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Teamgeist für Deutschland

Manche Leute halten Fußball für eine Frage von Leben und Tod, doch ich versichere Ihnen, daß es um viel, viel mehr geht“, wird der frühere Manager des FC Liverpool Bill Shankly gerne zitiert. In der Tat: Fußball ist nicht einfach ein Spiel, sondern „Spiegelbild der Gesellschaft“ (Ralf Rangnick). Deutschland findet derzeit vor allem auf dem Platz statt. Beim Mitfiebern mit der Nationalmannschaft nehmen die Deutschen erleichtert Urlaub vom Politikbetrieb und genießen die ungewohnten Freuden von Wir-Gefühl, Optimismus und Anerkennung der anderen. Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat offenbar etwas fertiggebracht, wovon Politiker immer nur reden: eine Reform durchziehen, Aufbruchsstimmung entfachen und dabei alle mitnehmen, sogar seine schärfsten Kritiker. Und das in einer notorisch veränderungsunwilligen Dinosaurier-Organisation wie dem Deutschen Fußball-Bund, dessen sklerotische Strukturen und eitle Funktionärskaste dem etablierten Parteiensystem durchaus ebenbürtig sind. Auch wenn wir noch nicht wissen, ob’s tatsächlich für den Titel reicht – ein paar Reform-Lektionen lassen sich jetzt schon lernen. Zum Beispiel, daß man auch ohne „Bild, BamS und Glotze“ etwas bewegen kann. Wer weiß, was er will und was er tut, muß nicht jeden Morgen ängstlich darauf schielen, ob der Boulevard ihm gnädig gesonnen ist, und nach jeder negativen Meinungsumfrage gleich sein Programm über den Haufen werfen. Wenn er überhaupt eins hat. Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken analysieren, ein Ziel formulieren und die notwendigen Mittel und Maßnahmen festlegen – das unterscheidet die Methode Klinsmann von Bundeskanzlern und -kanzlerinnen. Um einen verkrusteten Betrieb wieder in Schwung zu bringen – das wäre die zweite Lektion -, braucht man neue Leute und frische Ideen. Das funktioniert freilich nur, wenn man die Lotsen, die man an Bord geholt hat, nicht beim ersten Nebel gleich wieder vom Schiff jagt – so wie Angela Merkel den „Professor aus Heidelberg“, Paul Kirchhof. Wer zu seinen Mitstreitern nicht steht, für den tut bald keiner mehr was. Nur wer selbst konsequent und geradlinig seinen Kurs hält, kann auch von anderen Höchstleistungen verlangen. Lektion Nummer drei: Leistung lohnt sich. Wer Erfolg haben will, muß sich schinden. Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, muß die Mannschaft topfit sein. Das erreicht man nicht mit Arbeitszeitverkürzung und ausgewogener Mangelverwaltung, sondern mit Motivation und zusätzlichen Trainingseinheiten. Vierte Lektion: Man kann andere begeistern und zu Höchstleistungen anspornen, wenn man ihnen etwas zutraut. Fürsorgliche Führung bedeutet nicht, seine Leute in Watte zu packen und vor allen Widrigkeiten zu behüten, damit nur ja keiner über das allgemeine Mittelmaß hinausragt und den anderen Anlaß zu Groll und Mißgunst bietet. Führung heißt, jedem die Chance zu geben, zu zeigen, was in ihm steckt, und auch mal neue Leute ranzulassen. Das freilich mit allen Konsequenzen – wer sich nicht bewährt, muß zurücktreten ins Glied. Wie aber motiviert man eine Mannschaft, um sie zur schlagkräftigen Truppe zusammenzuschweißen? Materielle Anreize und der Appell an das individuelle Vorteilsstreben reichen nicht aus. Ein überindividuelles Moment muß hinzutreten. In der Klinsmann-Philosophie ist es der „Teamgeist“: Sich als Teil eines Ganzen, einer Schicksalsgemeinschaft verstehen, für die anderen sein Bestes geben und Bestätigung im gemeinsamen Erfolg finden. Was der Teamgeist für die Fußballmannschaft, ist der Patriotismus für die Nation. Die vielleicht wichtigste Lektion aus den Folgen der Klinsmann-Reformen lautet: Nationalstolz ist nicht böse und von gestern, Nationalstolz integriert und macht wettbewerbsfähig. Solche Gefühle kann man freilich nicht verordnen. Daß Berti Vogts und Rudi Völler ihre Kicker seinerzeit dazu verdonnert haben, bei der Nationalhymne gefälligst mitzusingen oder wenigstens so zu tun, hat nichts daran geändert, daß für die hochbezahlten Profis die Auftritte in der Nationalmannschaft im großen und ganzen lästige Pflichtübungen waren, die sie vor allem beim Geldverdienen in ihren jeweiligen Klubs störten. Wenn heute Lukas Podolski zum Selbstansporn seine Fußballschuhe mit dem Brandenburger Tor, der Losung „Einheit“ und dem Text der Nationalhymne besticken läßt, ist das ein Indiz, daß auch in dieser Beziehung ein anderer Wind in der deutschen Nationalelf weht. Stolz auf ein „Wir“, das über die Interessen des Individuums hinausgeht, stärkt nicht nur den Zusammenhalt in der eigenen Truppe, er schlägt auch die Brükke zur Gemeinschaft, zum Volk. Klinsmann hat, zum Unverständnis vieler Kritiker, die Unterstützung der Deutschen für ihre Mannschaft und die Begeisterung, die er durch Motivation und Einsatzbereitschaft entfachen wollte, von Anfang an als feste Größe einkalkuliert. Damit hat die Klinsmann-Philosophie offensichtlich eine Saite angeschlagen, die schon lange zum Klingen gebracht werden wollte. Das Resultat hat das Gesicht des Landes verändert. Die Deutschen haben sich ihre Nationalsymbole zurückerobert, mit denen ihre Politiker so wenig anzufangen wissen. Fahne und Hymne gehören auf einmal dem Volk, sie sind Ausdruck des Zusammengehörens, des „Wir“-Gefühls. Natürlich schwingt im gegenwärtigen schwarzrotgoldenen Fahnenmeer auch konsumistische Party-Mitmach-Laune mit. Und natürlich werden die meisten schwarzrotgoldenen Flaggen spätestens nach dem 9. Juli wieder weggepackt werden. Die Hoffnung mancher Linker und Liberaler, das wäre es dann auch schon gewesen, dürfte dennoch nicht in Erfüllung gehen. Etwas von den Bildern der letzten Wochen wird bleiben: Das Erlebnis etwa, von Menschen aus anderen Völkern nicht mißtrauisch beäugt zu werden, wenn man sich als Deutscher mit den eigenen Nationalsymbolen schmückt, sondern im Gegenteil dafür erst recht respektiert und als normal akzeptiert zu werden. Die Erfahrung auch, daß es für Einwanderer, die ihrem Gastland bislang distanziert gegenüberstehen, viel attraktiver ist, den Nationalstolz der Deutschen zu teilen und Deutschland mitzufeiern, als Einbürgerungskurse und multikulturelle Belehrungen über sich ergehen zu lassen. Der Mensch braucht Identifikationssymbole, auf die er stolz sein kann und in denen er sich mit der Gemeinschaft feiern kann – die Deutschen bilden da keine Ausnahme. Im Gegensatz zur Politik ist diese Erkenntnis beim Fußball schon weit gediehen – aber da geht es ja auch um viel, viel mehr…

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