„Mama, gib mir eine Chance!“

Es ist zehn Uhr morgens an einem ganz normalen Werktag. Eine junge Frau mit großer Handtasche steigt aus der Straßenbahn im Münchner Stadtteil Westend. Sie überquert zügig die Straße, blickt dabei ständig nervös nach hinten. In der Fäustlestraße, in die sie jetzt einbiegt, ist es ruhig, nur der Klang ihrer Stöckelschuhe hallt von den Häuserwänden. Sie fühlt sich offensichtlich beobachtet, verlegen sucht sie etwas in ihrer Tasche, schaut häufig auf die Uhr und läuft schneller. Und sie hat recht: Es stehen zwei Menschen auf der Straße – sie haben die junge Frau schon von weitem bemerkt. Einer von ihnen hält ein großes Bild von einem Embryo in den Händen. Darunter steht: „Ich will leben“. Sie lächeln und halten der etwa 25jährigen freundlich eine Broschüre hin. „Schwanger? Verzweifelt? Wir helfen Dir!“ steht darauf. Ein Berater sagt zu ihr: „Mama, gib mir eine Chance!“ Entschieden schaut die junge Frau weg und läuft dann mit gesenktem Kopf durch die Einfahrt in das Hinterhaus, in dem sich die wohl bekannteste Abtreibungsklinik Deutschlands, die Praxis von Friedrich Andreas Stapf, befindet. Gehsteigberatung, also das Beraten von Frauen auf der Straße direkt vor Abtreibungskliniken, ist in Deutschland noch wenig verbreitet. Die vom Diözesanpriester Monsignore Philip Reilly 1989 in den USA begonnene Beratungsmethode und die sogenannten „Gebetsvigilien für das Leben“ (Gebetsumzüge) werden nun seit über sieben Jahren auch in Deutschland praktiziert: Wolfgang Hering sieht es als seine Berufung und Lebensaufgabe, diese Arbeit in Deutschland aufzubauen. 1999 gründete der fünfzigjährige Bauingenieur und ehemalige Fußballtrainer den Verein, oder wie er ihn selbst nennt, das „geistliche Apostolat“, „Helfer für Gottes kostbare Kinder Deutschland“. Etwa ein halbes Jahr später, im Sommer 2000, eröffnete er das Lebenszentrum – nur wenige Häuser von der Stapf-Klinik entfernt. Es war natürlich kein Zufall, daß gerade hier neben dieser Praxis, in der nach Angaben des Abtreibungsarztes selbst täglich „zehn bis fünfzehn“ Kinder im Mutterleib getötet werden, ein Zentrum des Lebens gegründet werden sollte. „Es war sehr wichtig, die Arbeit hier anzufangen“, sagt Hering. Denn laut Hochrechnungen der Lebensschützer tötet der heute 61jährige Stapf, der selbst Vater von drei Kindern ist, in seinen Kliniken in München und Stuttgart jeweils um die 3.300 Kinder pro Jahr. Seit den gut 25 Jahren, in denen er als Abtreibungsarzt praktiziert, könnte das im schlimmsten Fall also 165.000 Menschenleben bedeuten. Stapf sagt, das sei übertrieben: „Mehr als 2.500 Abtreibungen im Jahr sind es auf keinen Fall.“ Er gibt zu, daß bislang insgesamt über 70.000 Abbrüche in seinen Kliniken durchgeführt worden sind, betont aber, daß er dort nicht alleine abtreibt. „Aber letztendlich spielen Zahlen doch keine Rolle. Der einzelne Fall, also ob die Frau sicher ist, das ist doch entscheidend“, betont Stapf gegenüber der JF. Die Ambulanz des Mediziners befindet sich im ersten Stock des Hinterhauses. Im Aufgang ist es dunkel, leer, und wenn das Wort „tot“ hier nicht sarkastisch klänge, wäre es das richtige. Aber nicht nur im Treppenhaus, auch hinter der Praxistür herrscht eine bedrückende Stille: Direkt gegenüber dem Eingang sitzt händehaltend ein junges Paar. Die Frau trocknet ihre Augen mit einem Taschentuch, der Mann nimmt sie schließlich in den Arm. Auf den Wunsch nach einer Abtreibung antwortet die Arzthelferin an der Rezeption lakonisch: „Bevor Sie keinen Beratungsschein haben, können wir Ihnen nicht weiterhelfen.