Das Werden denken

Auf illusionslose Art resümierte Goethe ein modernes Unbehagen, das sich erst seit den ideologischen Auseinandersetzungen mit der Französischen Revolution ergab. Wer nicht Partei ergriff, machte sich verdächtig und erst recht, wer sich zum falschen Zeitpunkt der falschen Partei anschloß. Goethe wollte unparteiisch bleiben. So machte er wie jeder andere Bürger Erfahrungen, die er gar nicht machen wollte. Der Mensch vermag nur selten in großer Unabhängigkeit zu handeln. Goethe mißtraute der Geschichte, weil man aus ihr nichts lernen könne. In diesem Sinne rief er über den Ozean: „Amerika, du hast es besser“, besser als das alte Europa, weil ohne verfallende Schlösser, also ohne Geschichte und nicht gestört von unbrauchbaren Erinnerungen. Die Zeit gebe jedoch allen menschlichen Dingen unentwegt eine andere Gestalt, so daß eine Einrichtung, die um 1800 eine Vollkommenheit war, schon im Jahre 1850 vielleicht ein Gebrechen sein wird. Insofern ist Geschichte nichts für Konservative oder solche, die als Konservative verstanden werden wollen. Denn sie verweigern sich dem ununterbrochenen Werden in der Absicht, die Zeit aufzuhalten. Sie möchten leben aus dem, was immer gilt, also außerhalb der Geschichte und jenseits der Wirklichkeit, denn es gibt nichts in dieser Welt, das ewigen Bestand hätte. Diese Formel enthält zugleich eine Empfehlung, im Wandel der Zeiten nicht zu verharren, sich vielmehr selbst wieder und wieder zu wandeln. Den Journalisten, Historiker und Verleger Andreas Krause Landt irritieren Bemühungen, an veralteten Geschichtsbildern aus ideologischem Eigensinn festzuhalten. Die unvermeidlichen Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Gestalten und immer ferner rückenden Vergangenheiten bei ihrer jeweiligen Vergegenwärtigung und die besonderen deutschen Schwierigkeiten bei solchen Bemühungen behandelt er immer wieder in seinen Beiträgen. Mit seinem Buch zur Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte bei Scapa Flow gab er ein elegantes Beispiel der Vergegenwärtigung vergangenen Lebens. Der kulturelle Journalist Andreas Krause Landt entzieht sich, soweit Philologe und Historiker und soweit Weltmann, der modischen Reduktion von Geschichte auf Gedächtnis und Erinnerung, beliebigen und willkürlichen Phänomenen, abhängig von den sich überschlagenden Bedürfnissen des Amüsierimpressionismus in der Erlebnisgesellschaft. Er verlangt weiterhin nach Ordnung und Theorie, nach systematisierter Anschauung des wegen seiner Fülle Unanschaulichen und Unübersichtlichen. Der Historiker, wie ihn Andreas Krause Landt versteht, gleicht deshalb dem Perspektivmaler, der den Einzelheiten ihre Bedeutung zuweist und sie untereinander in ein Verhältnis bringt. Die wechselnden Weltbilder können die wechselnden Zeiten davor bewahren, sich zu verewigen, ihr Zeitliches als Vollendung der Geschichte und deren Ende zu überheiligen oder unvermeidbare Umbrüche zum Untergang des Abendlandes zu stilisieren. Sämtliche Geschichtsbilder haben deshalb unvermeidlich nur eine vorübergehende Wirkungsmacht, solange sie mit den Rechtfertigungsinteressen von Klassen, Religionen, Ideologien oder Staaten übereinstimmen. Ein Geschichtsbild, das keine mächtige soziale Gruppe hinter sich weiß, bleibt ohnmächtig, selbst wenn es einmal das vorherrschende war. Das nationalliberale Bild der deutschen Geschichte, wie es die preußischen Historiker im 19. Jahrhundert entwarfen, war einmal das bürgerliche Geschichtsbild. Die lange Zeit populäre Theorie vom „deutschen Sonderweg“ der „verspäteten Nation“ verblaßt gerade und tritt in den Hintergrund. Die Geschichtsbilder, die diesen Mythen Überzeugungskraft vermitteln sollten, nannten Geoff Eley und David Blackbourn „Mythen deutscher Geschichtsschreibung“. Sie leiteten damit 1980 die Entmythisierung der Bundesrepublik ein. Panajotis Kondylis, auf den sich Andreas Krause Landt in seinen Auseinandersetzungen mit der Ideologie des „Sonderwegs“ gerne beruft, ergänzte alsbald deren Überlegungen mit geistreicher Polemik gegen den deutschen Mythos vom Westen. Sozialistische Historiker, ob aus der DDR oder aus Westeuropa, hatten nie die These vom Sonderweg geteilt. Während Westdeutsche die Weimarer Klassiker wegen undeutlichen westlichen Wertebewußtseins für politisch unzuverlässig hielten, wurden sie in der DDR als die fortschrittlichsten Kräfte der europäischen Bourgeoisie gewürdigt. Das Bündnis mit den Vereinigten Staaten war Westdeutschen noch wichtiger als Europa. Denn westdeutsche Europa-Enthusiasten besaßen überhaupt keinen geistigen Begriff von Europa. Eine derartige Entwicklung war für Margret Boveri 1946 noch unvorstellbar, als sie mit ihrer „Amerikafibel für Erwachsene“ den Deutschen helfen wollte bei ihren Schwierigkeiten im Umgang mit den ungewöhnlichen Gästen. Andreas Krause Landt hat dieses in Vergessenheit geratene Buch jetzt wieder aufgelegt. Für Margret Boveri sind die Amerikaner der Vereinigten Staaten ein Volk ohne Geschichte, das sich bewußt gegen die historischen Völker wendet, weshalb es keine Philosophie, kein historisches Denken braucht. Ein alles durchdringender Konformismus ersticke endlich die Freiheit und beschleunige die deshumanisierende Entfremdung in der den liberalen Rechtsstaat aufweichenden demokratischen Massengesellschaft. Panajotis Kondylis, den Andreas Krause Landt aufmerksam gelesen hat, wagte die gar nicht so wagemutige Prognose, daß im 21. Jahrhundert der Liberalismus zurückgebaut werde, wie man heute die Vernichtung freundlich umschreibt. Boveri kam deshalb nicht auf den Gedanken, die Nation, eine ziemlich neue und vorübergehende Gestalt in der europäischen Geschichte, zu überschätzen. Bei allem Respekt vor dem Grafen Stauffenberg verteidigte Margret Boveri nie ein heiliges oder geheimes Deutschland. Deutschland ist kein ästhetisches Phänomen, es ist kein heilsgeschichtliches, es ist Teil der wirklichen und nicht der möglichen Welt, der Alten Welt. Diese verstand sich immer als Welt der Freiheit und Befreiung in wechselnder Gestalt. Wenn die JUNGE FREIHEIT Andreas Krause Landt ihren Preis verleiht, zeigt sie eine Bereitschaft, sich auf das Wagnis der Freiheit einzulassen, ohne die Freiheit allerdings ein leeres Wort wäre. Fotos: Musikalische Begleitung: Krtzschina-Quartett aus Berlin; Gäste: Karl Feldmeyer, A. von Stahl, Bernd Rabehl, Henry Nitzsche; Laudator Eberhard Straub

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