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Mogelpackung der „Europäisierung“

Die Ausstellung „Erzwungene Wege“ dürfe kein Zentrum gegen Vertreibungen präjudizieren, und vor allem dürfe mit der Vertreibung nicht der Holocaust „relativiert“ werden, mahnte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Unbewußt gab er den echten Grund dafür preis, weshalb bis heute kein Museum oder Zentrum existiert, das dieses Jahrhundertverbrechen dokumentiert und seine Opfer würdigt. Die westliche Welt (zu der heute auch die Staaten Ostmitteleuropas zählen) hat sich auf eine „Große Erzählung“ über die Geschichte des 20. Jahrhunderts geeinigt, die zu einer politisch-historischen Metaphysik geworden ist. Elemente davon gehören auch zum ideologischen Überbau des modernen Rußland. Die deutschen Politiker beugen sich dieser Erzählung. Sie hat zwei Bestandteile: den Holocaust in seiner Unvergleichlichkeit (der Zweite Weltkrieg als seine faktische Voraussetzung ist darin engeschlossen), der allen anderen geschichtlichen Ereignissen ihre sekundäre Bedeutung zuteilt. „Unvergleichlich“ heißt: aus der Geschichte herausfallend, weil mit herkömmlichen Maßstäben nicht erfaß- und beschreibbar. Der zweite, komplementäre Bestandteil sind die Deutschen als die Verursacher und damit als Verkörperung eines gleichfalls die Regeln der menschlichen Welt sprengenden „radikal Bösen“. Damit fallen auch sie aus der Geschichte heraus und haben das Recht verwirkt, die eigene Leidensgeschichte autonom zu erzählen. Nur zwei Auswege sind denkbar Denn das Leid, das ihnen widerfahren sein mag, haben sie als logische, verständliche und überdies kommode Reaktion auf die eigene, negative Unvergleichbarkeit hinzunehmen. Die Erklärung des britischen Premiers Tony Blair zum Zentrum gegen Vertreibungen, die Deutschen hätten zu bedenken, wer den Zweiten Weltkrieg begonnen habe, ist ein Beleg, daß nicht nur die sogenannten „Vertreiberstaaten“ auf die Einhaltung dieses Grundsatzes wachen! In bezug auf den Bombenkrieg und die deutsche Teilung war dieses Schema propagandistisch leicht durchzusetzen: Ohne Coventry kein Dresden, ohne die Mauer um das Warschauer Getto keine Mauer in Berlin! Die Vertreibung erweist sich als sperriger. Eine ergebnisoffene Forschung hätte von einer hochkomplexen Situation auszugehen, in der die Deutschen oft genug Getriebene und Objekte waren. Es gab im 19. Jahrhundert panslawistische Projekte, die eine Grenzlinie von Stettin nach Triest zum Ziel hatten und die Marx, Engels, Bismarck und Fontane gleichermaßen den Schweiß auf die Stirn trieben. Der Vertrag von Versailles, die Drangsalierung der deutschen Minderheiten, die daraus folgenden politischen Spannungen, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg einmündeten, waren zu frisch in Erinnerung und zu gründlich dokumentiert, um glaubhaft einen kausalen Nexus zwischen Holocaust und Vertreibung herzustellen. Eventuell würde man zu der Überlegung kommen, daß selbst das nationalsozialistische Deutschland zwar falsch, grausam und zerstörerisch agierte, aber doch in Interaktion innerhalb eines historischen Kontextes und deshalb nicht „radikal böse“. Diese Feststellung würde das Dritte Reich nicht rehabilitieren, aber historisieren und damit die Nachkriegs-Metaphysik an einem zentralen Punkt treffen. Weil das aus politischen Gründen nicht sein darf, kann es auch keine Freiheit der Forschung und Museumsdidaktik geben, das hat Wolfgang Thierse ganz richtig erkannt, und deshalb ist die als Wundermittel angepriesene „Europäisierung“ des Themas eine Mogelpakkung. Denn es soll ja kein harter, aber fairer Austausch von Informationen, Argumenten, Deutungen und Perspektiven stattfinden, sondern eine Bestätigung des in der „Großen Erzählung“ niedergelegten Verursacherprinzips. Alle Hoffnungen, bessere Informationen, emotionale Abrüstung oder ein klarer Wahlsieg der Union würde zu einer Befreiung aus dieser Zwanglage führen, sind daher töricht. Nur zwei Auswege sind denkbar: Erstens, daß die Nachkriegs-Metaphysik in der Praxis soviel Unstimmigkeiten und politische Turbulenzen verursacht, daß die westlichen Staaten, um Handlungsfreiheit zu gewinnen, sich allmählich von ihr verabschieden. Oder es treten neue „Große Erzählungen“ konkurrierend neben sie und beenden ihren Exklusivstellung. Möglich wären Erzählungen vom Kolonialismus, von der Sklaverei oder eine islamische Weltinterpretation. Das sind freilich hochbrisante Kombinationen. Vielleicht gelingt es der BdV-Präsidentin Erika Steinbach doch noch, die deutsche Politik auf einen dritten, direkten Weg zu bringen – auf den Weg der Wahrheit und Vernunft? Stichwort: Zentrum gegen Vertreibung (ZgV) Das ZgV wurde im Jahr 2000 von der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach und dem verstorbenen SPD-Vordenker Peter Glotz gegründet. Ziel der gemeinnützigen Institution ist, „die Tragödie der deutschen Heimatvertriebenen wie auch die zahlreichen anderen Vertreibungen und Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts“ aufzuarbeiten – im Dialog mit den Nachbarländern und im Geiste der Versöhnung. Am Ende der Aufarbeitung soll die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin stehen, einer Dauerausstellung mit Archiv und Begegnungsstätte.

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