“ Müde sucht sie einen Stapel Unterlagen zusammen und bittet diese gut durchzulesen. Hier wird unter anderem über die verschiedenen Abtreibungsmethoden aufgeklärt. „Wenn Sie noch ganz am Anfang sind, können Sie medikamentös abtreiben. Allerdings gibt es immer wieder Fälle, in denen das nicht klappt. Dann muß instrumentell nachgeholfen werden“, sagt die Arzthelferin. Beim Verabschieden entschuldigt sie sich für die draußen stehenden Leute: „Das sind Lebensschützer“, sagt sie mit Abscheu. „Sicherlich ist das eine Zumutung für unsere Patientinnen. Dennoch können wir nichts gegen sie tun. Wir versuchen unsere Patienten einfach im voraus zu warnen.“ Seit der Gründung des Lebenszentrums stehen Berater ununterbrochen während der Öffnungszeiten der Stapf-Klinik vor deren Eingang und sprechen die Patientinnen und ihre Begleiter an. „Wir sind immer zu zweit vor Ort“, sagt Hering. „Einer von uns betet, und der andere spricht die Frauen an. Alle zwei Stunden wird das Beraterpaar ausgewechselt.“ Hering betont die Wichtigkeit des Betens bei der Arbeit: „Ohne das Gebet wären wir machtlos. Denn man darf nicht vergessen, daß wir hier nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut kämpfen, sondern gegen ganz andere Kräfte.“ Gegenüber der JF betonte Abtreibungsarzt Stapf, daß er die Gehsteigberatung kontraproduktiv findet: Viele Frauen wollten gerade deshalb voreilig abtreiben, weil sie eine weitere Auseinandersetzung mit den Beratern nicht ertragen könnten. Aber offensichtlich empfindet Stapf die Anwesenheit der Berater auch als Provokation: Bereits mehrfach sei er mit seinem Auto so dicht an den Gehsteigberatern vorbeigefahren, daß sie ausweichen mußten. Trotzdem äußern die Lebensschützer kein negatives Wort über den Mediziner – im Gegenteil: „Wir beten regelmäßig für ihn“, sagt Hering. Diese Einstellung scheint Wirkung zu haben. Denn als Stapf im vergangenen Sommer versuchte, gerichtlich gegen das Zentrum vorzugehen, sah der Richter keinen Grund, die friedliche Gehsteigberatung zu verbieten. Obwohl die Wurzeln des Lebensschutzes im Katholizismus liegen und das Lebenszentrum eher katholisch geprägt ist, arbeiten dort auch einige Protestanten. „Uns ist jeder willkommen, der die Anliegen Ungeborener und ihrer Mütter teilt“, sagt Hering. Auch der Erzbischof von München, Friedrich Kardinal Wetter, bekennt sich zu der Arbeit des Zentrums. Doch bislang bekommt die durch Spenden finanzierte Organisation keine finanzielle Unterstützung von der katholischen Kirche. Alle Gehsteigberater engagieren sich ehrenamtlich für das Zentrum – nur Hering selbst als Vorsitzender bekommt seit kurzem ein geringes Gehalt für seine Vollzeitarbeit: 500 Euro und kostenloses Wohnen. Zuvor arbeitete er ohne festes Einkommen. „Wer bei uns Berater werden will, wird erst nach Wien zum größten Lebenszentrum in Europa geschickt. Dort erhält er eine einwöchige Ausbildung“, erzählt Hering. „Momentan haben wir sieben Berater in München, die sich ständig abwechseln. Manche kommen einmal die Woche für ein paar Stunden, andere öfter.