Homosexueller, als Transvestit, als Süchtiger, als Angehöriger irgendeiner gesellschaftlichen Minderheit, die sich von der Mehrheit nicht anerkannt sieht. Wenn in den telegen zugerichteten Talkshows von der Gesellschaft die Rede ist, dann ist sie in der Talkrunde nicht gegenwärtig, sie ist irgendwo draußen. Die Talkenden übersehen, daß sie Teil der Gesellschaft sind, über die sie reden. Besondere Aufmerksamkeit ist jenen garantiert, die nicht an sich selbst, sondern für andere (mit)leiden. Denn dieses Leiden erscheint selbstlos ungeachtet der Tatsache, daß der Leidende sich damit trefflich ins Rampenlicht der empathischen Öffentlichkeit setzt. Bruckner nennt als Beispiel die „Drittweltlerei“, „die alle Leiden der jungen Nationen des Südens den alten Kolonialhauptstädten zuschreibt“. Die Schuldige für all das Leiden ist schnell gefunden: die Gesellschaft! Die leidenden Individuen reden von dieser wie von einem von ihnen abgespaltenem Objekt. Dabei zeichnet sich diese für alles verantwortliche Gesellschaft durch Omniabsenz, durch allgegenwärtige Abwesenheit aus. Die Gesellschaft ist überall und nirgends. Wenn in den telegen zugerichteten Talkrunden von der Gesellschaft die Rede ist, dann ist sie in der Talkrunde nicht gegenwärtig, sie ist irgendwo draußen, die Talkenden übersehen, daß sie Teil der Gesellschaft sind, über die sie reden. Sie übersehen, daß sie im Moment des Gesprächs Teil der gesellschaftlich inszenierten Massenkommunikation sind, sie sind die Gesellschaft im Vollzug. Gleichwohl bleibt die Gesellschaft anonym, sie hat in einer polykontexturalen Gesellschaft selbst keine Adresse. Man kann nicht mit der Gesellschaft, man kann nur in der Gesellschaft reden. So kann man auch keine Instanz oder Adresse verantwortlich machen, sie sind alle nur Opfer: Die Wirtschaft verweist in Erklärung der Misere auf die Prozesse der Globalisierung, die Politik verweist zur Erläuterung ihrer Sozialabbau-Politik auf wirtschaftliche Zwänge, die sozialen Sicherungssysteme verweisen auf die Vorgaben der Politik etc. etc., ein regressus ad infinitum. Niemand ist schuld, alle sind nur Opfer. In den alten hierarchisch strukturierten Adelsgesellschaften war das noch anders. Dort hatte die Gesellschaft noch eine Spitze, eine Repräsentationsinstanz, die als pars totalis als Teil des Ganzen das Ganze repräsentierte. Heute, in einer funktional differenzierten Gesellschaft, wo alle gesellschaftlichen Systeme nur Teilsysteme sind, ist die Gesellschaft als Ganzes nicht erreichbar. Sie bleibt anonym, transzendent und unerreichbar. Sie ist, wie Nietzsche schrieb, „der lange Schatten des toten Gottes“, wie Gott unfaßbar und doch an allem schuld, allgegenwärtig und nirgends zu fassen. Das macht das Leiden so ausweglos. Es gibt keine Instanz, die sich der Leidenden erbarmt und Heilung verspricht. Der tote Gott „Gesellschaft“ ist unbarmherziger als der christliche Gott. Eine schnelle Lösung für diese mit dem Leiden einhergehende allgemeine Apathie ist nicht in Sicht. Wahrscheinlich liegt die Lösung in einer Neuaufrichtung des Politischen, wie sie Hannah Arendt in ihrer „Vita activa“ gefordert hat. Für sie beginnt die Rückentwicklung, die Involution des Politischen in dem Moment, als der Mensch nicht mehr als um das Gemeinwohl besorgter Bürger, sondern als privater Interessenvertreter auf die politische Bühne trat. Das Leiden ist nichts anderes als privates Beleidigtsein, weil die eigenen Interessen nicht genügend berücksichtigt werden. Wir müssen Gesellschaft wieder verstärkt als „res publica“ verstehen und erkennen, daß Politik mehr ist als ein funktional ausdifferenziertes Teilsystem. Es gilt, wieder Verantwortungen für das Ganze zu installieren. Dies kann jedoch nur über den Nationalstaat und seine Institutionen geschehen. Erst wenn diese gestärkt und wieder als konkretes Gegenüber zum Bürger erfahrbar werden, können sich diffuse Schuldzuweisungen an „die Gesellschaft“ und ein nicht minder diffuses „Leiden“ an ihr erübrigen. Wenn die Gesellschaft auch niemals in politische Institutionen aufgehen kann und wird, können wir doch von der antiken Formel „Civitas sive societas civilis“ (Die Bürgergesellschaft sei eine politische Gemeinschaft) heute wieder viel lernen. Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt zum Thema „Taktlose Gesellschaft“ (JF 4/07).

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