Riesenwirbel um ein Windhuhn

Das späte Bekenntnis des Schriftstellers Günter Grass (78), Angehöriger der Waffen-SS gewesen zu sein, hat förmlich eine Flutwelle von Reaktionen ausgelöst. Täglich kommen – von den Medien abgefragt – neue Stellungnahmen hinzu, und es ist gar nicht leicht, den Überblick zu behalten. Der Historiker und Autor Joachim C. Fest, der in diesem Herbst selbst seine Jugenderinnerungen an die NS-Zeit veröffentlicht, findet Grass‘ Verhalten unerklärlich: „Ich verstehe nicht, wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Frage – und dann erst bekennt, daß er selbst tief verstrickt war“, sagte er der Bild-Zeitung. Auf die Frage, ob Grass noch eine moralische Instanz sei, antwortete der 79jährige Fest entschieden: „Nein. Er ist schwer beschädigt. (…) „Ich würde nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen von diesem Mann kaufen.“ Vom „Ende einer moralischen Instanz“ sprach auch der Grass-Biograph Michael Jürgs . Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn (59) meinte: „Durch sein beharrliches Schweigen wird Grass‘ moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet.“ Deutliche Worte fand der Literaturkritiker Hellmuth Karasek. Zwar habe Grass den Nobelpreis „wie kein anderer deutscher Schriftsteller verdient“, sagte Karasek am Montag im Bayerischen Rundfunk, fügte aber hinzu: „Aber ich denke, er hat ihn sich er-schlichen. Denn ich glaube nicht, daß er ihn bekommen hätte, wenn das bekannt gewesen wäre.“ Der heute 72jährige Karasek war, woraus er nie ein Hehl gemacht hat, im Dritten Reich Schüler einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola). 2004 hatte er unter dem Titel „Auf der Flucht“ seine Jugenderinnerungen vorleget. Karasek betonte, im Prinzip wäre Grass‘ Zugehörigkeit zur Waffen-SS als 17jähriger nichts Besonderes. Es sei aber „ziemlich schlimm“, daß sich Grass dann als „einer der rigorosesten und unbarmherzigsten Moralapostel der Bewältigung der Vergangenheit aufgespielt“ habe. Karasek verwies dabei auf die Kritik von Grass 1985 am Besuch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, wo auch Angehörige der Waffen-SS liegen. Unterdessen haben eine Reihe von Intellektuellen Grass in Schutz genommen. Sein fast gleichaltriger Schriftstellerkollege Martin Walser (79) sagte der Stuttgarter Zeitung: „Der Mündigste aller Zeitgenossen kann sechzig Jahre lang nicht mitteilen, daß er ohne eigenes Zutun in die Waffen-SS geraten ist“. Dies werfe ein „vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch“, so Walser. Grass habe „durch die souveräne Plazierung seiner Mitteilung diesem aufpasserischen Moral-Klima eine Lektion erteilt“. Der Autor Walter Kempowski (77) äußerte sich gegenüber dem Berliner Tagesspiegel: „Ein bißchen spät kommt das“, aber auch für Grass gelte das Bibel-Wort: „Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Ebenfalls im Tagesspiegel erklärte der Berliner Historiker Arnulf Baring (74): „Die Selbstüberwindung von Grass verdient großen Respekt. Aber man fragt sich doch beklommen, warum er sich nicht früher zur Wahrheit aufgerafft hat.“ Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski (61) sagte im Deutschlandradio Kultur, für sein Bekenntnis müsse man Grass Respekt zollen. Zugleich forderte Safranski, zwischen Grass‘ schriftstellerischem Werk und seiner Rolle als „politischer Propagandist und Moralist“ zu unterscheiden. Eine Aberkennung des Nobelpreis braucht Grass indes nicht zu fürchten. Die schwedische Nobelstiftung schloß eine Aberkennung des ihm 1999 verliehenen Literatur-Nobelpreises aus. In der Stockholmer Zeitung Dagens Nyheter sagte der Direktor der Stiftung, Michael Sohlman, unter Hinweis auf die Nobel-Statuten: „Die Vergabe ist endgültig. Es ist auch noch nie vorgekommen, daß ein Preis wieder zurückgenommen wurde.“ In der Begründung für den Nobelpreis vor sieben Jahren hatte die Akademie Grass‘ literarischen Einsatz für eine offene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands herausgehoben: „Hier nahm er sich der großen Aufgabe an, die Geschichte seiner Zeit dadurch zu revidieren, daß er das Verleugnete und Vergessene wieder heraufbeschwor: die Opfer, die Verlierer und die Lügen, die das Volk vergessen wollte, weil es einmal daran geglaubt hatte.“ Inzwischen vermuten immer mehr hinter dem späten SS-Bekenntnis des Schriftstellers Medienkalkül. „Wieder einmal hat sich der alte Literatur-Löwe Grass als genialer Medienprofi erwiesen“, sagte der Historiker und frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölzl (62) der Netzeitung. Daß ihn sein Gewissen zu dem Geständnis gezwungen habe, glaube niemand, der sich mit dem Verhältnis von Literatur und Moral auskenne. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch (73), vermutet ebenfalls, daß es sich bei Grass Geständnis um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung seines Buches handelt. Der Netzeitung sagte sie: „Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum.“

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