“ Vor kurzer Zeit hatte das Lebenszentrum noch sechzehn Berater. Nun haben viele der jungen Menschen geheiratet und selbst Kinder bekommen. Im Lebenszentrum, das aus einem Büro, einem Beratungsraum mit Liege, einer Hauskapelle, einer Küche und einem Bad besteht, sieht es tatsächlich nach Leben aus – und nach viel Arbeit. In den Regalen stapeln sich Ordner, Papiere und Bücher. In Kartons werden Babykleidung und Kinderspielzeug gelagert, alles aus Spenden. Diese werden dann an bedürftige Mütter weitergegeben. Denn zu den wichtigsten Aufgaben des Zentrums gehört neben der Straßenarbeit die Betreuung der Frauen, die sich entscheiden, ihr Kind nicht abzutreiben. „Bislang konnten wir dreihundert Kinder retten“ Zusätzlich bietet die Organisation gegebenenfalls Unterkunft, finanzielle Hilfe, Unterstützung bei Behörden und Gesprächen mit der Familie an. Das Zentrum klärt Jugendliche auf, informiert über Adoption und Pflegefamilien oder hilft Frauen bei ihrer Zukunftsplanung. „Aber für mich persönlich ist die Begleitung von Frauen, die bereits abgetrieben haben, die schönste Arbeit“, sagt Hering. „Wir verurteilen diese Frauen nicht. Trotzdem betonen wir, daß eine Abtreibung immer falsch ist. Auf ihrem Fehler muß nicht rumgeritten werden, aber es muß gründlich gereinigt werden.“ Erst wenn der Frau bewußt wird, daß sie ihr Kind tatsächlich getötet hat, könne ein Heilungsprozeß einsetzen, sagt Hering und betont, daß Gott auch diesen Frauen vergibt. Um zehn Uhr stehen zwei Frauen vor dem Lebenszentrum und warten, bis Wolfgang Hering sie hereinläßt. Eine weitere Frau sitzt bereits im Hinterzimmer. Sie weint: „Ich kann einfach nicht mehr.“ Ihre Miete ist gerade erhöht worden. Ihr reiche das Geld nicht mehr, erzählt Hering, nachdem sie gegangen ist. Eine der gerade gekommenen Frauen hat ihre Tochter dabei. Die sechsjährige Julia wäre auch abgetrieben worden, wenn es das Lebenszentrum nicht gegeben hätte, erzählt ihre Mutter auf englisch und fängt an zu weinen. „Aber die Menschen hier haben mir geholfen, das nicht zu tun“, sagt die Liberianerin, die vor 15 Jahren aus ihrer Heimat flüchtete und in Deutschland um Asyl ersuchte. Hering fragt, was er für die Frau tun kann. Sie erzählt, daß sie kein Geld mehr für Essen hat, und bittet um Hilfe. Julia interessiert sich für das Gespräch der Erwachsenen nicht: Unbeschwert spielt sie auf dem Boden mit zwei kleinen Babymodellen aus Plastik, die bei Beratungsgesprächen zeigen sollen, wie groß ein Kind in der zehnten Schwangerschaftswoche ist. „Viele Frauen, die zu uns kommen, brauchen Geld. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, was wahr ist und was nicht“, sagt Hering. „Denn wenn es um Geld geht, wird natürlich auch gelogen. Deshalb müssen wir die Frauen gut kennen.“ Herings Augen leuchten, als er über „seine“ Kinder spricht. Damit meint er nicht nur die geretteten Babys, sondern auch die jungen Mütter. Für sie ist der fast zwei Meter große Mann offensichtlich eine Respektsperson und liebevolle Autorität – wie eine klassische Vaterfigur eben. „Bislang konnten wir nachweislich dreihundert Kinder retten“, sagt Hering. Die Dunkelziffer liegt schätzungsweise weit höher, denn nicht jede Frau meldet sich nach einer Gehsteigberatung im Lebenszentrum. „Jedes geborene Kind ist für uns ein lebendiges Zeugnis für den Erfolg unserer Arbeit“, sagt Hering. Eines der jüngsten „Zeugnisse“ wird in diesem Moment in einem Kinderwagen durch die Tür geschoben. Hering lacht und sagt der Mutter, sie komme wie bestellt. Dann schließt er die 22jährige Sarah herzlich in seine Armen. „Laß mich mal deine Kleine anschauen“, sagt Hering und nimmt die einmonatige Anna aus dem Kinderwagen. „Ich finde, deine Tochter hat die schönste Nase der Welt.“ Die junge Mutter strahlt vor Stolz. „Anna ist mein drittes Kind. Mein erstes bekam ich mit siebzehn“, erzählt Sarah. Nach der Trennung von ihrem gewalttätigen Ex-Mann blieben die Kinder bei ihm. „Als ich merkte, daß ich mit Anna schwanger war, wollte ich sie abtreiben. Ich wußte einfach nicht, wie ich es sonst schaffen sollte. Ich dachte sogar an Selbstmord.“ Dann habe sie Wolfgang Hering und Ursula Metsch vom Lebenszentrum kennengelernt – sie versprachen, ihr zu helfen. Momentan wohnt Sarah in der Notwohnung der Einrichtung. „Jetzt könnte ich nicht mehr ohne Anna. Sie gibt mir Kraft“, sagt sie sichtlich berührt. Zum Lebenszentrum ist Sarah heute gekommen, weil sie Hilfe beim Umgang mit einem Amt benötigt und ein wenig Geld für Windeln braucht. Mit der kleinen Anna auf dem Arm witzelt Hering: „Papa, Papa, gib mir das, gib mir dies – so komme ich mir manchmal vor.“ Dann holt er ein paar Geldscheine aus seiner Tasche und reicht sie Sarah. Sie muß ein wenig lachen und bedankt sich für das Geld. „Wir sind unglaublich stolz auf dich!“ Nach einem arbeitsreichen Tag besucht Wolfgang Hering am Abend noch eine junge Mutter in Hilgertshausen, etwa vierzig Kilometer von München entfernt. Als Stefanie Dietzler mit sechzehn „nach ihrem ersten Mal“ schwanger wurde, bekam sie Zwillinge. Nun ist die Mutter der beiden einjährigen Söhne Kai und Robert gerade volljährig geworden. Der Vater der Kinder hat die Vaterschaft zwar nach Aufforderung des Jugendamtes anerkannt, kümmert sich aber nicht um seine Söhne. Somit ist die junge Frau, selbst noch fast Kind, auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen. Abtreibung war in Stefanies Elternhaus nie ein Thema – unter diesen Umständen keine Selbstverständlichkeit: „Der Glaube an Gott und der Familienzusammenhalt ist das allerwichtigste im Leben“, sagt Stefanies Vater Robert Dietzler. „Wir würden immer wieder zu unseren Kinder und Enkelkindern stehen.“ Die Entschiedenheit des Vaters, seine Tochter zu unterstützen, verwundert um so mehr, als er von der finanziellen Notlage der Familie erzählt: Wegen seiner unheilbaren Krankheit ist er seit kurzem arbeitsunfähig und bezieht lediglich eine kleine Rente, die nun für sechs Personen reichen muß. Die frischgebackene Großmutter Christine Dietzler gibt zu, daß die ersten Monate nach der Geburt eine sehr schwere Zeit waren – eine Probe für die ganze Familie, die sich gemeinsam um die Zwillinge gekümmert hat. Jetzt, seit die Jungen größer sind, sei es ein wenig leichter geworden, und so könne Stefanie nach einjähriger Pause ihren Hauptschulabschluß nachholen. Aber nicht nur ein heiles Zuhause hat Stefanie in ihrer Entscheidung beeinflußt, die Kinder auszutragen: Ein Jahr bevor sie schwanger wurde, besuchte sie mit einer Jugendgruppe das Lebenszentrum in München. Dort wurde sie von Wolfgang Hering über Abtreibung aufgeklärt. „Als ich dann schwanger wurde, dachte ich nicht an Abtreibung. Ich wußte, daß man damit die Kinder umbringt. Und das wollte ich natürlich nicht“, sagt Stefanie. Zum Abschied umarmt Hering die junge Mutter und sagt: „Wir in München sind unglaublich stolz auf dich! Du bist ein Vorbild für viele Frauen.“ Fotos: Stefanie Dietzler mit ihren einjährigen Söhnen Kai und Robert: Als sie mit 16 schwanger wurde, dachte sie nicht an Abtreibung, Wolfgang Hering mit Anna: Eine Vaterfigur, Gehsteigberatung: Ehrenamtlicher Einsatz Lebenszentrum, Westendstr. 78, 80339 München, Tel: 089 / 599 98 51, www.kostbare-kinder.de , Spendenkonto: 232 32 30, Liga Bank BLZ: 750 903 00

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